Die Galerie Stadt Sindelfingen zeigt zwei Ausstellungen. Die eine unterzieht die Sammlung einem besonderen Blick. In der anderen wird mit Virtualität und Räumlichkeit experimentiert.

Die Ausstellung „Denke frei, schaffe neu!“ im zweiten Stock der Sindeflinger Galerie zeigt nicht nur die Befreiung der Kunst von Überkommenem, sondern ist auch ein umfangreicher Querschnitt durch die Städtische Sammlung und Sammlung Lütze. Ein Teil der Biennale die bis zum 26. Juli unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ mit zahlreichen Veranstaltungen stattfindet, ist sie ebenfalls.

 

Den (keineswegs immer linearen) Weg in die Abstraktion und die zeitgenössische Kunst vollzieht die Schau am Beispiel der Malerei nach. Im Schnellverfahren erledigt dies Patrick Fabian Panetta in einer Video-Arbeit über die Geschichte der Konkreten Kunst. Dann steht der Betrachter vor einer „Wall of Bild“ mit dicht gehängten Grafiken, welche sich von Realismus über Expressionismus und Neue Sachlichkeit bis hin zur geometrischen Abstraktion erstrecken.

Restaurierte Prunkstücke

Der große Saal ist den realistischen bis impressionistischen Gemälden bis hin zur Klassischen Moderne gewidmet. Dort finden sich so einige, teils neu mit Landesmitteln restaurierte Prunkstücke der Sammlung. Das älteste ist Fritz von Uhdes religiöses Gemälde „Gang nach Emmaus“ von 1898. Es folgen Bilder der Münchner Malerfürsten wie Franz von Lenbach und Franz von Stuck und „Die Trauernde“ von Otto Dix, das obschon 1930 entstanden, recht naturalistisch wirkt.

An der gegenüberliegenden Wand hängen Werke mit aufgelösterem Duktus. So Max Slevogts impressionistisches Porträt von Helen Levin mit bewegten, lichten Pinselzügen. Oder ein neusachliches, expressionistisches Gemälde von Karl Hofer mit einer Badenden.

Gegenüber der Fensterwand sind Repräsentanten des Hölzel-Kreises versammelt wie ein eindrucksvolles Selbstporträt der Hölzel-Schülerin Ida Kerkovius. Bauhaus-Techniken repräsentiert Martha Hoepffner mit einem Fotogramm, indem Gegenstände direkt belichtet werden und abstrakt Spuren hinterlassen.

Dieses leitet zur Abstraktion über, so zu einem Bild aus der Montaru-Serie von Willi Baumeister in Schwarz und den Primärfarben aus den 50ern und einer Komposition von Max Ackermann in intensiven Blaunuancen. Noch leuchtstarker präsentiert sich eine Arbeit von Rupprecht Geiger. Geometrisch abstrakt und rhythmisiert erscheint ein Bild von Günter Fruhtrunk, dem Designer der Aldi-Tüte. „In der Zeit war Stuttgart und Baden-Württemberg das Kunstzentrum“, sagt die Galerie-Leiterin Hannah Eckstein. Zahlreiche Künstler der Sammlung hätten sich von Zwängen und Konventionen befreit.„Es galten fast alle als entartet“.

Ein Plädoyer für Diversität

Der Ausdruck der wiedererlangten Freiheit nach der NS-Zeit war das Informel, mit gestischen Beispielen wie von Emil Schumacher und Peter Brüning vertreten. Manche wollten indes zum Figürlichen zurück wie Georg Baselitz, der mit Zeichnungen von Birken präsent ist.

Dann geht es in großen Sprüngen Richtung Gegenwart: Mit dem weiblichen Körper und Prothesen setzt sich Rebecca Horn in einer Zeichnung auseinander, mit sexueller Identität der Junge Wilde Salomé. Neu angekauft hat Eckstein ein Bild von Mehmet & Kazim, die von Hip-Hop und Graffiti inspiriert für Diversität plädieren.

Die Hexenverbrennungen in Sindelfingen und Kolonialismus thematisiert eine Arbeit von Andrew Gilbert, wo dieser als „Andrew the Emperor“ auftritt. Jüngstes Werk in der Sammlung ist eine Frau von André Butzer, der expressionistische Science-Fiction mit politischem Gehalt im Comic-Stil betreibt und mit einem Ausschnitt aus Hölderlins „Hyperion“ vor zu großem Einfluss des Staates warnt. Fragt sich nur noch, ob angesichts des Bilderchaos von Social Media und KI für Protest noch die Aufmerksamkeitsspanne reicht.

Was hat Katy Perry mit Fasching zu tun?

Und damit wäre man bei Iris Helena Hamers im Schaufenster junge Kunst angelangt. In der Schau „Syzygy“ (Paarung) verleiht sie virtuellen Bildern wie Screen-Shots aus Social Media, Memes und KI-Generiertem in Form von Mobiles aus Metall Räumlichkeit. So stiftet sie zumindest ästhetisch zwischen Kätzchen und Häschen, Faschingskostümen, Amethysten und Katy Perry einen Zusammenhang, wo nie einer war.

Dauer Beide Schauen sind am Samstag eröffnet worden. Die Ausstellung „Denke frei, schaffe neu“, ist bis zum 5. Juli zu sehen, „Syzygy“ bis zum 12. Oktober. Weitere Infos online unter https://galerie-sindelfingen.de