Galerie Ostfildern Künstlerische Diskurse über das Luxusgut Wohnen
Mit dem neuen Stadtteil Scharnhauser Park setzen sich fünf Künstler in der Ausstellung „Hausordnung“ der Galerie Ostfildern auseinander.
Mit dem neuen Stadtteil Scharnhauser Park setzen sich fünf Künstler in der Ausstellung „Hausordnung“ der Galerie Ostfildern auseinander.
Die Zukunft des Wohnens liegt im Mehrgeschossbau. Steigende Mieten und fehlender Wohnraum belasten viele Menschen. Dass verdichtetes Wohnen auch viele Freiräume bieten kann, zeigt modellhaft Ostfilderns jüngster Stadtteil, der Scharnhauser Park. Da ist die Architektur von Geschossbauten geprägt. „Hausordnung“ heißt die neue Ausstellung in der Galerie der Stadt Ostfildern. Vier Künstler und eine Künstlerin betrachten das Wohnen der Zukunft aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Spannende Perspektiven eröffnet die Schau im Stadthaus im Scharnhauser Park gerade einem Publikum, das den Weg in Kunstausstellungen ansonsten eher selten findet. Dabei wagt die Kuratorin und Galerieleiterin Holle Nann den Spagat zwischen lokalem Bezug und der Lust am künstlerischen Experiment. Steigende Mieten und Wohnraummangel machten Wohnraum heute zum knappen Luxusgut, sagt die Kunsthistorikerin. Wie man lebt, präge die Identität: „Wie und wo wir wohnen beziehungsweise leben, hat Einfluss auf unser Wohlbefinden.“ Doch in Krisenzeiten sei das nicht einfach: „Wohnraum wird zur Kostenstelle und nicht zum Entfaltungsraum.“
Ein architektonisches Kunstwerk ist das Stadthaus, das erste große Projekt des heute international bekannten Künstlers Jürgen Mayer H. Den offenen Galerieraum inszenieren die fünf Künstler bei der „Hausordnung“ beherzt mit. Wie schön, ja spielerisch das Leben in einer Zweckgemeinschaft sein kann, zeigt Oliver Braigs Installation „für einen Sommer oder eine Winternacht“. Fünf Meter hoch ist die Holzkonstruktion. Vogelhäuschen aus Holz, das harzigen Duft in der Galerie Ostfildern verströmt, wachsen an Stämmen ins obere Geschoss der Galerie. Das Kunstwerk setzt starke Zeichen. Stare, Meisen und andere geflügelte Wesen sind zwar nicht zu sehen. Mit den Vogelhäuschen weckt der Stuttgarter Künstler aber Assoziationen an eine harmonische Natur.
Eine gelbgrüne Fahne hat Verena Könekamp geschaffen. Mit roten und violetten Farbflächen untersucht die Plochinger Künstlerin die Stadtentwicklung von Ostfildern. Für das Projekt hat sie intensiv im Stadtarchiv recherchiert. Aus den vier isolierten Filderdörfern wurde in mehr als 50 Jahren eine bewegte Stadt, die auch geografisch immer mehr zusammenwächst. Auf diese dynamische Reise nimmt Könekamp die Betrachter mit. Die stilisierte, farbenfrohe Ästhetik macht Lust, sich mit der Historie Ostfilderns zu beschäftigen.
Verstörend sind die Arbeiten von Marc Dittrich. Der Plochinger Künstler arbeitet mit Papier. Mit dem federleichten Material bildet er drei bekannte Hochhäuser nach, die allesamt in Berlin stehen – unter anderem das Shellhaus, einen Stahlskelettbau aus dem Jahr 1931. Vom dreidimensionalen Bildnis des Gebäudes hängt geschreddertes Papier. Das feste Gebilde löst sich vor den Augen der Betrachter auf, gerät aus den Fugen. Damit zeigt der Künstler die Fragilität vermeintlich massiver Gebäude – und wirft damit unterschwellig die Frage auf, wie sie etwa in Kriegszeiten oder bei Naturkatastrophen besser geschützt werden können.
Zu ungewohnten Sehweisen verführt der Stuttgarter Künstler und Architekt Karl-Heinz Bogner die Betrachter. In der Mitte des Raums ist ein riesiger Zeichentisch aufgebaut. Da gibt es nicht nur Modelle zu entdecken, wie sie Architekten entwerfen. Mit Zeichnungen, Fotos und anderen Schnipseln weckt der Künstler Assoziationen, ohne dabei konkret zu werden. Manche der Ausschnitte erinnern an Stadtbahnhaltestellen oder an die Landschaftstreppe im Scharnhauser Park. Karl Heinz Bogners ungewöhnlicher Blick auf den jüngsten Ostfilderner Stadtteil, der auf dem ehemaligen Kasernengelände entstanden ist, macht Lust, die eigene Umgebung neu zu entdecken.
Als Fotografen kennen viele den Ostfilderner Uwe Keller. Bei der „Hausordnung“ präsentiert er sich als Maler. Mit strengen geometrischen Formen führt er die Betrachter in Häusergruppen, Modellstädte und über die Dächer. Obwohl sich Keller streng an der Form orientiert, haben seine Arbeiten etwas Spielerisches.
Angesichts dieser künstlerischen Vielfalt hat der Titel „Hausordnung“ etwas Provokantes. Der Kuratorin Holle Nann ist es gelungen, fünf starke Positionen zu dem sozialen Top-Thema Wohnen zu vereinen. Ihr ist es wichtig, mit den Kunstwerken Diskurse in Gang zu bringen: „Die Frage, wie wir als Individuen im Rahmen der Gesellschaft leben wollen und können, muss stets aufs Neue ausgehandelt und beantwortet werden.“ Da ist der Scharnhauser Park für sie ein ideales Experimentierfeld.
Die Ausstellung „Hausordnung“ ist bis zum 7. Juli zu den Öffnungszeiten der Galerie im Stadthaus, Scharnhauser Park, Gerhard-Koch-Straße 1, zu sehen: dienstags und donnerstags von 15 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 12 Uhr sowie sonntags von 15 bis 18 Uhr. Im Rahmen der Reihe „Kunst erleben!“ gibt es Führungen für kunstinteressierte Erwachsene und Jugendliche an den Sonntagen des 17. Mai und des 28. Juni, jeweils 16 Uhr.