Galerie Stihl Waiblingen zeigt zeitgenössische Zeichnungen Die Linie, das Multitalent

Katharina Hinsberg hat auf 934 Papierbögen eine Linie gezeichnet, die Blätter gestapelt  – und so  eine neue Linie geschaffen. Foto: Stoppel
Katharina Hinsberg hat auf 934 Papierbögen eine Linie gezeichnet, die Blätter gestapelt – und so eine neue Linie geschaffen. Foto: Stoppel

Flächen, Dreidimensionalität, Bewegung – erstaunlich vieles lässt sich mit der Hilfe von Linien darstellen. Eine Ausstellung in der Galerie Stihl Waiblingen lotet die Möglichkeiten aus.

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Waiblingen - Zeichnen ist die Kunst, Striche spazieren zu führen“ – so hat es der Künstler Paul Klee auf den Punkt gebracht. Ein überraschender und abwechslungsreicher Spaziergang zum Thema Zeichnung erwartet nun Besucher der Galerie Stihl in Waiblingen. Dort eröffnet am Freitag die Ausstellung „Die Linie ist Gedanke“. Sie zeigt Arbeiten von zwölf zeitgenössischen Kunstschaffenden, welche alle eines gemeinsam haben: Sie arbeiten mit Linien. Manche der Exponate sind erst vor wenigen Wochen vollendet worden – zum Beispiel die Arbeit von Pia Linz mit dem Titel „Hermannplatz“, die erstmals öffentlich zu sehen ist. Die Künstlerin hat diesen Ort über einen Zeitraum von etlichen Jahren beobachtet und als großformatige Zeichnung protokolliert, wie sich der Platz in Berlin gewandelt hat. Eine Langzeitstudie, die großer Konsequenz bedarf, wie die Galerie-Leiterin Silke Schuck betont.

Was ist innen, was ist außen?

Im Falle des Exponats mit dem Titel „Schillerpromenade 32/Hinterhof“ hat sich Linz in ein 1,50 Meter großes, mehreckiges Gehäuse aus Acrylglas gesetzt und an dessen Innenwände das gezeichnet, was sie außerhalb sah. Die Beobachtungen kann der Besucher in der Galerie Stihl von außen betrachten – und sich die Frage stellen: was ist nun innen und was ist außen?

Die Gefahr, die vermeintlich simple Linie zu unterschätzen, ist groß. Doch wer durch die Galerie Stihl geht, wird schnell eines besseren belehrt. „Die Ausstellung zeigt, was alles möglich ist mit einer Linie“, erklärt Silke Schuck: Sie kann farbige Flächen erschaffen, wenn man wie der Stuttgarter Künstler Thomas Müller mit einem Kugelschreiber akribisch einen feinen blauen Strich neben den anderen setzt. Sie kann Räumlichkeit bewirken, wenn sie umkehrt, wie dies bei Karim Noureldin der Fall ist. Oder sie kann das emsige Treiben von Ameisen, den akrobatischen Flug von Schwalben, die sanfte Bewegung von Ästen im Wind zeigen, wie Arbeiten von Karoline Bröckel beweisen. Die Künstlerin übersetzt die Bewegungen, die sie in der Natur beobachtet, in Linien und bannt sie auf Papier.

Linien, mit dem Skalpell geschnitten

Katharina Hinsberg wiederum schneidet mit einem scharfen Skalpell ein bisschen nach Art des Scherenschnitts Linien aus dem Papier und schichtet sie übereinander. So entstehen beispielsweise zarte Gewebe wie beim Kunstwerk „Netz“ . Für das Exponat „Nulla dies sine linea“ – „Kein Tag ohne Linie“ hat Hinsberg mit Tusche eine Linie auf Papier gebannt, ein weißes Blatt darübergelegt und den leicht durchschimmernden Strich durchgepaust – mit einer unvermeidbaren minimalen Abweichung. Das Prozedere hat die Künstlerin insgesamt 934 Mal vollzogen. Die fast tausend Blätter bilden einen Quader, an zwei seiner Seiten wandert die Linie, das Produkt aus 934 Punkten, auf dem Papier.

„Linien ziehen erfordert viel Zeit“, sagt Silke Schuck – obendrein seien Durchhaltevermögen und Konsequenz vonnöten. Bei der US-Amerikanerin Linda Karshan kommt noch der sportliche Aspekt hinzu: Ein kurzer Videoclip in der Ausstellung zeigt, dass sie ihren Stift als Verlängerung der eigenen Körperachse nutzt, wobei schnurgerade Linien entstehen.




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