Weltweite Bezüge und Abhängigkeiten
„Positionen aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika zu zeigen war vor allem in den 70er und 80er Jahren unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Bettina Korintenberg, die Anfang 2021 die Leitung der Galerie übernommen hat. „In den 90ern“, so die promovierte Kulturwissenschaftlerin, „hat sich die rein ethnografische Perspektive erweitert.“ Zum Beispiel würdigte die ifa-Galerie herausragende Einzelpersönlichkeiten wie den Chilenen Alfredo Jaar, beleuchtete Architektur im globalen Kontext oder erweckte die historische Seidenstraße zum Leben. „Der kuratorische Ansatz der ifa-Galerie“, betont die Hausherrin, „stellt weltweite Bezüge und Abhängigkeiten heraus.“ Das hätte lange Zeit nicht in ein nationales Denken gepasst, das von Abgrenzungsbemühungen geprägt war.
Organisatorisch untersteht die Galerie der Kunstabteilung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), das die deutschen Beiträge auf Auslandsbiennalen (allen voran der venezianischen) betreut und Kunst aus Deutschland in Partnerländer vermittelt. Die Gründung der ifa-Galerie 1971 verfolgte auch das Ziel, kulturelle Kontakte zu vertiefen.
Weltweites Netzwerk im Hintergrund
Die Raumverhältnisse am Charlottenplatz sind verglichen mit der Staatsgalerie oder dem Kunstmuseum relativ begrenzt, doch Korintenberg wertet das eher als strategischen Vorteil: „Kleine Strukturen reagieren flexibler auf neue Situationen, weil sie weniger Reglementierungen unterliegen.“ Vom Engagement in der auswärtigen Kulturpolitik, glaubt Korintenberg, profitiere nicht zuletzt die Stuttgarter Bevölkerung, der das Ausstellungsprogramm eine Schnittstelle zwischen dem Lokalen und dem Globalen biete. „Mit ihrem weltweiten Netzwerk im Hintergrund bringt die ifa-Galerie diverse Impulse in die Stadtgesellschaft ein.“ Dieses Potenzial sei umso kostbarer, als der gesamte Planet gerade eine Epoche gesellschaftlicher Umbrüche durchmache. „In solchen Transformationsphasen“, ist die Ausstellungsmacherin überzeugt, „kommt der Kunst eine besondere Bedeutung zu.“ Künstlerische Praxis könne sowohl das Bestehende hinterfragen, als auch das Kommende erträumen.
Fokus auf die Umweltthematik
Im Unterschied zu ihrer Vorgängerin strebt Korintenberg längerfristige Kooperationen an. Insbesondere, um Künstlern eine stabile Arbeitsbasis und die Chance der intensiven Durchdringung eines Themas zu bieten. „Eine Ausstellung ist für mich eine Station auf einem gemeinsamen Weg – und nicht das Ende einer Zusammenarbeit.“ Inhaltlich liegt Korintenberg vor allem die Umweltthematik am Herzen. War sie doch zuvor am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien tätig und hat dort das „Critical Zones“-Projekt mitbetreut, das sich mit der Verzahnung von ökologischer und sozialer Problematik beschäftigt.
Doch auch die Konsequenzen der Kolonialepoche treiben die Galeriechefin um. Davon zeugt die aktuelle Schau „Eine natürliche Ordnung der Dinge“, die Arbeiten von Lothar Baumgarten und Gabriel Rossell Santillán zusammenführt. Beide Künstler setzen sich mit Wissensformen indigener Gesellschaften in Süd- beziehungsweise Mittelamerika auseinander, wobei die Werke von Baumgarten aus dem hauseigenen Fundus des Instituts stammen. Denn zu Korintenbergs Zukunftsplänen gehört auch das Konzept, die Galerie stärker an die sonstige Tätigkeit des Instituts anzubinden.
Der Bilderschatz wird vereint
Dabei kommt der Kuratorin zugute, dass sich die ifa-Kunstabteilung kürzlich vorgenommen hat, ihren reichen Sammlungsbestand aufzuwerten. Bislang nämlich waren die etwa 23 000 Werke auf drei Depots in Stuttgart und ein weiteres in Berlin verteilt. In Zukunft wird der Bilderschatz, der Arbeiten von Max Ernst bis Ai Weiwei umfasst, an einem zentralen Standort im Raum Stuttgart vereint. Gleichzeitig soll die gesamte ifa-Kollektion für Interessenten aus dem In- und Ausland digital zugänglich gemacht werden. Das wäre dann ein noch größeres „Schaufenster zur Welt“.
Jubiläumsprogramm und Ausstellung
Vortrag
Freitag, 16. Juli, um 19 Uhr, sprechen der Kurator Shwetal A. Patel und die Kunsthistorikerin Melanie Vietmeier über „Biennale Praktiken“. Samstag, 17.7. (ab 17.15 Uhr) schauen die Ex-Chefin Iris Lenz und Hermann Pollig, der Leiter des ifa-Ausstellungsdienstes, auf 50 Jahre ifa-Galerie zurück. Die StZN-Autorin Petra Mostbacher-Dix moderiert das Gespräch. ifa-Galerie, Charlottenplatz 17, www.ifa.de
Ausstellung
Die Ausstellung „Eine natürliche Ordnung der Dinge“ konfrontiert Kunst von Lothar Baumgarten (1944-2018) mit Arbeiten seines Schülers Gabriel Rossell Santillán. Zu sehen sind Kunstbücher, Fotografien und Videos über die Wixárika-Gemeinschaft aus Mexiko und die Yãnomãmi, die im Grenzgebiet von Venezuela und Brasilien leben. Läuft bis 26. September, Di bis So 12 – 18 Uhr.