Galerien-Rundgang am Wochenende Stuttgart lädt zum Art-Alarm

Bei Kernweine zu sehen: Thalía Gochez’ Fotoarbeit „Reflections“ in der Ausstellung „Who am I? I am“ Foto: Galerie Kernweine/Thalía Gochez

Stuttgarts Galerien eröffnen mit dem Art-Alarm am 24. und 25. September die Herbstsaison. Der Kunstmarkt spürt die Krise, dennoch geben sich die Händler zuversichtlich.

Viele Besucher hätten auch früher schon den Mantel anbehalten, sagt Günter Baumann. Deswegen glaubt der Mitbetreiber der Galerie Schlichtenmaier auch nicht, dass Sammler wegbleiben, weil die Ausstellungsräume demnächst vielleicht etwas kälter werden. Baumann selbst hofft, der Gasmangellage und den unfreundlicheren Temperaturen mit einem Extrapullover trotzen zu können. Doch nicht nur dank wärmender Wolltextilien blickt der Stuttgarter Kunsthandel grundsätzlich mit Optimismus auf die kommenden Monate. An diesem Wochenende läutet die private Ausstellungsszene mit dem Art-Alarm die neue Kunstsaison ein. „Wir erwarten mehr Zustrom als in den Vorjahren“, verrät Baumann.

 

Der dritte Art Alarm im Zeichen der Krise

Dabei ist der herbstliche Eröffnungsrundgang der dritte seiner Art im Zeichen einer Krise – einer doppelten Krise: Zusätzlich zum Ukraine-Konflikt ist wieder mit schlechteren Nachrichten von der Pandemiefront zu rechnen. Doch zumindest das Coronavirus beunruhigt den Kunstvermittler weniger. „Einige Kunden meiden zwar weiter den Vernissagenrummel, kommen dann aber zur normalen Öffnungszeit.“ Falls Zugangsbeschränkungen oder eine Maskenpflicht wiederkämen, hätte dies für die Galerien kaum negative Folgen. „Anders wäre das bei einem harten Lockdown“, meint Baumann. Damit aber rechne kaum noch jemand.

Die Energiekrise schlägt auf den Kunstmarkt durch

Die stärkeren Erschütterungen auf dem Kunstmarkt gingen auf die hohen Energiekosten und deren wirtschaftliche Konsequenzen zurück. „Im unteren und mittleren Segment sehen wir tatsächlich eine gewisse Zurückhaltung bei den Käufern.“ Während die Mittelschicht aus Angst, das Geld könne bald nicht mehr reichen, die Ausgaben für kulturelle Werte einschränkt, handeln Großverdiener und Investoren anders. „Die Unsicherheit auf den Aktienmärkten“, so Baumann, „begünstigt hochpreisige Werke.“ Etablierte Gegenwartskunst und Klassische Moderne erscheinen jetzt erst recht als attraktive Wertanlage. Was das Programm von Schlichtenmaier betreffe, beobachte man diesen Trend etwa bei dem schwäbischen Avantgardisten Willi Baumeister, der aktuell stark gefragt sei. Zum Art-Alarm allerdings setzt die Galerie mit Camill Leberer auf eine zeitgenössische Position. Der Objektkünstler ist für den Sparda-Kunstpreis nominiert, den das benachbarte Kunstmuseum ausrichtet. „Davon erhoffen wir uns positive Effekte auf unsere Ausstellung.“

Die Preissteigerung trifft die Künstler hart

Gelassen gibt sich auch Berthold Naumann. Der Geschäftsführer der Galerie von Braunbehrens ist soeben aus Berlin zurückgekehrt, wo er die Kunstmesse „Positions“ besucht hat. „In den Kojen war weniger Russisch zu hören als vor der Invasion“, erzählt er. Das fehlende Oligarchengeld schlage nur bei internationalen Großgalerien und Auktionshäusern negativ zu Buche, nicht auf dem Stuttgarter Kunstmarkt. Gleichwohl spüre man auch hier die weltweiten Verwerfungen: „Die Preissteigerung trifft viele Kunstschaffende hart.“ Zum einen müssen sie neben der Wohnung auch noch das Atelier heizen, zum anderen treibt die Knappheit bei den Rohstoffen auch die Materialkosten der Kreativen in die Höhe: „Die Bildhauer leiden unter gestiegenen Stahl- und Holzpreisen, die Maler merken es bei der Ölfarbe.“ Viele Künstler und Galeristen hielten sich derzeit allerdings noch damit zurück, die Preise anzupassen. „Wir hoffen, dass die Inflation wieder sinkt.“

Der schlechte Eurokurs macht Probleme

Anders äußert sich Klaus Braun von der Galerie Braun: „Teilweise muss ich die höheren Aufwendungen der Künstler schon weitergeben.“ Das betreffe nicht zuletzt den Amerikaner Donald Martiny, dessen Farbobjekte Braun beim Art-Alarm gemeinsam mit Wandplastiken von Franziska Reinbothe präsentiert. „Martiny ist nicht nur wegen der happigen Produktions- und Transportkosten teurer geworden“, sagt der Galerist. Bei Werken amerikanischer Künstler sorge auch der schlechte Eurokurs für Probleme auf dem deutschen Kunstmarkt. Was also tun? „Wenn die Bilder sehr hochpreisig sind“, so der Kunsthändler, „können Sie sich als Verkäufer überlegen, ob Sie geringere Gewinnmargen akzeptieren. Der Spielraum dafür wird aber umso enger, je günstiger die Arbeiten sind.“ In erster Linie müssen also kleine Galerien und jüngere die Krise ausbaden, während ganz oben die Party weitergeht. Die Fliehkräfte der ökonomischen Gesamtsituation – sie haben auch den Kunstmarkt erfasst.

Infos und Programmauswahl

Galerie Fuchs
Im Berlin der siebziger Jahre war alles möglich, auch die genial hingefetzten Bilder von Rainer Fetting. Als prominentester Gast des Art-Alarms zeigt der zum Altmeister gewordene Neue Wilde in der Galerie Fuchs aktuelle Arbeiten, so kraftvoll wie eh und je.

Schacher
Malerinnen gibt’s, die gibt’s gar nicht: Paula Pelz zum Beispiel. Die bei Schacher angekündigte Künstlerin ist eine Erfindung des Stuttgarter Akademieabsolventen Jan-Hendrik Pelz, der sich mit ironischen Aktionen über das Kunstsystem einen Namen gemacht hat.

Galerie Sturm
Räume sind Flächen und Flächen sind Räume. Die konstruktiven Wandreliefs von Wolfram Ullrich basieren auf dem Prinzip des illusionistischen Kippspiels. Nun fordern die geometrischen Augentäuschungen in der Galerie Sturm die Gesetze der Optik heraus.

Galerie Hauff
„Next stop, happy end“ überschreibt Frank Ahlgrimm seinen Soloauftritt in der Galerie Hauff. Mit einem allzu glücklichen Ausgang sollte man aber nicht rechnen, denn die konzeptuelle Malerei des Berliners dreht sich um Katastrophenszenarien.

Art-Alarm
Seit mehr als zwanzig Jahren kehrt die Stuttgarter Kunstszene mit dem Art-Alarm aus der Sommerpause zurück. Dieses Jahr nehmen insgesamt neunzehn Galerien an dem Vernissagen-Hopping teil, das wegen der Pandemie bereits einen kleineren Frühjahrsableger hatte. Alle Ausstellungen sind am Samstag von 11 bis 20 und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Alle Infos unter www.art-alarm.de

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