Herr Kromeier, der Kulturbetrieb ächzt, die Galerien laden zwei Mal im Jahr zum Art Alarm ein. Ihnen geht es gut?
Im Grunde ist die Pandemie daran schuld, dass wir den Art Alarm jetzt zweimal veranstalten. Wir hatten zu ihm immer ein Booklet herausgebracht. Durch sie ständigen Öffnungen und Schließungen konnten wir aber nicht mehr kalkulieren, ob wir es für den Mülleimer produzieren. Also haben wir beschlossen, dass man die Informationen viel besser und sogar mit interaktiver Stadtkarte auf der Webseite präsentiert – und wir stattdessen im Frühjahr und im Herbst zum Art Alarm laden. Ich bin froh, dass immer noch dieselben 18 Galerien mit dabei sind.
Sind denn alle gut durch die Krise gekommen? Oder eher mit blauen Augen?
So hat man den Eindruck. Wir selbst sind ganz zufrieden und haben festgestellt, dass die Zutraulichkeit des Publikums zum Internet gewachsen ist. Die Kundschaft hat sich über den Lockdown daran gewöhnt.
Man kann auch so in Galerien vorbeischauen. Brauchen die Leute einen solch speziellen Anlass, um sich auf den Weg zu machen?
Das glaube ich schon. Außerdem gehören wir kommerziellen Galerien zum Einzelhandel und haben standardmäßig nicht am Sonntag geöffnet. Es gibt auch Plakate in der Stadt und wir schalten Anzeigen – und sind dadurch als Galerienszene erkennbar.
Gleichzeitig machen Sie sich gegenseitig Konkurrenz, weil man nicht überall hingehen kann.
Wir sind zwar Händler, aber der primäre Fokus liegt nicht darauf, zu verkaufen, sondern interessiertes Publikum in die Galerien zu locken, das sonst nicht kommt. Trotz des Wettbewerbs, den es um den recht überschaubar großen Kunstmarkt durchaus gibt, steht beim Galerienrundgang für uns die gemeinsame Aktion im Vordergrund. Wir wollen Flagge zeigen für die Kunst und ihre Vermittlung in den privat geführten Galerien.
Den Luxus eines Shuttle-Service leisten Sie sich nicht mehr?
Zu Pandemiezeiten wäre der Shuttle ohnehin indiskutabel gewesen. Mit den Außenstationen in Möhringen und Weilimdorf kostet ein Shuttle locker 15 000 Euro. Unser wertvollster Sponsor ist die Stadt Stuttgart – und einen Shuttle zu finanzieren, ist nicht die Aufgabe der Stadt. Wir hatten mal einen Sponsoring von Porsche, da haben sich Szenen vor den Galerien abgespielt und es war für einige interessanter, im Porsche zu sitzen, statt in die Galerie zu gehen. Es wurde gedrängelt und gab Unfrieden. ÖPNV, E-Bikes und Elektroscooter sind doch gute alternative Möglichkeiten.
Es gibt auffällig viel Malerei. Sind neue Kunstformen wie Performance oder neue Medien nicht lukrativ für den Kunsthandel?
Stimmt, es werden eher die traditionellen Formen ausgestellt. Aber ich bin ja froh, dass Malerei vorne steht.
Darf jeder mitmachen? Oder gibt es eine gewisse Qualitätskontrolle für die interessierten Galerien?
Qualitätskontrollen gibt es nicht. Wir haben Kriterien festgelegt – regelmäßige Öffnungszeiten, eine bestimmte Anzahl an Ausstellungen pro Jahr oder auch die Teilnahme an Kunstmessen. Wenn jemand keine festen Räume hat und nur von den Marketingmaßnahmen profitiert, ohne sich den Mühen eines laufenden Galerieprogramms zu unterziehen, wäre das nicht gut. Deshalb werden Anträge beraten und wird gemeinschaftlich im Verein entschieden.
Die Corona-Auflagen sind aufgehoben. Machen Sie weiter wie vor Corona oder werden Sie Dinge beibehalten?
Erhalten bleibt uns der Desinfektionsspender. Aber ich bin über das Wegfallen der Maskenpflicht froh.
Offene Türen für alle
Generationswechsel
Über Jahrzehnte gehörte die Galerie Valentin zu den führenden Kunsthäusern der Stadt. In den vergangenen Jahren hat Freerk Valentin die Galerie mit seiner Tochter Imke geleitet. Sie hat inzwischen eigene Räume in der Liststraße 28/1 eröffnet. Die Galerie Imke Valentin zeigt zum Art Alarm Anna Ingerfurth und ihre mitunter surreal anmutenden Menschenräume.
Nachwuchs
Klein, aber der heimliche Hoffnungsträger der Stadt: Die Galerie Kernweine ist keine Galerie im klassischen Sinne, sondern wird von einem Kollektiv betrieben. Das Café hilft nicht nur bei der Finanzierung, sondern ermöglicht auch regelmäßige Öffnungszeiten der Ausstellungen. Den Namen hat man vom Vormieter übernommen. Zum Art Alarm werden Poster gezeigt von dem gemeinnützigen Kooperationsprojekt Free Poster des Stuttgarter Designstudios Matter Of. (Cottastrasse 4-6).
Person
Kay Kromeier ist Partner in der Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier am Kleinen Schlossplatz. Außerdem ist er Sprecher und Erster Vorstand des Vereins, zu dem sich die 18 Galerien zusammengeschlossen haben, um den zweitägigen Galerienrundgang Art Alarm zu organisieren.
Info
Am Samstag sind die Galerien von 11 bis 20 Uhr und am Sonntag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Infos unter www.art-alarm.de. adr