Gangolf Stocker gilt als der Kopf der Bürgerbewegung gegen Stuttgart 21. Mittlerweile fühlt er sich von Mitstreitern hintergangen.

Stuttgart - In seinem Atelier stehen drei Ikarus-Bilder in Öl. Eines ist fertig: Der Mann mit den Flügeln ist abgehoben und fliegt über einer stilisierten Schwarzwaldlandschaft. Gangolf Stocker malte die Bilder ohne zu wissen, dass er bald selbst abheben wird - getragen von den Proteststürmen des Jahres 2010. Das Gemälde über den Absturz des Ikarus bleibt unvollendet, die Staffelei unberührt. "Seit 2009 stand ich immer unter Strom. Da entstehen keine Bilder im Kopf", erzählt der Maler im Atelier seiner schlichten Altbauwohnung in Stuttgart-Gaisburg.

Gangolf Stocker ist 66 Jahre alt. Schlohweißes Haar und spärlicher Kinnbart. Laut der "Financial Times Deutschland" ist er "der härteste Gegner für Stuttgart 21", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erkennt in ihm den "Herrn über Krieg und Frieden in der Landeshauptstadt". Nie hätte Stocker sich träumen lassen, dass Stuttgart als Protesthauptstadt Schlagzeilen machen würde, eine Stadt, die als bieder und langweilig verschrien war. Mit teuren Werbekampagnen wollten die Landesregierungen von Lothar Späth bis Stefan Mappus das Image Baden-Württembergs verändern. Stocker und die vielen demonstrierenden Wut- und Mutbürger schafften es. Und schon spricht die Wochenzeitung "Die Zeit" von der "Stuttgarter Republik" - nach der Weimarer, der Bonner und der Berliner.

Stocker stellt sich gegen Bahnmanager und Verkehrsexperten

Der Mann, der in der Eisenbahnersiedlung Galgenfeld im badischen Offenburg aufwuchs, ist nach dem Grünen-Stadtrat Werner Wölfle mittlerweile der bekannteste Gemeinderat der Landeshauptstadt. "Auf Augenhöhe", sagt Heiner Geißler (CDU) im Herbst 2010 bei Anne Will vor einem Millionen-Fernsehpublikum, müsse Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) wegen der vielen Versäumnisse mit Stocker nun verhandeln. Spätestens Geißlers Fakten-Check im Stuttgarter Rathaus zeigt, dass der gelernte Vermessungstechniker zu einem Verkehrsexperten geworden ist, der es mit Bahnmanagern und Verkehrspolitikern gut aufnehmen kann.

Der größte Erfolg der Bewegung gegen Stuttgart21 steht zu diesem Zeitpunkt noch bevor. Zehntausende feiern am Wahlabend Ende März 2011 auf dem Stuttgarter Schlossplatz das Ende von fast 60 Jahren CDU-Herrschaft im Südweststaat. Stocker, einer der die Sprecher des Aktionsbündnisses, wäre bei der "Mappschiedsparty" auf Händen getragen worden. Doch er hat sich ins Theaterhaus zurückgezogen, grollt mit etlichen seiner Mitstreiter. Ein tragischer Held wie Ikarus?

Gangolf Stockers Lebensweg hat tiefe Furchen in seinem Gesicht hinterlassen. Er hat noch nie den Konflikt gescheut: "Ich lasse mir nicht gerne von anderen sagen, was ich zu machen habe." 1965 sorgt er bei seiner ersten Einzelausstellung im Ritterhaus der Stadt Offenburg für einen Skandal. Ein Frauenakt dürfe nicht ausgestellt werden, verfügen die Kulturoberen der Stadt, da die Dame menstruierend gezeigt würde. Stocker erklärt, es seien nur zufällige Farbspuren. Aus Protest hängt er bei der Vernissage nicht nur den kritisierten Akt, sondern kurzerhand auch alle anderen Bilder ab.

Als Kriegsdienstverweigerer beginnt das politische Engagement

Der junge Mann lehnt den Wehr- und den Zivildienst ab. Eine Entscheidung, die ihm 15 Tage Untersuchungshaft, eine Bewährungs- und eine Geldstrafe einbringen. "Meine Lehre damals war: keine Alleingänge mehr", sagt Gangolf Stocker. Beim Verband der Kriegsdienstverweigerer, dessen Sprecher in Mittelbaden er zeitweise ist, beginnt das politische Engagement. Nach fünf Jahren in der SPD wechselt er zur Deutschen Kommunistischen Partei; erst Gorbatschow führt zum Bruch. 23 Jahre arbeitet er beim Thieme-Verlag in Stuttgart, viel Jahre davon als Betriebsrat - bis die Geschäftsleitung den unbequemen Interessenvertreter endlich los wird.

Stocker engagiert sich schon früh politisch

Die Vorstellung der ersten kritischen Broschüre über Stuttgart 21 (Autor ist Winfried Wolf) wird 1995 zur Initialzündung für die Gründung der Initiative "Leben in Stuttgart - Kein Stuttgart 21". Gangolf Stocker ist von Anfang an dabei. Vier Jahre später gründet er die Liste "Parteilos glücklich" und kandidiert für den Stuttgarter Gemeinderat. Ohne Erfolg. Trotzdem tritt der parteilos Glückliche der in Baden-Württemberg unbedeutenden PDS bei und leitet vom Jahr 2000 an die Landesgeschäftsstelle. Nach sechs Jahren verlässt er die Partei wegen Meinungsverschiedenheiten.

Einer der Streitpunkte mit der PDS war die Gründung des parteilosen Bündnisses "Stuttgart Ökologisch Sozial" (SÖS) im Jahr 2004, die Stocker massiv unterstützt hatte. Hannes Rockenbauch, der junge Listenführer, gewinnt auf Anhieb einen Sitz im Gemeinderat. Gangolf Stocker wird sein Berater im Rathaus.

Der Sprung ins Stuttgarter Stadtparlament gelingt 2009

Bei der Gemeinderatswahl 2009 gelingt dem Stuttgart-21-Gegner Stocker endlich selbst der Sprung ins Stadtparlament. SÖS kann drei Mandate erringen und bildet gemeinsam mit den zwei Stadträten der Linken eine Fraktionsgemeinschaft. Doch die Aktivitäten gegen Stuttgart 21 dominieren Stockers Leben im Protestjahr 2010 und während der ersten Monate des Jahres 2011. Er, der Jahrzehnte lang in kleinen Gruppen Politik machte und wenig Resonanz hatte, steigt innerhalb kurzer Zeit zu den bekanntesten Protestköpfen der Republik auf. Auf der Straße sprechen ihn die Leute an: "Ich kenne Sie vom Fernsehen." Sein Atelier nutzt Stocker nur noch, um klassische Musik zu hören.

Den Wendepunkt markiert die 69. Montagsdemonstration vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Es ist der Tag nach der Niederlage von Schwarz-Gelb bei der Landtagswahl. Und es ist Stockers letzter Auftritt als Sprechers des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Der Vater der Bewegung stellt die Zukunft der Montagsdemos in Frage, kündigt seinen bereits mehrmals angedrohten Rückzug aus dem Bündnis an und missbilligt eine Presseerklärung des Sprechers der Parkschützer, Matthias von Herrmann. Herrmann hätte sich davon distanzieren sollen, dass Teile des Bauzauns am Nordeingang des Bahnhofes in der Wahlnacht von randalierenden Menschen demontiert wurden, erklärt Stocker vor den versammelten S-21-Gegnern. Am Tag danach ruft Bahnchef Rüdiger Grube in Stuttgart an, um Stocker für die kritischen Worte seine Hochachtung auszusprechen.

Im Aktionsbündniss brodelt es

Lange wurden die Spannungen innerhalb des Aktionsbündnisses unter der Decke gehalten, sodass die Öffentlichkeit kaum Notiz davon nahm. Doch es brodelt gewaltig. 2010 entwickelt sich in Stuttgart explosionsartig eine Bewegung, die zum Teil von Leuten getragen wird, die neue Protestformen ausprobieren wollen oder sich erstmals öffentlich in der Politik einmischen. Gangolf Stocker kann zwar gegen den anfänglichen Widerstand der Grünen durchsetzen, dass ein Teil dieser Gruppen ins Aktionsbündnis aufgenommen wird - die Parkschützer, die Gewerkschafter gegen S21, die Linke und die SÖS. Doch im Herbst ist er selber nicht mehr besonders glücklich mit der erweiterten Anti-Tiefbahnhof-Allianz. Bei einem Interview für den Dokumentarfilm "Stuttgart steht auf" lobt er diese Strategie zwar noch. Doch als die Kamera aus ist, äußert er bereits Zweifel. Zu chaotisch, zu schwerfällig sei das aufgeblähte Bündnis, sagt er. Zum Ende des Protestjahres haben sich so viele Gruppen und Initiativen mit eigenen Aktionsvorschlägen gebildet, dass niemand mehr einen Überblick hat. Die Bewegung besitzt ein eigenes Fernsehprogramm, Flügel-TV, und eine eigene Zeitung. Doch wer soll den Widerstand führen? Und vor allem: wie?

"Wir waren häufig schlicht überfordert", sagt der Schauspieler Walter Sittler, eine der Galionsfiguren des S-21-Widerstandes. "In einer jungen und kreativen Bürgerbewegung dieser Größe und dieser Vielfalt wäre es ein Wunder, wenn es nicht auch einmal menscheln würde." Gangolf Stocker habe manchmal eigenmächtig gehandelt, wodurch die Spannungen im Bündnis noch größer geworden seien. Nichtsdestotrotz sei er ein "Urgestein des Widerstands", einer, den die Bewegung gebraucht hat.

Streit mit den Parkschützern

Immer noch sehr gut ist Stockers Verhältnis zu SÖS-Stadtrat Rockenbauch: "Der Hannes ist reif geworden", sagt sein politische Ziehvater. Dafür, dass sich Rockenbauch im Sommer 2010 an der Besetzung des Nordflügels beteiligte, hätte er ihm allerdings am liebsten die Ohren langgezogen. Nicht, dass Stocker etwas gegen zivilen Ungehorsam hätte, aber er will sich nicht mit kleinen Protestgrüppchen von der großen Bürgerschar isolieren. "Als Linker habe ich erlebt, wie wir uns unsere Niederlagen selber zufügen.", sagt er. Der Protest müsse so organisiert werden, "dass die Leute, die zum ersten Mal vorbeikommen, so begeistert sind, dass sie wieder kommen - auch die Ängstlicheren unter ihnen."

Der Mann, dessen Vater Hilfsarbeiter war, ist stolz darauf, dass er auch in der Halbhöhenlage Unterstützer und Spender findet, dass ihn das Bildungsbürgertum anerkennt - ihn, einen ehemaligen Kommunisten, der nur einen Volksschulabschluss vorweisen kann. Mit einigen seiner ursprünglichen Mitstreiter spricht er indes nicht mehr. Stocker fühlt sich hintergangen, er ist verletzt. Und er ist nachtragend.

Stocker kritisiert die Parkschützer

Schon früh kommt es zum Zerwürfnis mit den Parkschützern. Stocker wirft ihnen immer wieder vor, sich nicht an Absprachen zu halten, eigene Pressearbeit zu machen und die von ihm angemeldeten Montagsdemonstrationen des Bündnisses für eigene Aktionen zu nutzen. Wenn er darüber spricht, will er nicht unterbrochen werden. Sein gekränkter Stolz lässt wenig Widerspruch zu. "Die haben so etwas wie ein Vaterproblem mit mir", sagt er.

Matthias von Herrmann, der Sprecher der Parkschützer, sagt, er erkenne Stockers Verdienste selbstverständlich an. Er sagt aber auch: "Gangolf Stocker ist autoritär, rechthaberisch und unberechenbar."

Obwohl Stocker und das Aktionsbündnis für den Wahlabend ins Theaterhaus einladen, organisert Matthias von Herrmann zusammen mit einigen Parkschützern auf dem Schlossplatz eine Konkurrenzveranstaltung: die "Mappschiedsparty". Von Herrmann lädt Stocker als Redner ein - wie auch den SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch, die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender, den Theaterregisseur Volker Lösch, den langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Peter Conradi und andere prominente S-21-Gegner. Alle erscheinen, nur Gangolf Stocker bleibt der Party auf dem Schlossplatz fern. Nicht die Sonne hat ihm die Flügel weich gemacht wie bei Ikarus und auch nicht der Wahlerfolg von Grün-Rot, der auch sein Erfolg ist: Er selbst steht sich schließlich im Weg, seine Dünnhäutigkeit und vermutlich auch die große Anspannung, die ihn Monate lang nicht hat zur Ruhe kommen lassen.

Kurz vor Ostern malt der 66-Jährige erstmals wieder. Drei kleine Pastellblätter. An die Ölfarben traut sich Gangolf Stocker noch nicht. Für die Urlaubsreise in den Schwarzwald nimmt er nur das Aquarell-werkzeug und die Pastellkreide mit.

"Stuttgart 21 wird nicht mehr gebaut", ist sich Stocker sicher. Er widmet sich jetzt neuen Themen. Unter dem Motto "Wir reden mit" will er auf dem Marktplatz Volksversammlungen nach Schweizer Vorbild organisieren - gegebenenfalls mit Abstimmung. "Das Selbstbewusstsein der Menschen ist in den vergangenen Jahren unglaublich stark gewachsen", sagt Stocker. "Die Leute wollen mitreden."

Der Autor Hermann G. Abmayr ist Publizist und Filmemacher. Er hat Ende 2010 den Dokumentarfilm "Stuttgart steht auf" gedreht, der sich mit dem Protest gegen S 21 befasst.