Der „Bahnbrecher“ auf Augenhöhe mit dem Bahnchef
Aktuell kann man sich nicht vorstellen, dass Stuttgart 21 bei „Anne Will“ diskutiert wird und noch viel weniger, dass eine politische Ikone (wie seinerzeit Heiner Geißler) den baden-württembergischen Ministerpräsidenten (damals noch Stefan Mappus von der CDU) auffordern würde, umgehend Verhandlungen mit dem knorrigen „Bahnbrecher“ der Stuttgart-21-Gegner aufzunehmen. Stocker hatte 2010 in den bundesweit übertragenen Schlichtungsverhandlungen im Rathaus auf der Kritikerseite als sachkundiger Bürger den Koch gegeben – und der damalige Grünen-Fraktionschef im Landtag, Winfried Kretschmann, den Kellner. Stocker und Mitstreiter wie Hannes Rockenbauch, Tübingens OB Boris Palmer, Ex-Bürgermeister Werner Wölfle und der Bundestagsabgeordnete Peter Conradi (SPD) hatten mit Stocker neben bahntechnischen Defiziten Finanzierungsrisiken angeprangert.
Der gelernte Vermessungstechniker, Kriegs- und Wehrdienstverweigerer, Sozialdemokrat, Kommunist, Betriebsrat im Thieme-Verlag, Stadtrat und Kunstmaler hatte mit dafür gesorgt, dass aus einer überschaubaren Protestgruppe eine ernste Bewegung wurde, die zu ihren besten Zeiten mehr als 100 000 friedliche Demonstranten auf die Straße brachte; der Widerstand war über alle Partei-, Einkommens- und Altersgrenzen hinweg sicht- und hörbar.
Souverän in Sandalen
Der in einer Offenburger Eisenbahnersiedlung aufgewachsene Sohn eines Hilfsarbeiters, geschiedener Vater von zwei erwachsenen Kindern, wurde in der überregionalen Presse als der „härteste Gegner für Stuttgart 21“ und als „Herr über Krieg und Frieden in der Landeshauptstadt“ geadelt. Dass er den Bahnchefs in ihren edlen Zweireihern mit Sandalen gegen das Schienbein trat, verlieh ihm eine besondere Authentizität. Zahlreiche Strafverfahren wegen Verstoßes gegen Demonstrationsauflagen tat er als lästige wie untaugliche Einschüchterungsversuche ab. Als Totalverweigerer hatte er ernsthaftere Auseinandersetzungen überstanden.
Derlei öffentliche Wirksamkeit dürfte Gangolf Stocker sicher nicht erwartet haben, als er 1995 nach der Lektüre der ersten kritischen Broschüre über den Tiefbahnhof durch den Bundestagsabgeordneten Winfried Wolf (PDS) die Initiative „Leben in Stuttgart – Kein Stuttgart 21“ mitgründete. Er trat dem SED-Ableger PDS bei, für den er bis zu seinem Austritt 2006 die Landesgeschäftsstelle leitete. Ein Streitpunkt war die Unterstützung der Initiative „Stuttgart – Ökologisch – Sozial“ (SÖS). Der streitbare Listenführer Hannes Rockenbauch zog 2004 ins Rathaus ein, der väterliche Freund wurde sein Berater. 2009 gewann Stocker eines von drei SÖS-Mandaten, 2016 zog er sich mit 71 Jahren aus gesundheitlichen Gründen zurück. Er hatte aber auch genug von den Intrigen, nicht eingehaltenen Absprachen, dem Schaulaufen vieler Ratskollegen und gescheiterten Bündnissen. Im Technikausschuss demonstrierte er immer häufiger sein Desinteresse. Für so einen „Kindergarten“ sei ihm die Zeit zu schade, schimpfte er. Mitstreiter wie die Parkschützer warfen ihm wiederum vor, „autoritär, rechthaberisch und unberechenbar“ zu agieren.
Ein Kämpfer mit Ecken und Kanten
Manche beschrieben ihn als patriarchalischen Sturkopf, der sich mitunter selbst im Weg gestanden habe – wie etwa nach der Abwahl seines Erzfeindes Stefan Mappus 2011. Er hatte mit dem Aktionsbündnis ins Theaterhaus eingeladen, die führenden Köpfe der Bewegung waren aber auch der Einladung der Parkschützer-Gruppe zur „Mappschiedsparty“ auf dem Schlossplatz gefolgt. Stocker lehnte die Einladung, dort zu reden, enttäuscht und verbittert ab.
Bei der nächsten Montagsdemonstration, der 69. von bisher 556 stellte der Chef des Aktionsbündnisses die Zukunft der Treffen in Frage, kündigte seinen Rückzug an und kritisiert die Parkschützer, weil sie nicht die Zerstörung eines Bauzauns am Wahlabend verurteilt hatten. Gewalt war ihm zuwider, sein Ziel war es, politische Lösungen zu erreichen. Er habe als Linker erlebt, wie man sich Niederlagen selbst zufügt, sagte Stocker rückblickend. Protest müsse so organisiert sein, „dass die Leute, die zum ersten Mal vorbeikommen, so begeistert sind, dass sie wiederkommen, auch die ängstlicheren unter ihnen“.
Rockenbauchs politischer Ziehvater
Für Hannes Rockenbauch, heute Fraktionschef des Linksbündnisses und zweimaliger OB-Kandidat, war Gangolf Stocker der „politische Ziehvater“. Ohne ihn hätte er sich sicherlich in den Niederungen der Kommunalpolitik verirrt. Er profitiere „von seinem politischen Spürsinn und der klaren ökologischen und sozialen Haltung“ bis heute. Mit seinem Einsatz für den Erhalt des Kopfbahnhofs und einer besseren Bahnpolitik habe Stocker „die Republik von Stuttgart aus verändert“. Zwar konnte er den „desaströsen Tiefbahnhof“ nicht verhindern, er habe aber mit dafür gesorgt, „dass Transparenz und Beteiligung bei großen Infrastrukturprojekten in Zukunft unabdingbar sind“.
Den Schauspieler Walter Sittler hat Stocker dazu gebracht, „die bequeme Position des politischen Beobachters zu verlassen und stattdessen zu handeln und mich zu äußern“. Ohne ihn hätte er „die vielen schönen und auch hässlichen Erfahrungen in der Politik nicht gemacht“. Der Regisseur Volker Lösch, in den Hochzeiten des Widerstands gegen S 21 Dauergast bei Demonstrationen, hat Stocker für seine „klare und unmissverständliche Haltung, sein Engagement, sein Fachwissen, seine Hartnäckigkeit, seine Konsequenz und sein Organisationstalent“ bewundert. Und mindestens so wichtig: „Man hat mit ihm lachen und trinken können.“
Minister würdigt Stocker
Der Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält den langjährigen Kopf des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21 für einen „absolut integren, sachorientierten Menschen“. Den Tiefbahnhof zu verhindern sei ihm ein tiefes Anliegen gewesen, weil er überzeugt gewesen sei, dass dieses Projekt den Bahnkunden schade und nur Immobilieninvestoren und der Baubranche nütze. Hermann hat sich schon sehr früh mit ihm ausgetauscht, „als S 21 keinen interessiert hat, weil alle dachten, das wird sowieso nichts“. Parteipolitik sei ihm stets ein Gräuel gewesen, taktisches Verhalten zu S 21 - je nach Stimmungslage - auch. „Für mich war und ist er eine vertrauenswürdige Persönlichkeit.“ Leider sei sein Versuch, nach der Volksabstimmung mit neuen Themen zur Stadtentwicklung weiter zu machen, nicht auf die nötige Resonanz gestoßen.
Gangolf Stocker ist am vergangenen Freitag nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren im Stuttgarter Hospiz St. Martin gestorben.