„Joanne“, das neue Album von Lady Gaga, klingt wie ein bunter Gemischtwarenladen. Daran war unter anderen auch der ehemalige Produzent von Amy Winehouse, Mark Ronson, beteiligt.

Leben: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Es beginnt wirklich schön. Und so unaufgeregt. Gitarre, Stimme, dann Schlagzeug. Nach gerade 45 Sekunden aber setzt „Diamond Heart“ an, doch noch ein typischer Lady-Gaga-Song zu werden. Es ist dieses Trashige, das Lady Gagas Lieder schon immer zu Lady-Gaga-Liedern machte. Und da ist natürlich ihre Stimme, diese leicht rauchige Rockröhre, die die Eurodance-Sounds konterkartierte. Jetzt auf „Joanne“, ihrem vierten Album, will Lady Gaga keine Kunstfigur mehr sein. Es gibt Gitarren sowie persönliche Geschichten zu hören, und auf dem Cover ist ein schönes, schlichtes Porträt mit rosa Hut zu sehen.

Lady Gagas 30 Minuten im Stuttgarter Zapata

Lady Gaga, dreißig Jahre alt, bürgerlicher Name Stefani Joanne Angelina Germanotta, tauchte 2008 im Popgeschäft auf. Sie absolvierte im selben Jahr einen exaltierten 30-Minuten-Auftritt im Stuttgarter Zapata, der nachhaltig beeindruckte. Im Laufe ihrer Karriere trug sie viele Masken, darunter ein Kostüm aus rohem Fleisch – Lady Gaga war von Beginn an die Frau der Inszenierung, ihre Musik dazu ebenso künstlich. Das bescherte ihr beachtlichen Erfolg: Ihre Alben haben sich rund hundert Millionen Mal verkauft, sie bekam sechs Grammys. Jetzt also „Joanne“. Das ist der Name ihrer Tante, die mit nur 19 Jahren verstarb. „Perfect Illusion“, die erste Single, blieb hinter den Erwartungen zurück. Vielleicht auch, weil der Song zu unentschieden klingt: noch ein bisschen nach der alten, ein wenig schon nach der neuen Lady Gaga.

Amy Winehouses Produzent mischt mit

Produziert wurden die Songs von Mark Ronson, der Amy Winehouse mit dem adretten Retro-Soul-Sound schmückte. Dabei sind illustre Gäste wie Josh Homme (Queens Of The Stone Age), Beck, Kevin Parker (Tame Impala), Father John Misty und Florence Welch, die in „Hey Girl“ auch wirklich hörbar ist. „Million Reasons“ könnte auch toll in die Serie „Nashville“ passen. „Sinner’s Prayer“ ist ein schlichter, schöner Popsong, „Come to Mama“ ist gar ein herziges Soul-Stück, „Hey Girl“ ein schmuckes Duett mit Welch, „Angel Down“ eine pathetische Ballade, wie man sie vielleicht von Adele erwartet hätte. Bei „Grigio Girls“ ganz am Schluss singt sie mit Chor ganz und gar ohne Instrumente. „Joanne“ ist ein echter, bezaubernder Folksong, „Just Another Day“ fast schon ein lustiges Musicalstück.

Das Album also ein bunter Gemischtwarenladen, der dann doch irgendwie wieder gaga ist. „Ich bin ein Mensch, keine Marke“, sagte sie jüngst in einem Interview. Genau das soll „Joanne“ zeigen, dass jemand Echtes dahinter steckt. Aber vielleicht ist auch das bloß wieder eine Illusion.