Ganztagsschulen in Stuttgart Vereinsangebote stehen auf der Kippe

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Viele Eltern wollen, dass ihre Grundschulkinder in der Ganztagsschule von Freizeitprofis gefördert werden. Doch die Sportvereine klagen, dass die Finanzierung nicht aufgeht.

Viele Vereine engagieren sich gerne an Schulen – allerdings muss die Vergütung stimmen. Foto: dpa
Viele Vereine engagieren sich gerne an Schulen – allerdings muss die Vergütung stimmen. Foto: dpa

Stuttgart - Barbara Hohkamp ist vom Angebot des MTV Stuttgart geradezu begeistert. „Der MTV hat den Bedarf voll getroffen, und auch die Wünsche der Eltern“, sagt die Leiterin der Falkertschule im Westen. Das Angebot sei „zuverlässig und pädagogisch allererste Sahne“. Seit gut einem Jahr kümmern sich hauptamtliche Profisportlehrer aus dem Verein um die außerunterrichtliche Betreuung der Grundschüler in der gebundenen Ganztagsschule. Und sie haben dafür ein neues Konzept entwickelt, das alle Beteiligten als Volltreffer bewerten: den Schulsportclub Falkertschule (SSC) mit Turnen und kleinen Spielen. Es gibt da allerdings ein Problem: Die Finanzierung funktioniert nicht. Wie auch andere Vereine lehnt es der MTV ab, dauerhaft draufzulegen, und droht damit abzuspringen.

Das wiederum bringt die Falkertschule in die Bredouille. Denn etliche Familien hätten sich gerade wegen des ­attraktiven außerunterrichtlichen Angebots für diese Ganztagsgrundschule entschieden, berichtet Barbara Hohkamp. Und sie seien sogar bereit, dafür zu bezahlen, was in der Übergangsphase zum gebundenen Ganztag auch so praktiziert worden sei. Doch genau dies hat der Gemeinderat nicht vorgesehen: Die gebundene, also verpflichtende Ganztagsgrundschule von 8 bis 16 Uhr ist – mit Ausnahme des Mittagessens – gebührenfrei. Das Geld für die Betreuung kommt aus dem Stadtsäckel. Und die Kosten werden über die Träger der Jugendhilfe abgerechnet. Allerdings gibt es unterschiedliche Aussagen über die Höhe der Vergütung.

Nach aktuellen Angaben von Melanie Stephan, der Referentin von Bürgermeisterin Susanne Eisenmann, könnten die Sportvereine für einen ausgebildeten Sport- oder Gymnastiklehrer oder einen pädagogisch geschulten Übungsleiter mit C-Lizenz insgesamt rund 39 Euro pro Zeitstunde erhalten. Davon entsprächen rund 24 Euro der Bezahlung einer Erzieherin in Tarifgruppe S 6. Zusätzlich gebe die Stadt 15 Euro aus dem Stuttgarter Programm für außerunterrichtliche Bildung und Betreuung, das ursprünglich für Ehrenamtliche vorgesehen gewesen sei.

Auch andere Vereine legen drauf

Die Evangelische Gesellschaft, die unter anderem auch an der Falkertschule als Jugendhilfeträger verantwortlich ist, geht hingegen von anderen Zahlen aus. „Wenn wir Leistungen Dritter einkaufen, können wir das nur zum maximalen Stundensatz für Erzieher nach S 6 tun, nämlich 16 Euro pro Stunde“, sagte Eva-Bereichsleiter Klausjürgen Mauch zunächst. „Mehr können wir dem MTV nicht bieten, weil wir selber nicht mehr abrechnen können.“ Es gebe keinen Spielraum – „auch einen Sozialarbeiter könnten wir nie abrechnen“, so Mauch zur StZ. Die erneute Nachfrage der Eva beim Schulverwaltungsamt habe ergeben, der Träger könne für Sportvereine bis zu 20 Euro pro Stunde abrechnen, wie Mauchs Kollege Thilo Fleck dort herausbekam, jedoch nur mündlich. Die vom Bürgermeisteramt kommunizierte Vergütung von 24 Euro pro Zeitstunde „können wir nicht nachvollziehen“, so Fleck.

„Wir brauchen 41,58 Euro pro Zeitstunde“, erklärt Fabian Bauer, SSC-Projektleiter beim MTV. Darin seien dann auch Kosten für Verwaltung, Urlaub, Sozialabgaben vorgesehen. „Unser Stand war ein Stundensatz von 25 Euro, davon 10 Euro von der Eva – und das ist nicht machbar.“ Mit 39 Euro hingegen sehe die Sache gut aus, sagt Bauer. Doch offensichtlich hat sich dies noch nicht überall herumgesprochen. Wie berichtet, legen auch andere Vereine beim Ganztag drauf. Dass der MTV trotzdem weitergemacht hat, liege auch ­daran, dass der Differenzbetrag über Stiftungs­gelder gedeckt werde – aber nur dieses eine Jahr.

Von den kostenpflichtigen Wahlangeboten des MTV Stuttgart – der Schulkindersportschule für 120 Euro Jahresbeitrag und dem Ballett für 90 Euro im Jahr – hat sich die Falkertschule bereits verabschiedet, notgedrungen. Auch das Flötenangebot der Musikschule habe man beendet, was einige Eltern sehr bedauert hätten, so Hohkamp. Unter den gegebenen Umständen nicht finanzierbar sei auch ein Theaterpädagoge, der 45 Euro pro Stunde verlange. Ein Rhythmusangebot liege bei 47 Euro. „Wenn man Qualität haben will von guten Leuten, kommt man auf diese Summe“, sagt Barbara Hohkamp.

Auch ein Angebot für Eltern wurde zurückgenommen

Allerdings ist laut einer Vorlage der Stadt auch eine finanzielle Unterstützung der Musikvereine, Chöre und Orchester im Rahmen des Ganztags möglich, analog zum Sport. Jedoch hätten von 112 angeschriebenen Institutionen nur 16 Interesse an einer Einbindung in die Ganztagsschule, von diesen komme aber nur für neun Vereine ein Einsatz von Fachpersonal im Zeitfenster der Ganztagsschule in Betracht.

Unterdessen sind die Eva-Verantwortlichen und Hohkamp auch mit dem abgespecktem ­MTV-Programm sehr zufrieden. Durch die – gebührenfreie – Mitgliedschaft im SSC sind die Grundschüler automatisch auch MTV-Mitglieder und können auch Vereinsangebote nutzen, die über das Basistraining im Ganztag hinausgehen. Ziel sei, sechs oder sieben Sportclubs an Grundschulen einzurichten, sagte MTV-Geschäftsführer Karten Ewald – Talentsichtung und langfristige Mitgliederbindung inklusive.

Von der ursprünglichen Idee, darüber hinaus kostenpflichtige Neigungsgruppen an den Schulen anzubieten, sei man wieder abgekommen, so Bauer. Auch das Angebot, Eltern eine Stunde vor Schulschluss ein kostenloses Yoga- oder Pilatesprogramm zu spendieren, habe man zurückgenommen, weil die Nachfrage nicht so groß gewesen sei.

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