Denkmalschutz in Herrenberg Ist die alte Gardinenfabrik ein Baudenkmal? Handwerker fühlt sich enteignet

, aktualisiert am 03.02.2026 - 16:44 Uhr
Markante Lagerhalle – doch die Eigentümer würden sie gern abreißen. Foto: Ulrich Stolte

Am Dienstag prallten die Meinungen in Herrenberg aufeinander. Eine Handwerkerfamilie will ihre Lagerhalle abreißen, doch das Landesdenkmalamt sagt „Nein“:

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Ist das ehemalige Gebäude der Stuttgarter Gardinenfabrik in Herrenberg ein architektonisches Kleinod oder eine Bruchbude? Die Antwort ist – architektonisches Kleinod und Bruchbude. Wie immer. Und es ist wie immer keine leichte Entscheidung, die der Petitionsausschuss des Landtags treffen muss, der sich am Dienstag vor Ort in Herrenberg eine Meinung darüber bildete, ob die denkmalgeschützte Halle in der Mühlstraße abgerissen werden kann oder nicht.

 

Das Gebäude hat eine durchgehende Fassade aus Stahl und Glas, die Eingangstüren sehen aus wie die Türen zu einem Ballsaal, die Türfeststeller sind aus Messing, die Stahlträger unter dem Dach sind filigran geschwungen, die Statik, die jene Glasfassade trägt, ist einzigartig.

Manfred Diether braucht die Fläche, um seinen Betrieb weiter zu entwickeln. Foto: Ulrich Stolte

Alte Gardinenfabrik in Herrenberg: Meisterwerk der Industrie-Architektur

Ein Meisterwerk des Architekten Hermann Blomeier, eines Schülers von Mies van der Rohe, dem Vater der Bauhausarchitektur. Ein Gebäude in Herrenberg, über das es wissenschaftliche Arbeiten gibt und das in der Fachliteratur zitiert wird. Die alte Fabrik weist viele Elementen auf, die später stilbildend wurden, wie etwa die gegeneinander gestellten Pultdächer. So sahen es am Dienstag die vier Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes.

Der Besitzer Michael Diether von der Schreinerei Kaupp & Diether sieht etwas ganz Anderes: Es regnet durch das Dach, das Gebäude hat keine Heizung und keine richtige Stromversorgung, die Stromleitungen hängen herunter, der Betonboden ist rissig, eine Tür ist eingeschlagen, die Eisenträger sind außen verrostet, und er kommt mit den großen Lastwagen nicht in die Halle. Für den Betrieb mit seinen 50 Mitarbeitern, der unter anderem im Ladenbau und Küchenbau unterwegs ist, kann er die Halle nicht richtig nutzen, sie dient nur als Lagerraum für seine Kunden.

Die Schreinerei wollte die Grundstücke in Herrenberg tauschen

Im Jahr 2001 hat die Firma das Gebäude samt Grundstück aus der Insolvenzmasse der alten Stuttgarter Gardinenfabrik erworben. Erst im Jahr 2018 wurde es unter Denkmalschutz gestellt, seither dient es als Lager. Etwa um das Jahr 2024 interessierte sich der nebenan liegende Baustoffhändler für das Grundstück, um sein Freiluftlager zu erweitern.


Er bot der Schreinerei im Tausch ein anderes Grundstück an, das direkt neben Kaupp & Diether liegt, wenn auch auf der anderen Seite der dort mehrspurigen Mühlstraße. Mit den Tauschplänen wurde vorerst nichts, aber jetzt wollte Michael Diether das Grundstück als Entwicklungsfläche für seine Firma nutzen, die alte Halle ist dabei im Weg, weswegen er sie abreißen will.

Abriss der alten Gardinenfabrik in Herrenberg: Das Land legt sein Veto ein

Doch das Landesdenkmalamt legte sein Veto ein. Als Diether nicht weiterkam, rief er den Petitionsausschuss des Landtags in Stuttgart an. An diesen Ausschuss kann sich jedermann wenden, der mit Entscheidungen von Behörden nicht einverstanden ist.

Es war eng im holzverkleideten Besprechungsraum der Firma am Dienstag, mit den vier Vertretern des Landesdenkmalamts, den Politikern Dennis Birnstock (FDP) und Christine Neumann-Martin (CDU) sowie den Reportern und den Mitgliedern der Unternehmerfamilie Diether. Erstmals wurde an diesem Tag über die architektonische Dimension dessen gesprochen, was für die Handwerker einfach eine abrissreife Lagerhalle ist.

Halle der alten Gardinenfabrik kann weiter genutzt werden

Dementsprechend prallten die Meinungen aufeinander. Die Familie Diether fühlte sich geradezu vom Landesdenkmalamt enteignet, weil sie über die Halle nicht frei verfügen kann. Das Landesdenkmalamt hingegen sagte der Familie weitreichende Unterstützung zu in Form von Zuschüssen, Steuerabschreibungen und baulicher Expertise. Außerdem würde ein Nachweis, dass das Gebäude wirtschaftlich nicht mehr nutzbar sei, den Denkmalschutz beenden.

Unter dem Schutz des Denkmalamtes könne die Halle natürlich weiter genutzt werden, sagte der Referent Edmund Ortwein, es seien auch Umbauten möglich, natürlich in Abstimmung mit dem Denkmalamt und nur, wenn die Pläne konkret seien, aber eben mit ganz konkreten Plänen konnte die Familie Diether auch nicht aufwarten. Ortwein zog andere Beispiele heran, in denen eine Halle alle als Eventlocation oder als Stellplatz für Oldtimer genutzt worden waren.

Filigrane Träger stützen das Dach der alten Gardinenfabrik Foto: Ulrich Stolte

Entscheidung über Abriss der alten Gardinenfabrik im Spätsommer

Worauf der Seniorchef Manfred Diether erwiderte: „Wir sind Handwerker und keine Eventmanager, und wir haben auch keine Oldtimer, die wir da hineinstellen können“.

Eine Voraussetzung für einen möglichen Abriss ist, dass die Halle ein Jahr lang zum Verkauf stehen muss. 1,8 Millionen Euro kostet das 6,9 Hektar große Grundstück, das noch bis zum September im Angebot ist. Der Petitionsausschuss ist da etwas früher dran. Dennis Birnstock rechnet damit, dass die Entscheidung im Spätsommer fällt.

Stararchitekten in Baden-Württemberg

Mies van der Rohe
Der Architekt (1886 – 1969) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Modernismus im 20. Jahrhundert und sein Stil prägt die Architekten nach wie vor weltweit. Sein Wahlspruch lautete „Weniger ist mehr“, in Stuttgart hat er den Landtag entworfen.

Hermann Blomeier
Der Gelsenkirchener Baumeister (1907 – 1982) erhielt am Dessauer Bauhaus 1932 sein Diplom als Meisterschüler von Mies van der Rohe. Er entwarf das Botanische Institut in Tübingen und das Tropicarium in Frankfurt.

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