Gern aufgehalten hat er sich darin mit seiner Frau Heidi Conrad, ebenfalls 56 Jahre alt, nicht. Der Sitzplatz wirkte dunkel und eng, selbst an lauen Sommerabenden kühlte er schnell aus. „Außerdem habe ich immer nur die Arbeit gesehen, das viele Unkraut und Gestrüpp“, sagt Christian Conrad.
Jahrelang haben die Conrads versucht, den Garten umzugestalten. Sie haben Steine eingebracht und neue Blumen gepflanzt. „Im Frühjahr sah es dann auch wirklich mal für kurze Zeit schön aus“, sagt Heidi Conrad und lacht. Aber dann wuchsen die Blätter an den Sträuchern wieder, die Sträucher wurden zum Dschungel und tauchten den Garten in einheitliches Grün.
Platz für Lavendel, Gräser, Lilien
Gäbe es nicht Fotos aus dieser Zeit, man würde den Conrads ihre Schilderungen nicht glauben. Keine drei Jahre später sitzen sie auf ihrer Terrasse inmitten eines bunten Blumenmeeres. Der kleine Garten wirkt riesig, seit die gefällten Sträucher den Blick auf die angrenzende Streuobstwiese freigeben. Die früher eher lieblos abgeladenen Granitsteine terrassieren den Hang nun als sorgsam aufgeschichtetes Zyklopenmauerwerk – im lockeren Wechsel mit rostigen Stahlbändern.
Dazwischen ist Platz für jede Menge artenreiche Stauden: Lavendel, Skabiosen, Gräser, Lilien. Aus dem grünen Dschungel ist einer der 50 schönsten Privatgärten Deutschlands geworden, die jährlich eine Fachjury für den Callwey Verlag auswählt – aus Einsendungen von Landschaftsarchitekten, Gartengestaltern sowie Garten- und Landschaftsbauern.
Der Garten muss zu den Menschen passen
„Wir dachten jahrelang, dass man im Garten alles selber machen kann“, sagt Christian Conrad. Irgendwann bei einem Friseurbesuch sei ihm dann aufgegangen, „dass ich mir die Haare ja auch von jemandem schneiden lasse, der das gelernt hat“. Auf der Suche nach einem passenden Friseur für ihren Garten landeten die Conrads schließlich bei Gartengestalter Michael Grimm aus Hilzingen im Landkreis Konstanz. „Wir haben sofort gemerkt, dass er den Garten zu dem macht, was wir immer haben wollten“, sagt Heidi Conrad.
Vielleicht weil Michael Grimm das kann, was ein guter Friseur auch kann: zuhören. „Ein Garten muss zum Haus passen, zu dem er gehört, und zu den Menschen, die darin leben“, sagt Michael Grimm. Also lernte er die Conrads in stundenlangen Gesprächen kennen.
Christian Conrad, Dozent für Gesundheitswissenschaften an der Kalaidos Fachhochschule in Zürich. Ein sportlicher Mann, der die Gartenarbeit zwar nicht scheut, der aber lieber mit seinem Laptop draußen sitzt und für die Uni arbeitet, statt kniend Unkraut zu jäten. Und der sich zwar einen naturnahen, aber dennoch ästhetisch schönen, modernen Garten vorstellte. Und Heidi Conrad, Osteopathin. Sie wünschte sich nicht nur im Frühjahr blühende Beete, für sich, vor allem aber für die Insekten. „Das Artensterben ist erschreckend, da muss jeder Gartenbesitzer etwas dagegen tun“, sagt sie.
Ein Paradies für Insekten
Heute hätte Heidi Conrad manchmal gern einen Gehörschutz, wenn sie im Garten sitzt, erzählt sie lachend. Tatsächlich brummt und summt es aus nahezu jeder Blüte. Verschiedenste Wildbienenarten sind unterwegs. An die warmen Granitsteine haben seltene Mörtelbienen ihre Lehmnester geklebt. Um die roten Skabiosen flattern Schachbrettfalter, die Schmetterlinge des Jahres 2019. Dazu kommen Igel, Blindschleichen, Eidechsen. „Es ist unglaublich, wer alles in unseren Garten gezogen ist. Nicht zu vergessen mein Mann“, sagt Heidi Conrad.
Denn Christian Conrad verlegt seinen Arbeitsplatz inzwischen, wann immer möglich, in den heimischen Garten. „Meine Kollegen sind ganz erstaunt, wie viele kreative Ideen ich plötzlich habe. Ich bin mir sicher, dass hängt mit der schönen Atmosphäre hier zusammen.“
Gartengestalter Michael Grimm sitzt zwischen den Conrads und lässt sie reden. Ihre Begeisterung verrät mehr über seine Arbeit als alles, was er erzählen könnte. Zumindest bis das Gespräch auf die zweite, neu über dem Carport angelegte Terrasse kommt. Hier sitzen die Conrads gern an heißen Sommertagen unter den Weiden, die als natürlicher Sonnenschirm aus den Holzdielen der Terrasse wachsen.
Ausblicke in die hügelige Hegau-Landschaft
Eine tolle Idee, die Michael Grimm von den Conrads übernommen hat. Genauso wie den gesamten Wunsch für einen zusätzlichen Sitzplatz. „Ich habe lange versucht, den beiden davon abzuraten“, sagt Michael Grimm. Denn natürlich setze er gern Kundenwünsche um. „Ich sehe meine Aufgabe aber vor allem auch darin, den Leuten keine Märchen zu erzählen, sondern Wahrheiten.“ In diesem Fall die Tatsache, dass die neue Terrasse ungeschützt vor dem Haus und an einer Zufahrtsstraße des Wohngebiets liegt. „Das erhöht normalerweise nicht unbedingt die Aufenthaltsqualität“, sagt Michael Grimm.
Die Conrads blieben trotzdem hartnäckig – und Michael Grimm gab nach. „Zum Glück“, wie er heute sagt. Denn der Sitzplatz ermöglicht neue Ausblicke in die hügelige Hegau-Landschaft. Und wenn die Conrads ungestört sein wollen, können sie sich in den hinteren Teil des Gartens zurückziehen, der versteckt hinter den integrierten Weiden liegt. Sie sind ein willkommenes Überbleibsel des Dschungels.
Dieser Text erschien erstmals am 20.09.2019.