In einer Serie zeigen Menschen ihr Paradies hinterm Haus. Bei Gerhard Raff ist das ein Bauerngarten. Dass sein Garten ein einziges Blumenmeer ist, erklärt Raff mit Hühnerkacke.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Stuttgart-Degerloch - Gerhard Raff ist ein Geschichtenerzähler. Allein deshalb muss es in seinem Bauerngarten an der Karl-Pfaff-Straße vor Geschichten nur so wimmeln. Gerhard Raff ist zudem Historiker, weshalb viele der Geschichten etwas mit der Vergangenheit zu tun haben.

 

Gleich am Eingang zu Raffs Gartenreich haben sich Lavendelbüschchen zwischen den Pflastersteinen hervorgedrückt. Das sind nicht irgendwelche Pflanzen, das sind Ableger eines Lavendels vom Grab des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus. Gerhard Raff hatte sich einst in der Provence ein Zweigchen abgezwickt. „Das war kein Raub“, sagt der 67-jährige Degerlocher. „Das hat dort nur so gewuchert.“ Wie jetzt bei ihm. Weshalb er Gästen gern Abkömmlinge von den betörend und träge duftenden Pflanzen mitgibt.

„In ganz Deutschland wachsen Blumen aus diesem Garten“

In Geberlaune kommt Raff nicht nur bei seinem Albert-Camus-Lavendel. Auch seine Blumen verschenkt er samt Wurzeln. „Da kommen die Leute dann mit dem Auto angefahren und laden ein“, sagt er. „In ganz Deutschland wachsen Blumen aus diesem Garten.“ Vor allem von der gelben Rudbeckia hat er zurzeit im Überfluss. „Die wachsen wie die Geisteskranken.“

Dass sein Bauerngarten ein einziges Blumenmeer ist, erklärt er mit Hühnerkacke. Früher scharrte auf diesem Fleckchen Degerlochs nämlich gackerndes Federvieh. „Der gute Filderboden ist von 100-jähriger Hennenscheiße fertilisiert“, sagt er. Ihm soll es recht sein. Den Hennenstall gibt es noch, in ihm lagert heuer Gartengerät. „Den habe ich persönlich unter Denkmalschutz gestellt“, sagt er. Wegen der Dachziegel. Sie stammen von der Jakobuskirche in Bernhausen. Unter diesem Dach haben sich Eduard Mörike und seine Luise verlobt, erzählt Raff. Zur Heirat kam es nie; die Liebesbriefe von damals sind trotzdem wunderschön – und die Ziegel auch. Momentan sind sie neben den Hennenstall gestapelt, das Dach wird gerichtet.

Gerhard Raff erzählt, dass er immer wieder gefragt werde, wer für den schönen Garten verantwortlich sei. „Dann sage ich immer: ich und der liebe Gott. Und wenn einer von uns mal 14 Tage nicht arbeitet, dann gut’ Nacht.“ Eine Kammersängerin, die ihn mal besucht hat, begann selbst Unkraut zu jäten. Raff hat die Dame gestoppt – er will, dass es dabei bleibt. Er und der liebe Gott, sonst keiner.

Für seine Rosen hegt er eine ganz besondere Leidenschaft

Den Grundgedanken hat er allerdings weder sich noch Gott zu verdanken. „Das war mein Gartenarchitekt“, sagt Gerhard Raff und zieht ein Kinderfoto hervor. Zu sehen ist der zehnjährige Roman, der heute erwachsen und Arzt ist. Als er noch ein Bub war, hat er den Raffschen Garten entworfen. Mit Bleistift hat der Sohn von Studienfreunden skizziert, wo Blumen wachsen sollen, wo der Flieder hingehört, wo der Buchsbaum steht – und natürlich der Pavillon. Den hat er vom Schreiner anfertigen lassen. Und auch sonst, Gerhard Raff hat die kindliche Fantasie schier eins zu eins in die Tat umgesetzt. Den Plan hat er noch.

Rosen hat der Knirps damals nicht extra aufs Papier geschrieben. Er hat sie wohl unter Blumen zusammengefasst. Das würde Raff nie in den Sinn kommen; für seine Rosen hegt er eine ganz besondere Leidenschaft. Die älteste Rosenart, die sich in seinem Garten der Sonne entgegenreckt, ist die „Petite hollandaise“, sie ist von 1821.

Bei der Königin der Blumen zählt für Gerhard Raff der Duft mehr als das Aussehen. Deshalb schaffen es hauptsächlich englische Rosen in seinen Bauerngarten. „Zu den deutschen sage ich immer: das sind Claudia-Schiffer-Rosen“, sagt Gerhard Raff und lacht. Sie sehen super aus, aber ansonsten? Gerhard Raff ist und bleibt ein Geschichtenerzähler.