Gartenbaubetriebe in der Corona-Pandemie Die Primeln landen auf dem Kompost

Kein schöner Anblick, aber viele Gärtnereien brauchen Platz in ihren Gewächshäusern und müssen nun Frühblüher wie Primeln entsorgen. Foto: Dechant, privat

Corona bringt das Gartenjahr durcheinander. Ranunkeln und Primeln stehen in voller Blüte. Doch statt sie verkaufen zu können, müssen viele Betriebe sie vernichten. Sie brauchen den Platz für die Balkonblumen. Wie plant man da?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Was macht man mit 40 000 blühenden Primeln, wenn man sie nicht verkaufen darf? Andrea Dechant (40) stand letztes Jahr schon einmal vor einer ähnlichen Situation. Damals vernichtete sie 180 000 der Frühblüher. In den drei Generationen, in denen ihre Familie den Gartenbaubetrieb im bayerischen Rain am Lech betreibt, stand niemand vor einer Herausforderung wie dieser. Der Betrieb aus Schwaben beliefert Garten- und Baumärkte vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich. Mit sechs Hektar in Rain und in Bamberg 5000 Quadratmeter Anbaufläche unter Glas gehört er zu den größeren Anbietern. Frühblüher wie Stiefmütterchen, Primeln oder Ranunkeln, so die Überzeugung von Andrea Dechant, sind dazu da, den Frühling einzuläuten.

 

Das werden die Pflanzen in diesem Jahr wohl nicht tun. Oder wenn, dann mit Verspätung. Doch dann werden die Kulturen bereits überblüht sein. Für viele Gärtner ist der 1. März der spätestmögliche Termin, an dem sich das Ruder aus ihrer Sicht noch herumreißen ließe. 36 Prozent des Umsatzes macht die Branche in den ersten drei Monaten des Jahres.

Erst am 3. März will die Kanzlerin wieder mit den Länderchefinnen und -chefs über mögliche Lockerung der Coronabeschränkungen nach dem 7. März beraten. Bis zu diesem Datum hat in den Gartenbetrieben im Land der Blick auf die Inzidenzzahlen den bisher bangen Blick auf den Wetterbericht abgelöst. Anders als etwa in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen sind in Bayern und Baden-Württemberg die Gartencenter noch geschlossen. Genau sie beliefert der Betrieb von Andrea Dechant.

Die Stiefmütterchen kosten seit Herbst Geld

Und deshalb macht die Gartenbautechnikerin gerade, was ihr das Gärtnerinnenherz bricht: 40 000 Primeln vernichten. 1000 Quadratmeter Blütenpracht sind das. Bleiben die Gartencenter weiter geschlossen, werden weitere Pflanzen dran glauben müssen. Nicht dass Dechant nicht einsehen würde, dass Corona eine gefährliche Krankheit ist. Aber die Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen und die botanischen Gesetze passen nicht zusammen. Das Gartenjahr ist kein Geschäftsjahr, in das man als Anbieter zu jedem beliebigen Zeitpunkt einsteigen kann. Es ist abhängig von Pflanzzeiten und Temperaturen. Außerdem haben Pflanzen einen Vorlauf, bevor sie in den Verkauf gehen. Die vorgezüchteten Balkonpflanzen etwa müssen im Herbst als Jungpflanzen geordert und bezahlt werden. Unter Pandemiebedingungen ist wirkliches Planen nicht möglich, weil niemand weiß, ob die Ware an den Endverbraucher verkauft werden kann. Dennoch geht die Gartenbranche von einer ähnlichen Nachfrage wie im zurückliegenden Jahr aus. Sie ist, wie es zu den Gepflogenheiten gehört, in Vorkasse gegangen – und wartet nun auf Einnahmen.

Die höchste Liquidität hat ein Gartenbaubetrieb in der Regel im Juni. Zu diesem Zeitpunkt im Jahr ist ein Großteil der Ware abverkauft. Danach beginnt wieder die Zeit des Geldausgebens und der finanziellen Vorleistungen. Die Stiefmütterchen etwa, die jetzt in den Verkauf gehen könnten, wurden bereits im Herbst eingetopft – und haben den Winter über Erde, Wasser, Heizung, Arbeitszeit und damit Geld gekostet.

Mit dem Wintereinbruch Mitte Februar haben die Betriebe ein bisschen Zeit gewonnen. Im Gewächshaus kann man das Wachstum der Pflanzen durch gezielte Zufuhr von kalter Luft etwas ausbremsen, aber irgendwann geht auch das nicht mehr, erklärt Hans Müller, Chef des mit einem Innovationspreis ausgezeichneten Kornwestheimer Betriebs Helix-Pflanzen. Sobald die ersten Sonnenstrahlen auf das Gewächshaus einstrahlen, „kann man das Wachstum nicht mehr aufhalten“, sagt Müller. Sprich: Dann muss die Ware raus. Denn Frühblüher werden traditionell bis Ostern verkauft. „Niemand sieht, dass wir eine verderbliche Ware anbieten“, sagt Dechant. Eine Ware, die im Idealfall auch deshalb bald vermarktet werden sollte, weil der Platz für die nächste Pflanzenkultur benötigt wird. Auf die Frühblüher folgen in den Gewächshäusern die Geranien für den Balkon.

Bald müssen die Tomaten pikiert werden

Es gibt Gartenbaubetriebe, die bieten ihre Primeln jetzt in einem improvisierten Drive-in-Verkauf an. Sechs Primeln für fünf Euro. „Das ist irgendwas zwischen Kompost und zum Mitnehmen vor die Tür stellen“, sagt Jörg Vatter (46). Er führt in Bempflingen (Kreis Esslingen) einen Betrieb, den sein Urgroßvater gegründet hat. Mit einem Hektar Anbaufläche bezeichnet Vatter seinen Betrieb als einen eher kleinen. Er sperrt sich innerlich aus wirtschaftlicher und gärtnerischer Sicht gegen den Gedanken, seine Pflanzen zu vernichten. „Wir müssen die Pflanzen zu den Leuten bringen“, sagt er. Vatter verkauft seine Pflanzen direkt im Ort, in drei Edeka-Märkten und an Blumengeschäfte im Voralbgebiet, an Gartencenterketten und als Ausputzer in Baumärkten, wenn Ware fehlt. Er ist breit aufgestellt, was ihm jetzt ein wenig nutzt. Ein Teil der Stiefmütterchen, auf die er sich spezialisiert, hat geht jetzt in die Grabbepflanzungen.

Ebenfalls spezialisiert hat sich der Gärtnermeister auf Gemüsejungpflanzen, also auch auf die Selbstversorger im eigenen Garten. Das Geschäft boomte im vergangenen Jahr. Mittlerweile hat Vatter etwa 25 unterschiedliche Tomatensorten und zwölf Sorten Paprika im Angebot. Der Verkauf beginnt im April, die Aufzucht jedoch jetzt. „Momentan sind alle Töpfe gefüllt“, sagt Vatter. 200 Pailletten mit je 500 Töpfchen sind das. Wenn die erste Aussaat pikierfähig ist, wird gepflanzt. Auch für Vatter gilt die Binsenweisheit: Was nicht gesät worden ist, kann später nicht in den Verkauf. Das ist das Dilemma der Branche. Gerade in Pandemiezeiten. Aber wie sagt Vatter: Gärtner zu sein heißt immer auch, Optimist zu sein.

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