Gartenschau 2029 Vaihingen will seine vielen stillen Reize rund um die Enz präsentieren

Von der Burg Kaltenstein am Weinberg entlang zur Enz: Dass alles so nah beieinander liegt, ist ein Gartenschau-Pluspunkt. Foto: Jürgen Bach

Im Jahr 2029 ist Vaihingen an der Enz Schauplatz einer „kleinen Gartenschau“. Die Stadt hat dafür enormes Potenzial. Welches das ist? Davon konnten sich jetzt mehr als 100 Bürgerinnen und Bürgern überzeugen – bei einem Spaziergang.

Wie er da durchs kniehohe Gras am wild-verwunschenen Enzwall stapft, die Anhöhe an der Böschung erklimmt und über Spechte und Stocherkähne sinniert, ist Johann Senner in seiner Vaihingen-Verzückung kaum zu bremsen. „An diesem biblischen Ort waren wir auch mit der Gartenschau-Kommission“, schwärmt der Chef des gleichnamigen Planungsbüros für Landschaftsarchitektur. „Hier ist das Eis vollends gebrochen. Wie man in zehn Minuten vom Schloss über den Weinberg, den Mühlkanal und die Enzwiesen hierher an den Fluss kommt, wie das alles so eng zusammenliegt und so viel Potenzial hat: Da hat die Kommission gesagt: Jawohl, Vaihingen soll die Gartenschau kriegen.“

 

Wie viele Bürger sind überhaupt interessiert?

Senner, dessen Büro die Rahmenplanung zur Gartenschau verantwortet, ist mit großem Gefolge unterwegs: Der erste Bürgerspaziergang zu dem Vaihinger Großvorhaben ist eine halbe Volkswanderung. Überrascht und zufrieden registrieren Senner und der Erste Bürgermeister Klaus Reitze, wie groß das Interesse an der Gartenschau ist – und das Bedürfnis, mitzureden und Ideen einzubringen. Rund 130 Menschen marschieren mit. Auch Uwe Skrzypek und Sven Haumacher spazieren mit gespitzten Ohren mit: Beide wollen im Sommer Gerd Maisch als Vaihinger Oberbürgermeister beerben, der nicht mehr kandidiert. Die Gartenschau ist für den Neuen oder die Neue an der Rathausspitze das Thema in der rund 30 000-Einwohnerstadt schlechthin in den kommenden Jahren.

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Für die Schau will die Stadt in den nächsten Jahren Lebensqualität-Potenzial heben, das aus ihrer Flusslage erwächst, das aber bislang nicht ausgeschöpft ist. Sie rechnet dafür mit Kosten von 15 Millionen bis 20 Millionen Euro. So will die Stadt die Enz, die kaum zugänglich ist, für die Menschen besser erlebbar machen, etwa mit abgeflachten Ufer-Partien, an denen Strand-Anlagen und Freizeitflächen angelegt werden sollen – dafür wird beispielsweise ein am Fluss gelegener Sportplatz aufgegeben und verlegt.

Welche Areale hat Vaihingen für die Gartenschau vorgesehen?

Auf teils brach liegenden Industrieflächen an der Enz ist innovatives Wohnen geplant – allerdings muss die Stadt sie teils erst einmal kaufen. Noch vor der Sommerpause, so Reitze, werde klar sein, ob es mit dem Erwerb des für die Zukunftsmusik zentralen Häcker-Areals klappe – früher produzierte dort eine Hautleimfabrik. Er sei zuversichtlich, sagt er. „Wir sind dabei auf der Zielgeraden.“ Auch das Areal der ehemaligen Gärtnerei Weller mit ihren alten Gewächshäusern soll bei der Gartenschau als Ausstellungsgelände genutzt werden.

Die Gartenschau, so die Idee, soll mit der Umgestaltung des Landschaftsraumes südwestlich des Altstadt-Kerns der Entwicklung Vaihingens einen kräftigen Schub geben – um Touristen anzulocken, aber vor allem auch, um die Stadt für die Bürger lebenswerter zu machen. „Bei dem Fest selbst laufen vielleicht ein paar 100 000 Leute hier durch“, sagt Johann Senner. „Aber das ist nach sechs Monaten vorbei. Der ganze andere Mehrwert ist für die Bürgerinnen und Bürger.“

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Gerade deswegen gilt es den Spagat zu schaffen, das Gartenschau-Gelände zwar touristenkompatibel zu gestalten, aber auch Charakter und Charme der Flächen zu erhalten, die bisher – was mancher durchaus schätzt – eher im Verborgenen mit ihren Reizen punkten. Zum Beispiel die Bürgergärten in den Köpfwiesen entlang der Enz, die über Jahrhunderte hinweg Vaihingern zur Selbstversorgung dienten, die innerhalb der Stadtmauern nichts anpflanzen konnten. Sie sind ein besonderes Kleinod: wunderschön behauene Sandstein-Eingangspfosten, ornamentgezierte Eingangstore oder anmutige alte, hochwassersicher auf Sockeln gebaute Gartenhäuschen sind Zeugen vergangener Zeiten. Auch heute noch werden die meisten Gärten gehegt und gepflegt – was auch so bleiben soll. Ein derzeit vom Vaihinger Kanuclub genutzter Backsteinbau mit Treppengiebel – „er ist in Vaihingen fast einzigartig“, sagt Stadtführer Andreas Schuller, der die historische Unterfütterung des Bürgerspaziergangs übernimmt – könnte mit Gastronomie und Biergarten den Eingang zum Köpfwiesen-Areal markieren.

Wird der Mühlkanal wieder freigelegt?

Auch das wenige Meter entfernte Enßle-Gebäude sei eigentlich ein Backsteinbau, sagt Schuller. „Die Eternit-Platten sind erst später draufgekommen.“ Ein Bürgerentscheid hatte 2018 eine Neubebauung des Enßle-Areals gekippt, nun soll es im Kontext der Gartenschau entwickelt werden.

Stadtführer Schuller würde auch gerne den in den 1950er-Jahren zugeschütteten Mühlkanal wieder freilegen. „Wenn man bei einer Gartenschauplanung nicht träumen darf, wann dann? Ich würde dort gerne mit dem Stocherkahn fahren.“ Bereits heute sind Stocherkahnfahrten auf der Enz eines der touristischen Highlights in Vaihingen. Alleine 34 Rotgerber seien einst „wie an einer Perlenkette aufgereiht“ am Mühlkanal tätig gewesen, erzählt Schuller; überhaupt habe die Gerberei und Flößerei eine große Rolle gespielt, das könne bei der Gartenschau noch stärker hervorgehoben werden. „Außerdem lagen wir an der zentralen Handelsstraße zwischen Venedig und Antwerpen, auch das war für Vaihingen enorm wichtig.“

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Was die Bürgerschaft für die Gartenschau an Input beisteuern kann – schon bei diesem Auftakt-Bürgerspaziergang pinnen sie emsig Ideen und Vorschläge auf Pläne und an Stellwände – , soll in die Planung einfließen. Derzeit gehe es darum, sagt Johann Senner, das Pflichtenheft für den europaweit auszuschreibenden Planungswettbewerb zu erstellen, in dem die konkreten Grundlagen für die Gartenschau-Gestaltung festgelegt werden. Dafür seien die Anregungen aus der Bürgerschaft willkommen und gefragt.

Wozu gibt es eigentlich eine Gartenschau?

Gartenschauen
 Landesgartenschauen wurden Ende der 1970er Jahre in Baden-Württemberg erfunden, die erste fand 1980 als gemeinsame Landesgartenschau in Ulm und Neu-Ulm statt. Bis auf wenige Ausnahmen gab es sie bis 2000 im Jahresturnus. Um auch kleinen Städten und Gemeinden Zugang zu Fördergeldern zu ermöglichen, führte man in Baden-Württemberg 2001 die sogenannten „kleinen Grünprojekte“ ein, die heute oftmals salopp „kleine Landesgartenschau“ genannt werden – eine solche ist die Schau in Vaihingen im Jahr 2029 und die Schau in Marbach und Benningen im Jahr 2033.

Mehrwert
 Gartenschau-Projekte sind aufwendig, bringen den austragenden Kommunen aber Mehrwert: als Initialzünder für städtebauliche Entwicklung, Grün-Aufwertung und Fördermittel, als Identitätsstifter und als Anlass für Touristen, die Stadt oder Gemeinde kennenzulernen.

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