Vom Mittelalter bis heute So schön sind Europas Gärten
Von traditionellen Klostergärten über geniale Barockgärten bis hin zum modernen Staudengarten: Jede Zeit hat ihren Stil. Eine Auswahl an zehn Gärten. Eine Geschichte aus dem StZ-Plus-Archiv.
Von traditionellen Klostergärten über geniale Barockgärten bis hin zum modernen Staudengarten: Jede Zeit hat ihren Stil. Eine Auswahl an zehn Gärten. Eine Geschichte aus dem StZ-Plus-Archiv.
Stuttgart - Duftend süße Früchte und üppiges Grün – Gärten verkörperten schon immer die Sehnsucht nach dem Paradies. Bereits die alten Ägypter und die Assyrer legten Gärten an. Und auch in Persien, China und Japan wurde die wilde Natur in Zeiten gebändigt, gezüchtet und geformt, als in Europa noch wilde Horden durch unwegsame Wälder zogen.
Im Abendland begann die Geschichte der Gärten erst so richtig im Mittelalter. Was sich seitdem entwickelt hat, ist allerdings beeindruckend. Eine Zeitreise durch die europäische Gartengeschichte.
Original mittelalterliche Gärten sind in Europa nicht erhalten. Doch es gibt Zeugnisse über das Aussehen mittelalterlicher Klostergärten. Eines davon ist die Landgüterverordnung „Capitulare de villis“, verfasst um das Jahr 812 unter Karl dem Großen. Auch der St. Galler Klosterplan (um 820) zeigt, wie ein Klostergarten angelegt und bepflanzt werden sollte.
Welche Gewächse man damals kultivierte, erfährt man zudem im Gartengedicht des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabo (um 809 bis 849), dem „Liber de cultura hortorum“, kurz „Hortulus“ genannt. Aus den Kloster- und Apothekergärten entwickelten sich zu Beginn der frühen Neuzeit die ersten botanischen Gärten Europas, etwa in Padua (um 1545), Leipzig (1580) und Oxford (1621).
Sie orientierten sich in Anlage und Bepflanzung an den traditionellen Klostergärten: ein meist rechteckiger Grundriss mit sich kreuzenden Wegen, eingefasst von niedrigen Formschnitthecken und bepflanzt mit Nützlichem, Nahrhaftem und auch Schönem. Traditionelle Bauerngärten werden bis heute nach diesem Schema angelegt.
Wie man ein Landhaus samt Garten in der Renaissance richtig anlegen sollte, beschrieb der italienische Universalgelehrte Leon Battista Alberti (1404–1472): Möglichst am Hang platziert, mit freiem Blick auf die Umgebung und mit in Reihen gepflanzten Formschnittgehölzen, Grotten sowie Statuen wie in der Antike. Der von Annibale Lippi ab 1544 geplante Garten der Villa Medici in Rom ist dafür ein gutes Beispiel. Spektakulärer ist der Garten der Villa d’Este in Tivoli, ein um 1550 begonnener, terrassierter Wassergarten, der 1580 nach Plänen von Pirro Ligorio (um 1510 bis 1583) vollendet wurde. Er ist ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulpturen, Mosaiken und Wasserspielen.
Der Garten der Villa Lante in Bagnaia bei Viterbo gilt als besterhaltener Renaissancegarten und wurde ab 1564 von Giacomo Barozzi da Vignola (1507–1573) als stiller Wassergarten angelegt. Erwähnenswert sind zudem der Garten der Villa Aldobrandini in Frascati, 1598–1604 von Giacomo della Porta und Carlo Maderno geplant, sowie der „Sacro Bosco“, ein ab 1560 angelegter Garten in Bomarzo voller grotesker Skulpturen und Architekturen.
Als größtes Gartengenie Frankreichs gilt André le Nôtre (1613–1700). Er schuf zwischen 1656 und 1661 mit Vaux-le-Vicomte den Inbegriff des französischen Barockgartens. Charakteristisch ist für diese „jardins à la française“ mit formalen Parterrebeeten, dass sie um eine strenge Zentralachse organisiert sind und den Garten in den Fluchtpunkt des Horizonts bis ins Unendliche überführen. Auftraggeber für Vaux-le-Vicomte war Nicolas de Fouquet (1615–1680), Finanzminister Ludwigs XIV. Der Empfang des Königs anlässlich der Eröffnung der Gartenanlage geriet so pompös, dass Ludwig XIV., von Neid geplagt, drei Wochen später de Fouquet enteignete und in den Kerker warf, wo dieser bis zu seinem Tod blieb. Der König ließ den Pflanzenbestand des Gartens plündern und beauftragte umgehend Le Nôtre mit der Planung der Gärten von Versailles, die jene von Vaux-le-Vicomte übertreffen sollten. Dies taten sie zwar in Größe und Pracht, aber nicht in jener Perfektion, die man heute in den Gärten von Vaux-le-Vicomte wieder bewundern kann, nachdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts von Achille Duchêne restauriert wurden.
Der Stil des englischen Landschaftsgartens, entstanden zwischen 1710 und 1800, wurde durch Jean-Jacques Rousseaus Ansichten über die Natur und Gesellschaft beeinflusst. Das „Natürliche“ sollte die Oberhand behalten, ganz so, wie die arkadischen Landschaften auf den Gemälden Claude Lorrains. Die erste Phase der Entstehung dieses Gartenstils ist untrennbar verbunden mit William Kent (1685–1748). Er schuf offene, unbegrenzte Parklandschaften, ergänzt durch Tempel und Statuen. Erhaltene Beispiele seiner Kunst sind etwa Rousham (begonnen 1738) und Stowe, wo er von 1730 bis zu seinem Tod arbeitete.
In Stowe wirkte auch Lancelot „Capability“ Brown (1716–1783), der die zweite Phase dieses Stils prägte. Sie verkörpert mit ihrer unprätentiösen Schönheit den Stil der englischen Landschaftsgestaltung schlechthin. Der umtriebige Gartenarchitekt war an mehr als 170 Projekten beteiligt, unter anderem an Blenheim Palace, Kew Gardens und Bowood House. Ein zeitgenössischer Satiriker spottete, er hoffe vor Brown zu sterben, damit er den Himmel noch vor der Umgestaltung durch Brown sehen könne.
Der englische Stil beeinflusste Anlagen in ganz Europa. Deutsche Landschaftsgärtner und Fürsten reisten ab 1750 nach England, um die neue Gartenkunst zu studieren. Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau ließ 1764 den Wörlitzer Park bei Dessau nach englischem Vorbild anlegen. Dieser gilt als erster Landschaftsgarten Deutschlands und als „Musterland der Aufklärung“. Friedrich Ludwig von Sckell (1750–1823) wurde zur Anlage des „Englischen Gartens“ von Kurfürst Karl Theodor im Jahr 1789 nach München berufen.
Und in Preußen begann ab 1815 Peter Joseph Lenné (1789–1866) unter Friedrich Wilhelm II. mit der Umgestaltung des Potsdamer Schlossgartens nach englischem Vorbild. Mit Lennés Schöpfungen in Potsdam konkurrierte das gigantische Vorhaben Fürst Hermann von Pückler-Muskaus (1785–1871), ab 1815 Stadt und Schloss Muskau in ein ideales Stadtbild zu verwandeln. Obwohl der Fürst 1845 pleite war, begann er in Branitz bei Cottbus nochmals eine monumentale Parkanlage.
Spricht man über klassische englische Landhausgärten, fällt eher früher als später der Name Gertrude Jekylls (1843–1932). Die britische Gartengestalterin, eine Freundin des „Vaters der englischen Naturgartenbewegung“ William Robinson (1838–1935), entwarf zahlreiche Landhausgärten mit ausgeklügelter Bepflanzung. Ihr Markenzeichen waren „Mixed Borders“, also gemischte Rabatten, bestückt mit Stauden, Gehölzen und auch einjährigen Gewächsen.
Legendär sind ihre farblich raffiniert ausgearbeiteten Pflanzpläne mit „Driften“, also Gruppen gleicher Pflanzen, die sich als farbige Bänder durch die Beete weben. Nicht gerade pflegeleicht, aber damals hatte man noch Personal. Erhaltene Jekyll-Anlagen wie etwa Hestercombe Gardens und The Manor House in Upton Grey sind heute wahre Besuchermagneten. Zusammen mit dem Architekten Edward Lutyens (1869–1944), der die dazugehörigen Gebäude entwarf, wirkte Miss Jekyll stilprägend für diese Epoche.
Ursprünglich wuchsen in englischen Cottage-Gärten Gemüse und Kräuter zur Selbstversorgung. Im 19. Jahrhundert entdeckten Städter dann das Landleben und pflanzten auch Blumen in die Beete. Im Idealfall sieht ein Cottage-Garten deshalb so aus, als hätten die Blumen die Regentschaft im Nutzgarten übernommen. Margery Fish (1892–1969) kreierte in East Lambrook Manor den Cottage-Garten schlechthin und wurde so zur Protagonistin dieses Stils.
Einer der meistbesuchten Cottage-Gärten Großbritanniens ist Sissinghurst mit dem legendären „Weißen Garten“, geschaffen von der Gärtnerin und Autorin Vita Sackville-West (1892–1962) und ihrem Gatten Harold Nicholson. Erwähnenswert ist auch der Garten von Barnsley House, geschaffen von Rosemary Verey (1919–2001). Der exzentrische Gartengestalter Christopher Lloyd (1921–2006) schuf mit Great Dixter eine Anlage, die zwar an den Stil anknüpfte, aber mit überraschenden Pflanzenkombinationen bis heute für einen „Wow-Effekt“ sorgt.
Neue Wege der Staudenverwendung, vor allem im öffentlichen Raum, zeigt der Niederländer Piet Oudolf (geb. 1944) auf. Er gilt als der „Rock-Star“ unter den Landschaftsgärtnern und wurde zunächst durch die Gartenarchitektin Mien Ruys (1904–1999) inspiriert. Später wandte sich Oudolf unter dem Einfluss des deutsch-amerikanischen Gartendesigners Wolfgang Oehme (1930–2011) einem mehr naturnahen Stil in der Nachfolge Karl Foersters zu.
Oudolf verwendet vor allem Stauden und Gräser für seine auf ganzjährige Wirkung hin konzipierten Entwürfe, bei denen Strukturen wichtiger sind als Farben. International bekannt wurde er durch seine Gestaltung des High-Line-Parks in New York City, einer stillgelegten, zwischen 2006 bis 2014 begrünten Güterbahntrasse in der US-Metropole.
Übrigens wirkten auch andere moderne Gartendesigner mit der Verwendung von Stauden stilprägend, so etwa die Britin Beth Chatto (1923–2018), die als „Erfinderin“ des Kiesgartens gilt, oder der Landschaftsarchitekt James van Sweden (1935–2013), der mit Wolfgang Oehme zusammen in den USA arbeitete.
Der belgische Landschaftsarchitekt Jacques Wirtz (1924–2018) wurde bekannt durch wolkenförmig getrimmte, immergrüne Formschnitthecken, die zusammen mit Staudenpflanzungen eine ganzjährig ansehnliche Gestaltung vor allem für öffentliche Grünanlagen bilden. Wirtz wollte, dass seine Gärten den Geist der Landschaft bewahren und bereichern, statt ihnen seinen persönlichen Stempel aufzudrücken.
Ins allgemeine Bewusstsein kam er durch seine Entwürfe für den belgischen Pavillon auf der Expo ’70 in Osaka. Sein größter Auftrag war die Neugestaltung der Jardins de Carrousel in den Tuilerien von Paris.
Auch die Gärten von Alnwick Castle in Großbritannien tragen seine Handschrift. Filmfreunden wird diese Anlage als Kulisse aus zahlreichen Historienfilmen sowie den Harry-Potter-Verfilmungen vertraut sein. Kenner nennen den Namen Jacques Wirtz in einem Atemzug mit André Le Nôtre, William Kent und Lancelot „Capability“ Brown.
Plüschige Polyantharosen, Serbische Fichten und Pampasgras sind der Gartengeschmack von gestern. In Deutschland wird inzwischen mit neuer Leidenschaft gegärtnert. Von den zeitgenössischen deutschen Gartendesignern braucht sich keiner hinter der internationalen Prominenz zu verstecken.
Moderne Konzepte sowohl für Privatgärten als auch für öffentliche Grünanlagen haben beispielsweise unter dem Namen „New German Style“ weltweit Schule gemacht. Im Trend liegen standortgerechtes Pflanzen und die vielseitige Verwendung pflegeleichter Stauden für naturnahe, ganzjährig attraktive Beete.
Namen wie Petra Pelz, Peter Janke und Peter Berg sind eine Garantie dafür, dass es dank kompetenter Planung nicht nur auf Verkehrsinseln und im Stadtpark, sondern auch im Hausgarten geschmackvoll grünt und blüht. Pflegeleicht, dauerschön und oft auch nachhaltig sind die Entwürfe der zeitgenössischen deutschen Gartendesigner, die viel von ihren Vorgängern und Mentoren aus aller Welt gelernt haben.
Daraus kann man schließen: Gärtnern verbindet sowohl über Grenzen als auch Generationen und macht wirklich glücklich.