Lisa-Marie Timmerbeil mit Nico, Findus, Emma und Taco. Foto: Nina Ayerle
Lisa-Marie Timmerbeil aus Stuttgart ist in ihrem Beruf nicht glücklich gewesen. Sie kündigt ihren Job – ohne Alternative. Heute arbeitet sie als Hunde- und Katzensitterin.
Als Lisa-Marie Timmerbeil am Königsträßle in der Nähe von Kleinhohenheim aus ihrem Transporter steigt, trägt sie einen Bauchgurt, an dem mehrere Hundeleinen und Täschchen mit Leckerlis befestigt sind. An diesem trüben und regnerischen Mittwochnachmittag hat sie fünf Hunde dabei- und für jeden hinten eine kleine Box in ihrem Lieferwagen. Ihr eigener Hund Nico springt als Erstes aus dem Wagen. Er ist fester Bestandteil von Timmerbeils kleinem Team: Assistant Manager Dogwallautet sein offizieller Titel.
Der Border Collie Findus will immer Erster sein
Nico hilft Timmerbeil dabei, die ganze Truppe zu koordinieren. Oft läuft er voraus und schaut, dass die anderen vier nicht aus der Reihe tanzen. Allerdings hält Findus, ein Border-Collie-Mix, davon wenig. Er will vorne sein. „Das ist sein Job als Border Collie“, sagt Timmerbeil. Sam, die kleine französische Bulldogge, mag keine Fahrradfahrer – und fremde Menschen sind ihm teilweise suspekt. „Da muss ich immer etwas aufpassen“, sagt sie.
Die anderen drei sind recht entspannt, sie dürfen deshalb im Wald auch mal einzeln von der Leine und allein herumflitzen. Aber sie folgen ihr aufs Wort. Wenn Timmerbeil ruft, kommen sie angerannt.
Hauptberuf: Tiersitterin
Lisa-Marie Timmerbeil, 33, ist hauptberuflich Dogwalkerin und Katzensitterin. Sie führt Hunde aus, während deren Herrchen oder Frauchen arbeiten, und betreut Katzen in deren Zuhause, wenn die Besitzer im Urlaub sind. Das Gassigehen bietet sie in der kleinen Gruppe oder auch einzeln an.
Jeden Tag macht sie zwei bis drei Schichten Gassigehen, einmal morgens, einmal nachmittags. „Ich habe schon zwölf Kilo abgenommen durch das viele Laufen“, sagt sie. Pro Schicht ist sie schon mal drei bis vier Stunden unterwegs, da sie alle ihre Schützlinge zu Hause einsammelt. Das ist manchmal aufwendig, wenn ein Hund zum Beispiel nur 15 Minuten Auto fahren kann, muss sie die Route nach ihm ausrichten.
Der VIP-Einzelpass kostet bei ihr 52 Euro pro Spaziergang. Wenn der Hund in der Gruppe mitlaufen kann, dann kostet der Gassi-Service zwischen 35 und 45 Euro, je nachdem, wie oft der Hund in der Woche mit dabei ist. Ihre Kunden seien zu 80 Prozent berufstätige Frauen, erzählt sie.
Fellfarben Tierbetreuung heißt ihr kleines Ein-Frau-Unternehmen, unterstützt natürlich vom 13-jährigen Nico und den beiden zwölfjährigen Katern Jayden (Assistent Manager Health Care) und James (Assistent Manager Cleaning Service).
Timmerbeil absolvierte nach dem Abitur ein duales Studium in Betriebswirtschaft, die ersten Jahre hat sie ganz klassisch in einem Bürojob als Eventmanagerin gearbeitet. Doch richtig glücklich war sie damit nie. Sie spürte, dass sie gerne freier arbeiten möchte und nach ihren eigenen Wertvorstellungen.
Auf die Idee für ihr heutiges, kleines Unternehmen kam sie durch eine alte, kranke Katze aus dem Tierheim. Während ihres Studiums hatte Lisa-Marie Timmerbeil das kleine Geschöpf bei sich aufgenommen. „Und sie hat nicht nur so viel Glück in mein Leben gebracht, sondern auch meine Leidenschaft für Tiere wieder ins Zentrum meines Alltags gerückt“, erzählt sie bei der Gassirunde an der Waldau in Degerloch.
Nach einem Konflikt im Job zog Timmerbeil einen Schlussstrich. Denn für sie war klar, sie braucht eine Veränderung, sie will etwas Neues starten. Mit 27 Jahren kündigt sie – ohne eine Alternative zu haben. Sie arbeitet bis zur Coronapandemie erst einmal in einer Bar.
Auf ihrem Weg dorthin sieht sie eines Tages an der Straßenbahnhaltestelle die Werbung für eine Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin an einer privaten Akademie. „Aber diese Ausbildung hat super viel Geld gekostet“, sagt Lisa-Marie Timmerbeil. Um Geld zu verdienen, bietet sie Katzensitting an. „Und das lief von Tag eins an richtig gut“, erzählt sie. Nach ihrer Ausbildung arbeitet sie zunächst in einer Praxis für Tierphysiotherapie.
Doch dabei merkt sie, dass es ihre Arbeit als Tierbetreuerin ist, die ihr am meisten Freude macht. „Dabei kann ich zu jedem einzelnen Tier eine Bindung und Beziehung aufbauen kann“, sagt sie. Sie liebe die Individualität jedes Tieres. Deshalb kündigt sie wieder. „Obwohl die Ausbildung fast schwerer war als mein Bachelor in BWL.“ Sie setzt eine Ausbildung zur Dogwalkerin und eine als Tierheilpraktikerin obendrauf.
Auch Nico hat die Ausbildung zum Dogwalker mitgemacht
Auch ihr Hund Nico hat die Ausbildung mit absolviert. Er gehörte früher einer Kundin von ihr, nach deren Tod hat sie ihn übernommen. Nico konnte anfangs nicht gut mit anderen Hunden. „Die Ausbildung war eine Riesenherausforderung für ihn – mit teils 20 anderen Hunden zusammen“, erzählt sie. Inzwischen macht er seinen Job aber ganz ausgezeichnet und kommt mit anderen Hunden klar. „Unsicheren Hunden gibt er immer viel Stabilität“, sagt Timmerbeil.
Anfangs musste sie nebenbei noch einen Brotjob im Marketing annehmen, um Geld zu verdienen. Vor einem Jahr hat sie dann alles auf eine Karte gesetzt und sich mit ihrem Gassi- und Betreuungsservice komplett selbstständig gemacht. Mit dem Geld komme sie klar, sagt sie, aber reich werde sie damit nicht. „Ich liebe den Job über alles, aber ich bin auch nonstop beschäftigt an sieben Tagen der Woche.“ Privatleben? Habe sie derzeit eigentlich keines.
Hunde sind mit die beliebtesten Haustiere
Aber sie liebt es, komplett frei zu arbeiten. „Ich habe meinen eigenen Kopf“, sagt sie. Wenn eine Hundegruppe gut harmoniert, mache es besonders viel Spaß. Und doch ist sie halt mit den Hunden immer allein unterwegs. „Das ist mal schön und mal nicht so schön“, sagt sie. Manchmal fehlt ihr jemand, der ihr neue Impulse zu den Hunden gibt.
Hunde gelten als der beste Freund des Menschen und sind seit Jahrhunderten treue Gefährten, wie man sagt. Laut dem Zentralverband der Heimtierbranche lebten im Jahr 2024 etwa zehn Millionen Hunde in deutschen Haushalten. In Stuttgart sind derzeit rund 16 000 Hunde gemeldet. Die Zahl ist während Corona um 2000 gestiegen.
Die ersten professionellen Gassigeher gab es in New York
War es lange der Job von Hunden, Haus und Hof zu bewachen, sind sie heute vor allem Begleit- und Schmusetiere. In Spanien oder auch in New York gelten sie sogar rechtlich als Familienmitglieder. Dieser Status kann Scheidungsverfahren und den Schutz bei Misshandlung beeinflussen.
Doch auch ein Haushund braucht Bewegung und Auslastung. Und so fing es im 20. Jahrhundert an, dass berufstätige Großstädter in New York und London auf der Suche nach Spaziergängern waren. Der Beruf des Dogwalkers war geboren. Jim Buck heißt der Mann, der den Berufsstand des Dogwalkers in New York erfunden haben soll. 1964 kam der gelernte Elektroniker auf die Idee, in Manhattan die Hunde seiner wohlhabenden Nachbarn auszuführen und dafür eine üppige Summe zu verlangen. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos ist Buck häufig mit rund 15 Hunden auf den Straßen Manhattans zu sehen.
Längst hat sich der Beruf des Dogwalkers auch in Deutschland etabliert. In Berlin sieht man tagsüber in Vierteln wie dem Prenzlauer Berg unzählige Gassigeher mit ihren Hundegrüppchen. Seit Januar 2019 gibt es in der Hauptstadt ein Gesetz, wonach jeder gewerbsmäßige Dogwalker eine Prüfung beim Veterinäramt absolvieren muss – wenn die Gruppe größer als vier Hunde ist.
Lisa-Marie Timmerbeil hat an manchen Tagen fünf bis sechs Hunde dabei. Wie sie ihre kleinen Gruppen zusammensetzt, ist ein großes Thema für sie. „Da sie schon im Auto zusammenfahren, können sie sich anfangs erst einmal riechen“, sagt sie. Das erleichtere die erste Begegnung. Eine neue Gruppe sei aber immer „super spannend“.
Simba, Emma, Nico, Findus und Sam sind inzwischen eine sehr eingespielte Truppe. Manchmal ist jetzt noch Taco dabei. Auch er hat sich gut integriert. Während ihrer eineinhalbstündigen Tour durch den Wald haben sie Spaß zusammen – bis es zurückgeht zum Transporter und Timmerbeil ihre Schützlinge nach Hause zu ihren Besitzern fährt. Bis zum nächsten Tag.