Gastfamilie im Kreis Böblingen Minderjährige Geflüchtete aufgenommen – ihre Erfahrungen

Mohammad Ramo (rechts) hat von 2016 bis 2019 bei Achim Raab und dessen Familie in Herrenberg-Affstätt gewohnt. Foto: Stefanie Schlecht

Achim Raab und seine Frau haben seit 2016 zwei minderjährige Geflüchtete bei sich aufgenommen. Einer kam aus Syrien, der andere aus der Ukraine. Einmal ging es gut, einmal schief.

Böblingen: Leonie Schüler (lem)

Mohammad Ramo hat für das Treffen süße Stückchen aus Gries, Frischkäse, Pistazien und Zuckersirup gebacken. Achim Raab beißt hinein und meint: „Ich hätte so was sonst nicht gegessen.“ Mit „sonst“ meint er: Wenn er und seine Frau vor sieben Jahren keinen Flüchtlingsjungen aus Syrien bei sich aufgenommen hätten. Dann würde er zum Kaffee wohl eher Schneckennudeln essen und sicherlich keine Halawet, wie das syrische Gebäck heißt. Und nicht nur kulinarisch hat der zeitweilige Familienzuwachs Achims Raabs Horizont erweitert. „Es ist eine Bereicherung des Lebens“, sagt der 58-Jährige über die Erfahrung, Menschen einer anderen Kultur unter die Fittiche zu nehmen. Und das sagt er aus voller Überzeugung, obwohl es im vergangenen Jahr mit einem Jungen aus der Ukraine nicht so gut geklappt hat.

 

Flucht aus dem Kriegsgebiet

Aber die schöne Geschichte zuerst: Mohammad Ramo stieß im Januar 2016 zu der fünfköpfigen Familie in Herrenberg-Affstätt. Im Oktober 2015, als die Flüchtlingswelle aus arabischen Ländern nach Europa schwappte, hatte sich auch der damals 17-Jährige sich auf den Weg gemacht. Als unverheirateter Mann habe er damit rechnen müssen, zum Mitkämpfen eingezogen zu werden, erzählt er. „Meine Familie hat mich gedrängt, zu gehen.“ Er ließ seine Eltern und zehn Geschwister zurück und floh über die Türkei mit einem Boot nach Griechenland und weiter über den Landweg bis nach Deutschland. Der Zufall brachte ihn in den Landkreis Böblingen, wo er als minderjähriger Flüchtling zunächst in einer Bereitschaftspflege unterkam.

Zur gleichen Zeit sah die Familie Raab die Bilder der Geflüchteten und deren Not. Als sie hörten, dass Gastfamilien für Flüchtlingskinder gesucht werden, meldeten sie sich beim Jugendamt Böblingen. „Wir haben die Notwendigkeit gesehen, und wir hatten ein Zimmer frei“, erzählt Achim Raab. Einen Minderjährigen in die Obhut zu nehmen, war ihm eine Herzensangelegenheit, denn Kinder zu erziehen, nennt er „den Hauptsinn meines Lebens“. Er und seine Frau ziehen neben dem leiblichen Sohn zwei Pflegekinder groß, und als Tagesvater hat Achim Raab schon vielen Kindern die Schuhe zugebunden und respektvollen Umgang beigebracht. Seinen gelernten Beruf als Elektrotechnik-Ingenieur hat er schon vor vielen Jahren an den Nagel gehängt.

Wie würde das Umfeld auf den fremden Mann reagieren?

Auch wenn sich die Familie Raab mit offenen Armen auf das Projekt Gastkind stürzte, fragten sie sich, ob ihr Umfeld auf dem Dorf das genauso vorbehaltlos tun würde. Wie würden die Nachbarn das finden? Sie wussten, dass mancher die Flüchtlingswelle kritisch sah. Doch die Sorgen waren umsonst: Viele Nachbarn kamen vorbei und brachten Klamotten oder Schuhe für Mohammad.

Die erste Zeit, erinnert sich Achim Raab, war ein Herantasten an die gegenseitigen Gewohnheiten. Die Essenszeiten der Familie wurden an Mohammads Gebetszeiten angepasst, auf Schweinefleisch wurde verzichtet, außer Sprudel kam auch stilles Wasser auf den Tisch. Neben die Toilette wurde, wie in arabischen Ländern üblich, eine Wasserflasche zum Saubermachen gestellt, „aber wir haben ihm gesagt, dass er nicht im Stehen pinkeln darf“. Das Handy musste Mohammad beim Essen weglegen, und für kleine Dienste wie Tisch decken oder Hasenstall sauber machen wurde er genauso eingeteilt wie die anderen drei Kinder. Für Mohammad war es ungewohnt, beim Essen am Tisch zu sitzen statt auf dem Boden. „Es war am Anfang schwierig zu verstehen, wie man hier lebt als Familie“, sagt er. Zumal er kein Wort Deutsch konnte. „Es war ein Geben und Nehmen. Er konnte nicht alles haben, was er gewohnt war“, sagt Achim Raab, für den es neu war, einen Pubertierenden im Haus zu haben. „Teilweise mussten wir erzieherisch tätig sein. Aber ich glaube, wir haben das ganz gut hingekriegt.“

Obwohl Mohammad eigentlich nur ein halbes Jahr bei den Raabs bleiben sollte, wurden es am Ende fast vier Jahre. Der Kurde lernte Deutsch und machte seinen Realschulabschluss. Mit dem Start einer Lehre als Verfahrensmechaniker Ende 2019 zog er in seine eigenen vier Wände. Der Kontakt blieb bestehen – „sporadisch“, sagt Achim Raab. Ab und zu kommt Mohammad zum Essen vorbei oder bittet um Hilfe bei einem Formular. „Gestern hat er mir geholfen, den Weihnachtsbaum runterzutragen“, sagt Achim Raab und lacht. Die Kinder würden sich immer freuen, wenn Mohammad vorbeikommt. Eifersucht habe es nie gegeben, denn: „Er war immer ein Gast, kein Geschwisterkind. Aber sie sagen Bruder zu ihm.“ Mohammad ist einfach nur dankbar für die Zeit. „Ich weiß nicht, wo ich jetzt wäre, wenn ich nicht zu der Familie gekommen wäre“, sagt er. „Ich glaube, es wäre schlechter gewesen.“

Es kann auch scheitern

Achim Raab weiß, dass es nicht immer so gut laufen muss. Vergangenes Jahr haben er und seine Frau einen 17-jährigen Ukrainer aufgenommen. „Das hat nicht geklappt. Er war nicht familientauglich“, sagt Achim Raab. Der junge Mann habe sich an keine Regel halten wollen, und statt selbst Deutsch zu lernen, sollten die anderen Ukrainisch lernen. Nach fünf Monaten musste er wieder gehen. Trotzdem ist Familie Raab weiterhin beim Jugendamt als potenzielle Gastfamilie registriert. „Ich würde wahrscheinlich wieder jemanden aufnehmen“, sagt Achim Raab. Ein Zimmer ist schließlich frei.

Das Landratsamt sucht Gastfamilien

Fürsorge
Aufgrund der Krisen in der Welt kommen viele unbegleitete minderjährige Geflüchtete im Landkreis Böblingen an. Sie stammen überwiegend aus Syrien, Afghanistan und der Ukraine. Sie benötigen Begleitung, Schutz und Fürsorge. Der Landkreis sucht Gastfamilien, die einen jungen Menschen in ihre Familie aufnehmen können. Sie werden vom Jugendamt unterstützt und begleitet. „Als Gasteltern kommen Menschen in Frage, die Zeit, Platz und ein stabiles Umfeld haben und die Offenheit für andere Kulturen mitbringen“, teilt das Landratsamt mit.

Info
Am Donnerstag, 26. Januar, und Donnerstag, 2. Februar, jeweils von 18.30 bis 20.30 Uhr bietet das Jugendamt Böblingen einen Vorbereitungskurs für Gasteltern an. Die Kursabende finden in der Außenstelle des Jugendamtes Böblingen, Calwer Straße 7, statt. Fragen und Anmeldungen an Silke Frank und Angelika Wulf per Telefon unter 070 31/663 30 55 oder -30 66 oder per E-Mail an s.frank@lrabb.de oder a.wulf@lrabb.de.

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