Gastro in der Region Stuttgart Die besten Restaurants im Test 2022

Der 24 Jahre junge Cédric Staudenmayer hat in seinem Restaurant Cédric in Weinstadt-Beutelsbach einen Hochstart hingelegt. Foto: Gottfried Stoppel/Gottfried Stoppel

Die Gastrokritiker unserer Zeitung sind mit vielen Neueröffnungen so zufrieden, dass einige Lokale gleichauf liegen. Aber es gibt auch eine traurige Nachricht.

Lokales: Matthias Ring (mri)

So viel Kopf an Kopf hat es in unserer Restaurantbestenliste, die wir wegen der Lockdowns zuletzt für 2019 machen konnten, auch noch nicht gegeben. Man könnte sogar sagen, dass die besten zwölf neu vorgestellten Adressen des Jahres 2022 in der Summe gleich gut bewertet sind. Schließlich hat jedes der Restaurants einmal fünf Sterne und zweimal vier Sterne – nur unterschiedlich auf die drei Kategorien verteilt. Man kann aber auch sagen, dass die Qualität der Küche nun mal das Wichtigste ist und somit nur drei Adressen gleichauf oben stehen. Da das Ambiente zu einem schönen Abend viel beitragen kann, kommen weitere fünf Restaurants knapp dahinter, gefolgt von vier Lokalen, bei denen unsere Tester den Service am besten bewertet haben. Da der jedoch je nach Personallage und Tageslaune besonders von Schwankungen betroffen sein kann, war dies das letzte Kriterium für unsere Liste.

 

Mit 24 Jahren auf dem Weg zu den Sternen

Wie außerordentlich die Küchenleistung sein kann, zeigt das Cédric in Weinstadt-Beutelsbach. Dort stand Cédric Staudenmayer zum Zeitpunkt unseres Besuchs ganz alleine in der Küche und legte ein sehr hohes Niveau, ein Sterne-Niveau hin. Aber gut: Der 24-Jährige war nach seiner Ausbildung anderthalb Jahre im Zwei-Sterne-Restaurant Ophelia und vor seiner Rückkehr in die Heimat auch kurz in der Schwarzwaldstube in Baiersbronn. In der ehemaligen Krone, die schon sein Großvater bewirtete, gibt es nun ein Fünf-Gänge-plus-Menü. Beim Test begeisterten unseren Kritiker unter anderem ein Rettich-Orangen-Eis zum Saibling, die starken Akzente beim Kabeljau mit Miesmuscheln und die austarierten Kreationen bei gleich drei Desserts.

Tolle Desserts auch in Oppenweiler, Fischgerichte in Kirchheim/Teck

Auch die Nachspeisen von Ute Wagner-Munz sind „mit leichter Hand auf die Teller getupft“. Sie ist mit ihrem Mann Alexander Munz vom Waldhorn ins Einhorn von Auenwald-Däfern nach Oppenweiler umgezogen. Dort haben die beiden mit ihrem Souschef Jan Decker und dessen Frau den Hotelbetrieb samt Restaurant übernommen und unsere Testerin voll und ganz überzeugt. Bei den Hauptspeisen sowohl mit der Wachtel als auch mit dem Rinderfilet, „dazu samtige Soßen und Beilagen zum Sattwerden“.

Im Sams in Kirchheim/Teck stehen „kleine feine Gänge mit französischer Note“ auf dem Programm. Vieles dreht sich dabei um Meerestiere, wie schon eine Fischtheke signalisiert. So gab es als Amuse-Gueule beim Testessen gebeizten Kabeljau im Geleemantel, danach Seeteufel begleitet von einer Beurre Blanc und hauchdünn geschnittenem jungem Gemüse. Aber auch das Rinderfilet mit einer Kartoffel-Mille-feuille war sehr gut. Kein Wunder: Der Koch Adrian Semp und Restaurantleiter Marc Schnierer haben Erfahrungen in Spitzenrestaurants gesammelt und sich dann zusammengetan.

Trotz der Wechsel bleibt das Niveau hoch

Einen Gourmet-Background gibt es im Danza auch beim dritten Koch innerhalb eines Jahres. Sven Lacher war zuletzt im Stuttgarter Ritzi, sein Vater betreibt das Parkcafé im Blühenden Barock. Im Ludwigsburger Forum am Schlosspark zaubert der Junior nun kleine Kunstwerke auf die Teller, allerdings schrieb unsere Restauranttesterin auch von asiatischen Einflüssen, die sich ein bisschen gegenseitig die Schau stahlen.

„Mit Selbstbewusstsein an großen Fußstapfen vorbei“, so der Titel des Tests, geht es im Zum Hirschen in Fellbach. Dort ist Tobias Favorat aus der Schmidener Eintracht der Nachfolger von Altmeister Armin Karrer. Ohne Ambitionen auf einen Michelin-Stern ist das Niveau sehr hoch, zum Beispiel bei Zwiebelrostbraten und Wolfsbarsch. Dazu gibt es eine der besten Weinkarten der Region.

Gleich zweimal Stuttgart-Wangen in der Bestenliste

Nun ist es aber mal an der Zeit für eine gute Adresse in Stuttgart, kurioserweise im Ortsteil Wangen, der gleich zweimal in unserer Bestenliste auftaucht. Zuerst mit dem Wiesenauerläuten, das mit Lichtinstallationen des Künstlers Tobias Rehberger spektakulär in Szene gesetzt wird. Aber die italienische Küche von Gabriele Pontillo kann mit gefüllten Zucchiniblüten auf Parmesanschaum und einem dank Roter Bete pinkfarbenen Risotto durchaus mithalten. Die zweite Wangener Adresse heißt Spelunkerei, bei der es sich aber nicht nur um eine Bierkneipe handelt, sondern in der es auch sehr gute Weine von den einigen Winzern der Umgebung gibt, dazu „bodenständige Speisen mit feiner Note“. Unser Kritiker findet: Die Namenswahl sei „eine ziemliche Flunkerei – im besten Sinne“.

Schönes Ambiente im Bohnenviertel und Bosch-Areal

Fünf Sterne fürs Ambiente gibt es für die Weinstube im Schellenturm, die von jungen Gastronomen wiederbelebt worden ist, „traditionell mit einem durchaus modischen Twist“. So türmten sich auf dem exzellenten Rostbraten und geschmelzten Zwiebeln noch frittierte Karottenstreifen. Im Roberts im Bosch-Areal gefielen der Kritikerin die warme Atmosphäre durch das helle Holz, die Rottöne und die vielen Pflanzen, aber auch das klassische italienische Angebot von cremiger Burrata über Lasagne „wie von Mamma gemacht“ bis hin zur Pizza mit schwarzem Trüffel.

Zwei ungewöhnliche Locations in unserer Bestenliste sind die Gaunerei in Ludwigsburg und das Varo in Stuttgart-West. Die eine Adresse ist laut unserer Gastrokritikerin eine „kuriose Kombination aus Bar und Restaurant“ mit „wenig Auswahl, aber viel Geschmack“. Der Koch mit Erfahrung aus der Adler-Asperg-Sterneküche interpretiert deutsch-schwäbische Klassiker „nach Gauner-Art regional, saisonal, nachhaltig und zeitgemäß“. Auch im Stuttgarter Varo ist das Konzept nachhaltig und das Interieur sogar recycelt. Kulinarisch ist im Nachbarschaftstreff vom Frühstück über einen kleinen Mittagstisch bis hin zu Häppchen am Abend wie Empanadas und Walnussbällchen in Tomatensoße einiges geboten.

Eine traurige Nachricht zum Schluss: Im M5 am Leonberger Marktplatz war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unseres Tests der Gourmetbereich im ersten Stock schon nicht mehr in Betrieb, sondern nur das Bistro im Erdgeschoss. Im Herbst haben Personalmangel und vielleicht auch andere Aspekte der Gastrokrise vollends zugeschlagen. Jedenfalls ist in dem ambitionierten Projekt niemand mehr zu erreichen und der gesamte Betrieb dauerhaft geschlossen.

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