Ellen Erhardt haucht der traditionsreichen Gaststätte mitten in Rutesheim mit schwäbischem und „gut bürgerlichem“ Essen wieder Leben ein. Dafür meistert sie einige Herausforderungen.
Nathalie Mainka
14.03.2026 - 09:07 Uhr
Auf der neuen Speisekarte steht nicht nur typisch Schwäbisches oder „gut bürgerliches“ Essen. Also Maultaschen, Fleischküchle, Rahmschnitzel mit Spätzle, Schweinemedaillons, Zwiebelrostbraten oder Allgäuer Kässpätzle. „Auf Wunsch servieren wir auch Vegetarisches“, sagt Ellen Erhardt, die die traditionsreiche Gaststätte „Saibeck“ mitten in Rutesheim in der Leonberger Straße 7 Anfang Februar wiedereröffnet hat.
Seit August 2025 war sie leer gestanden. Seitens der Stadt wurde die 57-Jährige angesprochen, ob sie es sich nicht vorstellen könne, die Gastronomie im Hotel Rössle zu übernehmen. Denn Ellen Erhardt ist keine Unbekannte in der Stadt. Seit 21 Jahren ist sie hier selbstständige Gastronomin. Sie führte von 2005 bis 2012 das Ristorante Pizzeria Romantica im Vereinslokal der Musikschule im Mieminger Weg, bevor sie die Pacht der Sportgaststätte Bühl auf dem Sportgelände der SKV Rutesheim übernahm. Dort bietet sie nach wie vor deutsch-italienische Küche an.
Vor etwa 32 Jahren ist die Russlanddeutsche mit ihrer Familie als Spätaussiedlerin von Kasachstan nach Deutschland gekommen. In ihrer früheren Heimat hatte sie den Lehrerberuf gelernt. Eine Mischung aus Technik, Nähen und Stoffkunde – kombiniert mit Pädagogik. Nur einen Monat lang unterrichtete sie nach ihrer Ausbildung junge Erwachsene in der Berufsschule. „Ich habe sofort gemerkt, dass das nichts für mich ist, obwohl ich gerne mit Menschen zu tun habe “, sagt sie und lacht. Sie ließ sich zur Bankkauffrau umschulen, nahm dann in Deutschland an einem Verkaufsseminar teil und arbeitete Ende der 1990er Jahre zunächst in einem Großhandel in Korntal-Münchingen.
Ein Freund sagte: „In der Gastronomie musst du alles können“
Nach zwei Jahren bekam sie das Angebot, dort die Cafeteria zu übernehmen. Ohne jegliche Erfahrung in der Gastronomie oder gar in der Selbstständigkeit unterschrieb sie den Vertrag. „Danach ist mir der kalte Schweiß den Rücken hinuntergelaufen“, erinnert sie sich. „Doch wenn ich einen Schritt gehe, ziehe ich das auch durch.“ Ein Freund hatte ihr einen wertvollen Tipp gegeben: „Wenn du eine Gastronomie übernimmst, musst du alles können.“ Nicht nur kochen, den Service machen, im Hintergrund alles koordinieren, das Menü zusammenstellen oder den Überblick über die Buchhaltung haben. Sondern du musst auch putzen oder handwerkliche Dinge verrichten.“ Also krempelte sie die Ärmel hoch und brachte sich alles selbst bei.
Ellen Erhardt vor historischen „Saibeck“-Bildern Foto: Geronimo Schmidt
Ihr erstes À-la-Carte-Restaurant führte die Hemmingerin zwei Jahre später in Eberdingen/Hochdorf. Weitere zwei Jahre später eröffnete sie das Romantica in Rutesheim, bevor sie die Sportgaststätte Bühl übernahm.
Wie sie damals die Arbeit mit ihren mittlerweile erwachsenen vier Kindern koordinieren konnte? „Die gesamte Familie hat mitgeholfen, ohne die geht gar nichts.“ Ihr Mann, mit dem sie fast 40 Jahre zusammen ist, habe nichts mit der Gastronomie zu tun. „Er arbeitete von 7 bis 16 Uhr und war dann zu Hause.“ Auch Eltern und Schwiegereltern packten mit an. Nur so konnte sie parallel in Hemmingen eine zweite Gastronomie, zunächst den Adler, dann bis Ende 2025 das Vereinslokal der GSV übernehmen. „Dank meines Personals klappt das gut“, sagt sie. Weil aber die Chemie mit dem Verein nicht mehr stimmte, gab sie das Lokal auf. Lange hat sich Ellen Erhardt überlegt, ob sie sich nur noch auf die Sportgaststätte Bühl konzentrieren sollte. Doch schließlich konnte sie beim „Saibeck“ nicht Nein sagen.
Ellen Erhardt steht zunächst wieder selbst in der Küche
Der „Saibeck“ ist eine Gaststätte mit langer Geschichte. Bis 1960 lag an dieser Stelle ein kleiner Feuersee, der erst im Zuge des Baus des Busbahnhofs verschwand. Direkt daneben befand sich die Gaststätte Rössle. Die Inhaber, Familie Philippin, hatten parallel eine Bäckerei – daher der Beiname „Beck“. Und weil der See, im Rutesheimer Volksmund „Sai“ genannt, gleich nebenan lag, bürgerte sich für die Wirtschaft der Name Saibeck ein. Mit der Ortskernsanierung erhielt das Areal ein neues Gesicht. Das Hotel Rössle und die Gaststätte Saibeck wurde neu gebaut und 1988 bezogen. Bis heute befindet sich beides in privatem Eigentum – das Hotel wird nach wie vor vom Eigentümer selbst geführt.
Die Wiedereröffnung Anfang Februar stellte Ellen Erhardt vor eine Herausforderung. Denn kurzfristig hatte ihr fest eingeplanter Koch abgesagt. Seitdem steht sie wieder selbst in der Küche. „Ich glaube aber fest daran, dass sich bald eine Lösung findet“, sagt sie, die inzwischen auch drei Enkel hat. Schließlich hat sie in ihrem Leben schon einiges geleistet, in verschiedenen Jobs Erfahrungen gesammelt. Auf neue Situationen kann sie sich bestens einstellen.