Gastronomie in Coronazeiten Eine Branche der Optimisten

Selin (li.) und Melike Müjdeci haben am 4. Januar ihr Bäckereicafé À la Miss eröffnet - trotz Corona und obwohl sie den großen Cafébereich nicht aufmachen dürfen. Foto: Holowiecki
Selin (li.) und Melike Müjdeci haben am 4. Januar ihr Bäckereicafé À la Miss eröffnet - trotz Corona und obwohl sie den großen Cafébereich nicht aufmachen dürfen. Foto: Holowiecki

Die Pandemie macht Gastronomen das Leben schwer. So mancher steht vor dem Ruin oder hat sogar schon hingeschmissen. Andere wagen ausgerechnet jetzt einen Neustart. Dafür braucht es Mut und eine gewisse Leichtigkeit.

Filder - Der morgendliche Pendler-Sturm ist vorbei. Melike und Selin Müjdeci können durchatmen. In ihrer Bäckerei haben die entfernt verschwägerten Frauen jetzt, kurz nach 9 Uhr, erst mal ein wenig Ruhe, bis der Mittag kommt. Bei „À la Miss“ läuft es gut. Am 4. Januar hat das Duo sein Bäckereicafé am Bahnhof in Bernhausen eröffnet. Zumindest halb.

Die Theke ist gut gefüllt mit türkischen und deutschen Backwaren, doch der große Sitzbereich ist wegen Corona abgesperrt. Die nagelneuen weißen Stühle sind teilweise noch nicht mal ausgepackt. „Wir wussten das von Anfang an“, sagt Melike Müjdeci. Von ihrer Neueröffnung haben die Mittzwanzigerinnen sich durch die Pandemie trotzdem nicht abbringen lassen. Selin Müjdeci betont: „Brot brauchen die Menschen.“

Eine gastronomische Neugründung in der Coronakrise, das wirkt unpassend, denn die Branche darbt. Daniel Ohl vom Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg (Dehoga) spricht von der „schwersten Krise, die wir je erlebt haben“. Von den 12,5 Milliarden Euro, die die Branche in normalen Jahren umsetze, seien 2020 etwa 5,2 Milliarden weggebrochen, „das ist brutaler als alles, was heute lebende und handelnde Personen bisher erlebt haben“.

Die einen schmeißen hin, die anderen wagen den Neustart

Mancher hat hingeschmissen. So hatten sich etwa die Betreiber des Kanonenbäck in Stuttgart-Rohr schon länger mit dem Gedanken getragen, altershalber aufzuhören, die zwei Lockdowns hatten den Senioren den Rest gegeben. Auch Daniel Ohl berichtet von einer „hohen Zahl von Aufgaben, die es gibt oder geben wird“.

Doch es gibt auch Mutige, die genau jetzt einen Neustart wagen. Am 1. Februar eröffnen Giovanni und Michele Nardiello, bekannt aus der „Pinseria zum Schluckspecht“ in Heumaden, die ehemalige Alt-Sillenbucher Weinstube zum Schwanen unter dem Namen „Vecchio Amore“. Am gleichen Tag geht nahe des Degerlocher Busbahnhofs mit „Bitter Sweet“ ein Frühstückscafé an den Start. Auch dahinter steckt ein erfahrener Gastronom. Zan Ravel Velenderic hat lang das „Zimt und Zucker“ in der City geführt.

In Leinfelden-Echterdingen tut sich ebenfalls etwas. Kurz vor Weihnachten haben die Pächter des Lokals des Tennisclubs Stetten, „La Commedia“, aufgehört – nach 19 Jahren. Corona war nicht der Grund. „Die Eltern sind in den Ruhestand gegangen, und wir Söhne sind uns mit dem Verein nicht mehr über einen Vertrag einig geworden“, erklärt Alessandro Arianiello. Sein Vater Enzo (67) betont: Die Stammgäste hätten ihn bis zuletzt stark unterstützt. Neue Pächter sind laut Verein bereits gefunden. Ab April soll es im Lokal italienische sowie deutsche Speisen geben.

Die Betreiber bleiben positiv

Laut Daniel Ohl lassen sich aktuell etliche Wirte in spe beim Dehoga beraten. Er spricht von einer Branche der Optimisten, und wenn man davon ausgehe, dass im Frühjahr womöglich wieder geöffnet werden könne, seien Neugründungen jetzt alles andere als weltfremd. „Die Betriebe rechnen damit, dass es Perspektiven gibt“, sagt er. In der Tat: Der Cafébetreiber Zan Ravel Velenderic sprüht vor Energie. In den Standort von „Bitter Sweet“ und die Degerlocher scheint er regelrecht verliebt, zudem werde er sowohl vom Vermieter als auch von der Stadt gut unterstützt. „Wenn nicht jetzt, wann dann? Den Mut muss man haben“, sagt er. Eine gewisse Leichtigkeit legen auch die Brüder Nardiello in Sillenbuch im „Vecchio Amore“ an den Tag. „Wir haben schon unterschrieben. Wir sind im Spiel, jetzt müssen wir spielen“, stellt Giovanni Nardiello klar.

Auch Melike und Selin Müjdeci haben sich in Bernhausen von Corona nicht ausbremsen lassen und einfach losgelegt. Die Gastro-Quereinsteigerinnen sind bislang nicht enttäuscht worden – obwohl sie ihr Café noch geschlossen halten müssen. „Wir sind meist abends ausverkauft“, sagt Selin Müjdeci. Die Kunden seien motivierend, „die geben uns Mut und Hoffnung“. Die junge Frau zeigt sich kämpferisch. Sie glaubt: „Wenn wir durchhalten, dann boomen wir nach dem Lockdown.“




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