Gastronomie in Esslingen Esslinger Ernährungsexpertin: Viel zu viel Fett für Kinder in Restaurants

Aus der Fritteuse in den Kindermagen: Pommes mögen die Leibspeise vieler kleiner Gäste sein – aber die restaurantübliche Zubereitung macht beide fett, Essen und Esser. Foto: dpa

Einfallslos, ungesund, fett: Essensangebot für Kinder in Restaurants stehen in der Kritik. Gastronomen aus dem Kreis Esslingen nehmen Stellung – oder auch nicht.

Klingt nach tütteliger Phantasie: „Pumuckls Geheimnis“, „Die Zahnfee schaut weg“, „Käpt’n Blaubärs Lieblingsschmaus“. Tatsächlich birgt die Poesie der Kinderspeisekarten nur Tarnnamen für Phantasielosigkeit, hinter denen fast immer das Gleiche steckt: Schnitzel, Pommes, Spätzle mit Soß’, Chicken Nuggets und vielleicht noch Fischstäbchen.

 

Kinderspeisekarten sind Tabellen der Einfallslosigkeit, hat die Verbraucherzentrale bei einem bundesweiten Test in 100 Gaststätten herausgefunden. Und: Was in Restaurants auf den Kinderteller kommt, ist oft zu fett, zu einseitig, zu ungesund. Gemüse, Vollkorn, Abwechslung? Fehlanzeige.

Essen für Kinder in Restaurants: „Zu viel Fett in der Verarbeitung“

Hanna Ritter, Ernährungswissenschaftlerin an der Esslinger Kinderklinik, erläutert den Befund: „Es ist einfach viel zu viel Fett in der Verarbeitung. In den meisten Lokalen sind Pommes frites nicht im Backofen oder der Heißluftfritteuse zubereitet, beim Schnitzel kommt das Fett, das in der Panade steckt, hinzu. Wird dann noch viel Ketchup dazu gegessen, kommt eine Ladung Zucker oben drauf. Zusammengerechnet ergibt das bei den Kalorien oft den Tagesbedarf eines Kindes.“ 

Ihm schmeckt’s. Nur bräuchten die Kohlenhydrate einen Ausgleich. Foto: Cavan Images / Inti St. Clair

Bei der vegetarischen Variante Spätzle mit Soße „stehen die Kohlenhydrate im Vordergrund“, sagt Ritter. „Da sie aus Weißmehl produziert werden, lassen sie den Blutzucker schnell ansteigen und schnell wieder sinken, und man bekommt Hunger.“ Ritters Fazit: „Gesund geht anders. Von Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen ist da nicht viel zu sehen.“

Tipp der Expertin aus Esslingen: Lieber grillen als panieren

Mit einfachen Mitteln könnten nahrhafte Alternativen geschaffen werden: „Ideal ist eine Kombination aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett. Eine Portion Eiweiß aus Hülsenfrüchten könnte die Kohlenhydrate ausgleichen, zum Beispiel Linsen mit Spätzle. Natürlich gehen auch Milchprodukte oder mageres Fleisch.“ Bei den Kohlenhydraten plädiert Ritter für „hohen Ballaststoffanteil, sprich Vollkorn“, beim Fleisch für Grillen statt Panieren.

Was aber, wenn der Kinderchor mit „Bäh!“ und „Iiiii!!“ ertönt, sobald Gemüse oder Salat auf den Tisch kommen? „Kinder essen Gemüse lieber roh als gekocht“, so die Ernährungswissenschaftlerin. „Da darf man auch mal zur Ausstechform greifen und Gurkenscheiben zu Schmetterlingen oder Herzen verwandeln.“ Außerdem haben Kinder ihren eigenen Geschmack: „Vor allem die Kleinen mögen bittere und saure Speisen nicht. Oft hilft schon ein Joghurtdressing statt Essig und Öl im Salat. Und Eisbergsalat kommt besser an als Rucola, Radicchio und Co.“

Die geschmacklichen Vorlieben der Kinder sind denn auch das Hauptargument für die Vorherrschaft von Schnitzel, Pommes und Co. Wobei nur ein Teil der von uns angefragten Gastronomen im Kreis Esslingen bereit war, sich zu dem Thema zu äußern. Auch beim Branchenverband Dehoga in Stuttgart gibt man sich schmallippig: Angebote für Kinder seien „eine Frage des Konzepts der Restaurants“, teilt Pressesprecherin Natalie Butz mit.

Eine Frage der Nachfrage auch in Esslingen

Und damit eine Frage der Nachfrage: „Unsere Erfahrung zeigt, dass Kinder und Eltern meist tatsächlich die Klassiker bestellen“, sagt Alexander Kraft von der Deizisauer Rettich-Bar, einem Restaurant mit Biergarten. Der Restaurantbesuch sei für Kinder ein „Highlight“, die Speisekarte solle ihnen ihre „Lieblingsgerichte“ bieten. Gemüse ist nicht dabei, könne aber als kleine Portion dazubestellt werden – was „so gut wie nie nachgefragt wird“, ergänzt Rettich-Bar- Kompagnon Marc Röckle. Justine Rörich vom Esslinger Jägerhaus spricht von einem „Spagat“. Einerseits „greifen viele Eltern und Kinder zu den immer gleichen Gerichten.“ Andererseits wachse „das Interesse an gesünderen, frischen Alternativen“.

Die Gastronomen räumen ein, dass Kritik am Angebot für Kinder „nicht unbegründet ist, und wir sollten sie ernst nehmen“, sagt Rörich. An der Kinderspeisekarte wollen sie jedoch festhalten: „Viele Gerichte von der großen Karte sind für Kinder zu intensiv gewürzt oder zu komplex“, sagt Rörich. Außerdem soll im Jägerhaus wie in der Rettich-Bar eine speziell gestaltete Karte die Kinder direkt ansprechen.

Großzügige Gratis-Alternative: der Räuberteller

Einen anderen Weg geht das Esslinger Restaurantcafé Findelkind: „Unsere kleinen Gäste können von der gesamten Karte kleine Portionen bestellen“, sagt Inhaber Burak Kaya. Im angeschlossenen Findelkind Atelier lege man einen Schwerpunkt auf Kinderernährung. „Wir entwickeln eine eigene Karte, die speziell auf Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren abgestimmt sein wird.“ Geplant seien „frische, gemüsebetonte Gerichte“. Erfreuliche Botschaft zum Schluss: Alle drei Lokale (und 90 Prozent der von der Verbraucherzentrale befragten) bieten Kindern eine Gratis-Alternative – den Räuberteller. Hier bekommen Kinder einen leeren Teller und können bei den Erwachsenen „räubern“, was sie brauchen.

Wie Kinder abgespeist werden

Hitliste
Die Kinderspeisekarten in den von der Verbraucherzentrale untersuchten Restaurants sind im Wesentlichen mit einer sehr überschaubaren Zahl von Gerichten bestückt. 63 Prozent der Restaurants bieten ihren kleinen Gästen Schnitzel an, häufig mit Pommes. Spätzle mit Soße stehen in 21 Prozent, andere Nudeln in 46 Prozent der Lokale auf der Kinderkarte.

Forderungen
Die Verbraucherzentrale fordert unter anderem eine weitgehende Abstinenz von Frittiertem, Paniertem und Zuckerhaltigem (etwa Ketchup) auf der Kinderkarte. Stattdessen mehr Vielfalt und Ausgewogenheit mit Gemüse, Vollkornprodukten, magerem gegrilltem Fleisch oder Fisch. mez

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