Aus ihrem Abschiedsschmerz machen Bertold und Marion Schaller keinen Hehl. Nach mehr als zehn Jahren schließen die beiden zu diesem Mittwoch das Traditionslokal Goldener Löwen in der Marktstraße 2 in Neuhausen. Viele Stammgäste sind noch einmal gekommen, um ein letztes Mal Rostbraten oder saure Kutteln zu bestellen. „Die gutbürgerliche, schwäbische Küche haben wir gepflegt“, sagt Bertold Schaller, der zuvor jahrelang Wirt der Bauze war und den es traurig macht, dass es immer weniger gutbürgerlich-schwäbische Lokale gibt. „Neuhausen hat eine so lange Tradition, was die Wirtschaften angeht.“
Da das Ehepaar keine Nachfolger hat, gibt es nach Marion Schallers Worten „keine Alternative zum Aufhören“. Dennoch hofft der 71-jährige Schaller, dass sich in absehbarer Zeit ein Pächter oder ein Käufer für das historische Gebäude findet. Dass das Fachwerklokal dauerhaft leer stehen soll, kann sich das Ehepaar nicht vorstellen. „Es gibt einige Interessenten, aber da ist noch nichts in trockenen Tüchern“, sagt Marion Schaller.
Die 61-Jährige organisiert den Service mit Leichtigkeit und Charme. „Aber es wird immer anstrengender.“ Ihr Mann erzählt von den vielen Hochzeiten, die im Löwen gefeiert worden sind: „Da kamen wir manchmal erst um vier oder fünf Uhr morgens aus dem Lokal.“ Das schaffe er in seinem Alter einfach nicht mehr. Auch die Maskengruppen des Narrenbunds trafen sich gerne im Goldenen Löwen. Überhaupt feierten die Menschen in der katholisch geprägten Gemeinde gern.
Stammgäste halten die Treue
Dass ihnen die Gäste auch in der Coronazeit die Treue gehalten haben, freut die beiden. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Marion Schaller. Viele Gäste seien auch aus der Region gekommen. „Wir hatten immer Köchinnen und Köche, die sehr gute schwäbische Küche beherrschen“, verrät das Paar; jedoch seien Fachkräfte heute immer schwerer zu finden. Zudem war die Speisekarte jahreszeitlich ausgerichtet. Mit weißer Kreide haben die Wirtsleute auf die schwarze Tafel vor dem Lokal „frische Pfifferlinge“ oder „Gänsebraten“ geschrieben.
In das Haus, das einst auch die Poststation von Neuhausen beherbergte, haben die Schallers viel Liebe und Leidenschaft investiert. Die Bar b 1 ist ein Schmuckstück in modernem Design. Nostalgie dominiert im urigen Speiselokal: An den Wänden hängen alte Holzski mit Spiralbindung, Herzchen aus Holz und Hirschgeweihe. Die ehemalige Tür der Poststation ist noch zu sehen, allerdings haben die Schallers den engen Eingang zu einer Nische umfunktioniert. Das schön renovierte Fachwerkhaus atmet Geschichte. Schon im Lagerbuch von 1757 steht, dass der Goldene Löwen seit vielen Jahrhunderten die Wirtschaftsgerechtigkeit besitze.
Telegrafenstation als Anziehungspunkt
Die Gemeinschaft für Heimatgeschichte hat die Historie des Hauses auf ihrer Homepage dokumentiert. „1869 wurde im Löwen eine sogenannte Postablage eingerichtet“, erzählt der Vorsitzende Karl Bayer. Der damalige Wirt Wilhelm Bauer wurde zum sogenannten Postablagebesorger bestimmt, „zweimal täglich fuhr die Postkutsche dann über Nellingen nach Esslingen“. Seit 1872 gab es auch eine Telegrafenstation, Anfang des 20. Jahrhunderts kam eine Telefonvermittlung dazu. „Die Mitarbeiterin wusste alles, was die Menschen in Neuhausen bewegte“, sagt Bayer lachend, „anfangs hörte sie zwangsweise alle Telefongespräche mit.“
Sorge um die Tradition der Wirtshäuser
Das Aus für den Goldenen Löwen weckt in Neuhausen die Sorge um die anderen Wirtshäuser im Ort. Denn auch Rudolf Kaiser, der langjährige Wirt des Saalbaus, trägt sich mit Gedanken an den Ruhestand. Das Lokal mit dem schön restaurierten Saal und seinen Wandmalereien ist beliebt wie eh und je. Dennoch will Kaiser aus Alters- und Gesundheitsgründen die Kochschürze in nicht allzu ferner Zukunft an den Nagel hängen. „Das habe ich meinen Kindern versprochen“, sagt der 61-Jährige. Bis März 2024 will er aber auf jeden Fall weitermachen. „Viele Hochzeitspaare, die wegen Corona nicht feiern konnten, haben mich gebeten, weiterzumachen.“ An der Leidenschaft fehle es ihm nicht, sagt der Wirt, der selbst an den Ruhetagen seine schwäbischen Soßen kocht. Ab einem bestimmten Alter seien „die unzähligen Stunden“ aber nicht mehr zu leisten.
In der Gaststätte Post gibt es bis auf Weiteres noch Getränke, aber die gutbürgerlich-griechische Küche muss geschlossen bleiben. „Wir haben keine Planungssicherheit, weil das Gelände neu bebaut werden soll“, erklärt der Pächter Lazarus Potsolidis. Nach einem Jahrzehnt in Neuhausen möchte er in der Fildergemeinde bleiben und sucht dringend eine neue Gaststätte. Zurzeit könne er einem Koch keine Perspektive bieten, deshalb bleibt die Küche kalt. Die Pension hat noch geöffnet, „das läuft gut“.
Im Goldenen Löwen indes läuft nun erst einmal gar nichts mehr. Aber Bertold Schaller, der in einer Gastronomenfamilie groß geworden ist, hofft, dass die Tradition des Hauses weitergeht – „am besten schon ab dem Frühjahr 2023“.
Die Nachfolger fehlen
Ohne Perspektive
„Immer mehr traditionelle gutbürgerliche Lokale müssen schließen“, sagt Gerd Trautwein, der Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga im Kreis Esslingen. Wegen der langen Arbeitszeiten und steigender Kosten gebe es immer seltener Nachfolger für die etablierten Lokale. „Die Kinder gehen andere Wege“, sagt der Catering-Unternehmer. Dass es landesweit Dörfer gibt, in denen es gar keine schwäbisch-gutbürgerliche Wirtschaft gibt, stimmt ihn traurig. Da gehe ein Stück Kultur verloren, sagt der Gastronom.
Fachkräftemangel
Auch in seiner Branche sei der Fachkräftemangel ein großes Problem, sagt Gerd Trautwein. Obwohl die Ausbildung in den Betrieben eine wichtige Rolle spiele, fehle qualifiziertes Personal. Nicht nur in der Küche, auch im Servicebereich zeigt sich aus seiner Sicht dieses Problem. Das spürten vor allem die gutbürgerlich-schwäbischen Lokale. „Bei italienischen, asiatischen oder griechischen Restaurants ist oft die ganze Familie im Einsatz.“ Das senke auch die Personalkosten.