Gastronomie in Stuttgart Die Stornierungswelle rollt – Kurzarbeit droht

Familienbetrieb konfrontiert mit Stornierungen: Carsten Weller mit seiner Nichte Maxi Waidmann (links) und seiner Tochter Jil Weller Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eigentlich wollte Carsten Weller seinen Mitarbeiter zum Jahresende eine Corona-Prämie bezahlen, nun rechnet der Caterer wieder mit Kurzarbeit: „Über uns ist eine Stornierungswelle hereingebrochen“, sagt er. Auch in den Lokalen sinkt die Zahl der Gäste.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Stuttgart - Eigentlich wollte Carsten Weller seinen Mitarbeiter zum Jahresende eine Corona-Prämie bezahlen. Nach einem schleppenden Sommer nahm das Cateringgeschäft im Herbst endlich wieder Fahrt auf, vor Weihnachten hätte der Familienbetrieb richtig Gas gegeben. Stattdessen muss er wieder mit Kurzarbeit rechnen: „Über uns ist eine Stornierungswelle hereingebrochen“, sagt Carsten Weller. Innerhalb weniger Tage wurden fast alle großen und teilweise auch die kleineren Veranstaltungen abgesagt. „Die Situation ist dramatisch“, fasst sein Kollege Michael Wilhelmer die Lage für die Gastronomie zusammen. Obwohl kein Lockdown herrscht, bleiben auch in den Lokalen zunehmend die Gäste aus.

 

Statt Einnahmen höchstens Aufwandspauschalen

Für Marcel Benz ist es wie ein Déjà-vu. Im Dezember hätte der Caterer aus Köngen Feiern für bis zu 800 Personen im Cannstatter Römerkastell, im Kursaal und bei verschiedenen Unternehmen ausgerichtet. Fast 80 Prozent der Vor-Corona-Buchungen hatte er erhalten. Theoretisch wären die Veranstaltungen unter Einhaltung der aktuellen 2-G-Regeln erlaubt, bei der derzeitigen Entwicklung der Coronazahlen sei es den Firmen aber zu brenzlig geworden. Statt Einnahmen erhält Marcel Benz höchstens noch Aufwandspauschalen. Immerhin habe er gelernt, was nun zu tun ist: Den Betrieb herunterfahren, Autos abmelden, Kurzarbeit anmelden. „Da zählt jede Woche“, erklärt er.

Täglich werden Weihnachtsfeiern storniert

Mit fassungslos lässt sich die Gemütslage von Uwe Kappler wohl am besten beschreiben. „Ich verstehe gar nicht, woher die hohen Ansteckungszahlen kommen“, sagt der Betriebsleiter von Sophies Brauhaus. Er schimpft auf die Politik, die die Menschen unter Druck setze, nicht mehr auszugehen. Andererseits sieht er die Zahlen, wie sie nach oben schnellen. „Ich habe die Hoffnung, dass noch irgendwie Gäste kommen“, sagt er, „aber es sieht gerade nicht danach aus.“ Täglich würden die Weihnachtsfeiern storniert, viel weniger Laufkundschaft komme im Brauhaus auf ein Bier vorbei. In der Weinstube Kachelofen wird der Eindruck bestätigt: Signifikant weniger Gästen innerhalb weniger Tage kommen zum Essen. „Es war so viel los, und auf einmal lauter Absagen“, erklärt ein Mitarbeiter enttäuscht.

Schlimme Tage für Michael Wilhelmer

Dass die Entwicklung die Branche so überrascht, kann Carsten Weller erklären: „Wir wollten es nicht wahrhaben, dass das was jetzt passiert, passiert“, sagt der Caterer aus dem Stuttgarter Westen. Die Hoffnung auf ein gutes Weihnachtsgeschäft sei zu groß, das Licht am Ende des Tunnels schon sichtbar gewesen. Jetzt steht der Betrieb vor der nächsten großen Herausforderung. Denn bei Wellers sorgt das Catering für 80 Prozent des Umsatzes. Ob ein Lockdown nun der richtige Schritt wäre, findet Carsten Weller schwer zu entscheiden. Die Schließung gebe die Sicherheit, dass Hilfen kommen und erleichtere die Planung. „Auf halbmast weiterzusegeln, ist unglaublich schwierig“, sagt er. Andererseits seien die Mitarbeiter keine Maschinen, die vom einen auf den anderen Tag ausgeschaltet werden könnten – sondern das größte Kapital seines Betriebs.

Schlimme Tage hat Michael Wilhelmer hinter sich. Für seine vier Lokale liefen innerhalb weniger Tage mehr als 700 Stornierungen von Veranstaltungen ein. „Das sind schon enorme Einbußen“, sagt er. Die vierte Coronawelle schwappe zu einer Unzeit in die Branche, ihrer Hochsaison. „Wir kommen der Pandemie nicht mehr hinterher“, sagt er über die Entwicklung. Für einen Lockdown will Michael Wilhelmer nicht plädieren, weil der Neustart jedes Mal schwer gewesen sei. Außerdem findet er Anreize für die Impfung wichtig. „Aber wenn niemand kommt, ist es für uns auch dramatisch“, fügt er noch an.

Freie Plätze werden mit der Warteliste aufgefüllt

Im Restaurant Délice ist dagegen kaum etwas von der Stornierungswelle zu spüren. Absagen gäbe es durchaus, berichtet der Sternekoch Andreas Hettinger, doch freie Plätze werden mit der Warteliste aufgefüllt. „Wir sind bis Ende des Jahres ausgebucht“, berichtet er. Das kleine Lokal hat nur fünf Tische, dafür viele Stammgäste, und die würden sich sicher fühlen. Vor einem erneuten Lockdown hat Andreas Hettinger Angst. Er müsse schließlich eine Familie ernähren, und schon während der vergangenen siebenmonatigen Schließzeit habe er sein ganzes Erspartes aufgebraucht.

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