Gastronomie und Wein Mehr Appetit auf Genuss für die Leser

Das erste Restaurant in Stuttgart, das einen Michelin-Stern erhielt, war die Alte Post (rechts). Der erste „Lokaltermin“ der Stuttgarter Zeitung widmete sich dem Café am See.       Foto: Archiv

Seit den 1970er Jahren schauen Redakteure so manchem Chefkoch in den Topf und verkosteten hunderte Weine. Die Berichterstattung über Gastronomie wurde immer wichtiger.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Eigentlich war es eine Sensation: Als der erste „Guide Michelin“ für Deutschland erschien, zählte Stuttgart zu den empfohlenen Destinationen, die nach Ansicht der Tester einen Ausflug wert waren. Im Jahr 1966 verlieh der französische Gourmetatlas erstmals an 66 Restaurants in der Bundesrepublik einen Stern – die Alte Post in der Friedrichstraße gehörte dazu. Der Stuttgarter Zeitung war die Auszeichnung allerdings keinen Artikel wert, zumindest lässt sich im Archiv keiner finden. Es sollte noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis Restaurantkritiken und Weinkolumnen zur journalistischen Dauereinrichtung wurden.

 

Eine Stadt für Genießer

Dass Stuttgart eine Stadt für Genießer ist, erkannte die schriftstellernde Prinzessin Marie Luise zu Solms-Braunfels dafür bereits 1951: „Gern wird man wiederkehren, denn diese Großstadt gleicht einer Sommerfrische“, schwärmte sie in ihren Stuttgarter Tagebüchern, die in der Zeitung abgedruckt wurden. „Man findet zu sich selbst zurück.“ Wo anders würden sich Weinberge bis nahe an den Bahnhof heranziehen?, fragt sie rhetorisch – was übrigens fast 80 Jahre später noch der Fall ist. „In Stuttgart wachsen sie in die City hinein“, erklärte sie den Lesern, „und so ist der Stuttgarter in einem versöhnlichen Klima angesiedelt. Näher der Erde, näher dem Himmel.“ Probiert hat sie den Wein jedoch nicht, wie es heutzutage für den Schreiber solcher Zeilen Usus wäre.

Wein als wichtiges Thema

Dass der Wein ein wichtiges Thema für die Leserschaft war, zeigt ein wesentlich profanerer Text vom 22. Oktober eben jenes Jahres. Ein „Zweidrittelherbst mit der Note gut bis sehr gut“ werde erwartet, hieß es zum Beginn der Weinlese. Wie im Vorjahr werde nur ein Zehntel des Mostes verkauft, der Rest werde eingelagert. „Durch sorgfältige Pflege konnte man den mit Skepsis begrüßten 1950er so verbessern, dass es selbst Fachleute erstaunte“, schrieb ein ebenfalls erstaunt klingender Redakteur über die anscheinend neue Praxis. Schon zwei Drittel des Jahrgangs seien verkauft, berichtete er, und dass die Württemberger ihren Wein selbst trinken würden, in der jungen Generation seien genug Weinzähne nachgewachsen. Der Durst muss groß gewesen sein, denn in einem anderen Bericht von 1951 geht es um die Verurteilung von Hubert Graf von Neipperg zu einer Geldstrafe von 5000 Mark: 1949 hatte er 12 000 Liter Pfälzer Wein gekauft und in seiner Gaststätte als „Original Schwaigerner, Trollinger und Lemberger“ angeboten. Beamtete Sachverständige hätten den „verschnittenen Wein widerspruchslos als eigenes Gewächs des Grafen anerkannt“, so redete sein Verteidiger den Betrug schön.

Vereinzelte Berichte zu Restaurants finden sich im Archiv. Eine Meldung von 1961 zum Beispiel zur neuen Landtagsgaststätte, deren Speisekarte als „reichhaltig, viele internationale Spezialitäten enthaltend“ beschrieben wird. Als sich die Mitglieder der deutschen Chaine des Rotisseurs 1968 in Stuttgart treffen, wird das Menü im Detail wiedergegeben: Galantine de Sole gab es und Lammrücken am Spieß mit Grilltomaten, Prinzessbohnen und Schlosskartoffeln. Am 18. Dezember 1971 schauten Redakteure „fünf Chefköchen in die Kochtöpfe“ und druckten zum Weihnachtsfest Rezepte für Gans mit Maronen sowie Rinderfilet nach chinesischer Art ab. Das Thema war in Deutschland angekommen: 1972 erschien die Zeitschrift „Essen und Trinken“ auf dem Markt, 1975 folgte „Der Feinschmecker“.

Regelmäßige Restauranttests seit 1989

Es sollte dennoch bis 1989 dauern, bis die Stuttgarter Zeitung sich dem Genuss vertieft widmete – in Form regelmäßiger Restauranttests. Der erste „Lokaltermin“ erschien just, als Siegfried Riegger die Alte Post nach 30 Jahren (und die meiste Zeit davon mit einem Michelin-Stern versehen) verkauft hat. Auf die Frage nach Veränderungen in seiner Ägide hatte der Patron geantwortet: „Mehr interessante Gäste, die mehr vom Essen verstehen.“ Der erste „Lokaltermin“ war dem Café am See gewidmet, das damals der Böhm-Gourmet-Service übernommen hatte. Der Redakteur verbrachte dort „einen wirklich erfreulichen Abend“ bei Rinderfilet mit Kräuterbutter und Ratatouillegemüse. Grob gerechnet wurden in der Stuttgarter Zeitung seither etwa 1870 Gasthäuser vorgestellt. Der Genuss stieg damals zur Chefsache auf: Martin Hohnecker, der Leiter des Lokalressorts, widmete sich im Detail dem Wechsel von Köchen sowie Neueröffnungen und probierte sich durch die zunehmende Zahl an Sterne-Restaurants wie die Speisemeisterei, die Zirbelstube im Schlossgarten Hotel oder die Wielandshöhe. Eine Auszeichnung durch den Guide Michelin hat die Redaktion fortan nicht mehr verpasst. 

Gleichermaßen rückte der Wein in den Fokus der Stuttgarter Zeitung, der sich langsam aber sicher vom Semsakrebsler zu manch preisgekröntem Roten entwickelte. Als die Württemberger Weinrevolution richtig ins Rollen gekommen war, rümpfte Martin Hohnecker zwar noch die Nase übers Bukett der heimischen Tropfen. Er trank ausschließlich Franzosen oder Italiener. „Dünn und zuckrig“ schimpfte er über einen Riesling vom Mundelsheimer Käsberg aus dem Jahr 2007, fand aber bei den Winzern Hans-Peter Wöhrwag und Jochen Beurer doch anständigen Stoff. Eine eigene Kolumne wurde dem Württemberger und von Württembergern gemachten Wein trotz seines hauptsächlich vernichtenden Urteils im gleichen Jahr eingeräumt. Unter dem Titel Lesestoff zankten sich fortan jede Woche Holger Gayer, Harald Beck und Kathrin Haasis über die Qualität des jeweils vorgestellten Tropfens. Mehr als 800 Weine hat die Runde seither verkostet. Die Begeisterung für das Thema mündete nach der Coronapandemie in der Württembergischen Weinmeisterschaft, die jährlich ausgetragen wird. Das Besondere daran: Die Leser können am Entscheidungsprozess teilhaben, welcher Rote, Weiße und Rosé im jeweiligen Jahr der Beste ist.

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