Gastroszene im Stuttgarter Lehenviertel Weg mit Wegwerfgeschirr: Pfand ist Trumpf

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Drei Gastronomen im Stuttgarter Lehenviertel haben auf Mehrweggeschirr umgestellt. Man bezahlt einmal Pfand und kann es bei jedem von ihnen befüllen lassen oder abgeben. Kunden finden das prima und hätten gern, dass noch mehr Lokale einsteigen.

Wenn sie schon Take-Away anbiete, dann bitteschön nicht in Verpackungsmüll, sagt die Lehen-Wirtin Karin Beck. Foto: Kathrin Wesely
Wenn sie schon Take-Away anbiete, dann bitteschön nicht in Verpackungsmüll, sagt die Lehen-Wirtin Karin Beck. Foto: Kathrin Wesely

S-Süd - Gästen ihr Essen mit nach Hause zu geben und sie möglichst rasch aus der Wirtschaft zu expedieren, geht Karin Beck ganz schön gegen den Strich. Im normalen Leben ist die Wirtin des Lehen auf größtmögliche Behaglichkeit bedacht und darauf, es den Gästen gemütlich zu machen. Nicht umsonst ist die Eckkneipe mit ihrer 116-jährigen Tradition seit eh und je die Wohnstube des Lehenviertels. Um den Laden auch während des Shutdowns am Laufen zu halten, bietet Beck wie viele andere Gastronomen nun Gerichte zum Mitnehmen an. Aber: „Wenn ich das schon machen muss, habe ich mir gesagt, dann wenigstens ohne diesen Einwegsverpackungsmüll!“

Mindestens 150 Mal wird Recyclinggeschirr verwendet

Die Wirtin hat recherchiert und die Lösung vor Ort gefunden: Die Firma Recircle Deutschland in Feuerbach vermietet Mehrweggeschirr aus Plastik an die Gastronomie. Das junge Unternehmen hat sich das Konzept in der Schweiz abgeschaut. „Die sind da schon viel länger dran und weiter als wir“, sagt Geschäftsführer von Recircle, Thorben Bechtoldt. Er hat die Firma Ende 2018 gegründet und zählt inzwischen deutschlandweit 90 Partner, 22 davon Lokale in Stuttgart, überwiegend aus den Innenstadtbezirken.

Die Coronakrise, sagt Bechtoldt, habe dem Recyclinggedanken mächtig Auftrieb gegeben: „Viele Betriebe steigen derzeit auf Take-Away um und überlegen sich, wie sie das möglichst nachhaltig gestalten können. Umgekehrt ist den Kunden im Homeoffice viel bewusster, welchen Abfall das Einweggeschirr verursacht.“ Mindestens 150 Mal könne das Mehrweggeschirr seiner Firma wiederverwendet werden, sagt Thorben Bechtoldt. „Und schon ab dem 16. Mal ist seine Ökobilanz besser als die von Einwegverpackungen“, habe eine Studie seines Unternehmens ergeben.

Die Kundschaft spielt mit

Karin Beck ist sofort eingestiegen. Für einen Partnerbeitrag, den sie an Recircle bezahlt, erhält sie gegen Pfand das Geschirr. Wer seine Kässpätzle mit Salat nun im Lehen abholen kommt, kriegt gegen ein Pfand von jeweils zehn Euro pro Behältnis seine Kost in Mehrweg serviert. „Die Kunden nehmen das Angebot gut an, wie es überhaupt ganz toll ist, dass uns in diesen Zeiten so viele Stammkunden die Treue halten und uns unterstützen!“ Einer ihrer Stammkunden hat sein Büro gleich vis-à-vis. Reinhard Otter hat in dem Ecklokal einen kleinen Coworking-Space mit zwei Kollegen. Um die Mittagszeit trabt das Trio gern gemeinsam zum Essen – mal hier hin, mal da hin, je nach Gaumenlust. Otter fand, dass beim Mehrweg noch mehr Gastronomen mitmachen sollten und klapperte seine Lieblingslokale ab. Nun hat er noch das Little Italy in der Pelargusstraße und die Kleinigkeit am Fuße des Strohbergs mit im Boot.

Bei Michaela Wanner von der Kleinigkeit war Otter offene Türen eingerannt. Und Mehrweg läuft: „Ich habe am Montag damit angefangen. 70 Prozent meiner Gäste waren vom Mehrweggeschirr sofort überzeugt, die übrigen hatten schon welches. Das hatten sie zuvor im Lehen bekommen.“ Auch Wanner ist begeistert von der guten Resonanz. Nur einer, erzählt sie, hielt es für „Quatsch“ und ein anderer war auf der Durchreise, da hat es halt nicht gepasst. Bis Ende nächster Woche, sagt die Gastronomin, gewähre sie noch Schonfrist, dann will sie rigoros auf Mehrweg umstellen: Wer dann lieber weiter aus Alu und Styropor löffele, müsse wo anders hingehen.

Der Trend geht mit der Pandemie

Auch qualitativ sei das Plastikgeschirr besser, als Einwegverpackungen meint Wanner: „Das Essen gart darin nicht nach und bleibt trotzdem relativ lange warm.“ Mittagesser Otter schätzt daran, „dass die Schalen dicht schließen und nicht zu heiß werden zum Anfassen. Und es sieht auch gut aus, man kann direkt daraus essen“. Wanner nickt: „Ich habe das Glück, dass das violette Geschirr exakt zu meinem Firmen-Logo passt.“

Reinhard Otter hätte gerne noch mehr Gastronomen im Mehrwegprojekt – weil er es gut findet, weil es um´komplizierter wird, je mehr mitmachen. Und ganz nebenbei würde es den Speiseplan seiner Bürogemeinschaft bereichern. Thorben Bechtoldt glaubt, dass in nächster Zeit weitere Wirte auf seinen Mehrwegzug aufspringen – zumindest so lange der Shutdown anhält: „Danach wird die Nachfrage vermutlich wieder abflauen.“




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