Gastrotrends Köstliche Illegalität

Gelungen: Die Inszenierung ist beim Undergrounddinner fast so wichtig wie das Essen. Foto: Heinz Heiss
Gelungen: Die Inszenierung ist beim Undergrounddinner fast so wichtig wie das Essen. Foto: Heinz Heiss

Von Secret Supper Club bis Undergrounddinner: Ausgefallenes Essen ist im Trend. Eingeweihte treffen sich an ungewöhnlichen Orten, um ausgefallen zu speisen.

Wochenendbeilage : Ingmar Volkmann (ivo)
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Stuttgart - So ein Daimler-Wrack zur Vorspeise kann sehr appetitanregend sein. Dem Oldtimer in der Ecke der Industriebrache im Stuttgarter Norden hat einer den linken Kotflügel angeknabbert. Zumindest sieht es so aus. Sein Kompagnon in der anderen Ecke, ein Mercedes-Cabrio aus einer vergangenen Zeit, steht dagegen da wie eine Eins. Beide Fahrzeuge sind an diesem Abend aber nur Staffage beim „Undergrounddinner“. Die Hauptrolle spielen ein Fünfgänge-Menü unter dem Motto „Ein Schwein für Stuttgart“ und der Ort als solcher, eine spektakuläre alte Werkhalle, die demnächst abgerissen wird.

In der Mitte des riesigen Raumes steht eine lange Tafel, um die sich rund 50 Gäste im Alter zwischen 20 und 50 Jahren versammelt haben. Eingeladen hat der Karlsruher Veranstalter „Undergrounddinner“, der sich auf die Konzeption von ausgefallenen Gastroveranstaltungen spezialisiert hat. Das junge Team um Kristof Knauer (28), Christian Klotz (30) und Sophie Leyendecker (26) hat bereits in einer Botschaft in Berlin, in einer Möbelfabrik in Karlsruhe und an anderen ausgefallenen Orten zu Tisch gebeten. In Stuttgart haben Knauer und Co. mittlerweile fünfmal gekocht. Der Ablauf ist immer gleich: Auf der Internetseite der jungen Genussmenschen werden die Termine bekannt gegeben, im Netz meldet man sich verbindlich zum Dinner an und erfährt erst dann per Mail, an welchem Ort diniert wird. Ganz legal ist das Ganze nicht, richtig Ärger haben die Veranstalter aber auch noch nicht bekommen. „Im Prinzip laden wir eine geschlossene Gesellschaft ein, ohne dabei eine Gewinnabsicht zu verfolgen“, erläutert Kristof Knauer.

Die Idee kam beim Silvesteressen

Angefangen hat es beim gebürtigen Stuttgarter Knauer und seinen Mitstreitern 2009 mit einem Silvesteressen für Freunde. „Das kam so gut an und hat so viel Spaß gemacht, dass wir die Idee sukzessive und kontinuierlich ausgebaut haben.“ Es folgten ein erstes Geheimdinner im größeren Stil im Alten Schlachthof in Karlsruhe und die Teilnahme an einem Kreativwettbewerb, den man Ende 2010 direkt gewann. Dabei ist Knauer eigentlich Architekt, vor einem knappen Jahr hat er sein Studium an der Uni Karlsruhe abgeschlossen. Christian Klotz studiert Produktdesign an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Beide haben bereits während ihres Studiums in der Gastronomie gearbeitet und so eine Affinität für gutes Essen entwickelt. Sophie Leyendecker studiert Businessmanagement für Individualgastronomie und formuliert vielleicht so etwas wie das inoffizielle Credo des Trios: „Gutes Essen setzt eine bestimmte Geisteshaltung zum Thema Genuss voraus.“

Diese Geisteshaltung ist die Basis einer neueren Entwicklung, die man vielleicht unter dem Stichwort „esse lieber ungewöhnlich“ zusammenfassen kann. „Hier gab es in den letzten Jahren definitiv einen Wandel, hin zu mehr Offenheit und Bewusstsein, sowohl auf Seiten der Gäste als auch auf Gastgeberseite“, hat Kristof Knauer beobachtet und spricht von „intellektuellen Konzeptköchen“. In anderen Städten gibt es zum Beispiel längst so genannte Secret Supper Clubs, bei denen es ebenfalls darum geht, aus dem gewohnten Restaurant-Kontext auszubrechen. Bei den „geheimen Essclubs“ kochen meist Privatpersonen in ihrer privaten Wohnung in einem kleineren Rahmen gegen einen bestimmten Beitrag.

Immer mehr Geheimdinner in deutschen Städten

Die Idee dahinter: Man isst wie bei Freunden im Wohnzimmer mit zuvor Unbekannten und hat am Ende des Abends im besten Fall tatsächlich neue Bekanntschaften geschlossen. Ursprünglich stammt dieses Konzept aus London. Das lesenswerte Foodblog Salt Shaker listet Supper Clubs auf der ganzen Welt auf. Auch in deutschen Städten sind die Geheimdinner längst Usus. Der bekannteste Berliner Supper Club, „The Shy Chef“, kocht dort seit drei Jahren im Stadtteil Kreuzberg. In Stuttgart bittet ab Januar ein Paar unter dem Titel „Frida“ zum gemeinsamen Schlemmen. Mehr dazu in Kürze auf der Gastroseite der StZ.

Sowohl Undergrounddinner als auch Supper Club haben eines gemeinsam: Fast so wichtig wie das Essen ist die Inszenierung. „Die muss sehr zurückhaltend sein. Um ein temporäres Restaurant zu gestalten, setzen wir vor allem auf reduzierte Lichtquellen“, so Knauer. Das Menü in der alten Werkhalle wird so spielerisch ins rechte Licht gerückt. Es besteht aus einem kleinen Snack zum Start, Kabeljautatar auf einem Essigchip, gefolgt von einem Pastinakensüppchen mit Speck-Einlage und einem Zwischengang aus Roter Beete und Tallegio-Käse. Der Hauptgang besteht aus einem Filet vom Wildschwein mit Maronencreme und karamellisiertem Chicorée, ein Nussküchlein mit Quittenkompott und Mascarponecreme wird zum Dessert gereicht.

Die Speisen sind allerdings nicht ganz den Preis von 59 Euro wert. Die Suppe ist zu sämig, das Hauptergicht lässt zu lange auf sich warten. Das ausgefallene Überraschungsambiente und die ulkigen Tischnachbarn machen den Abend dennoch zu einem recht spektakulären Erlebnis. Da möchte man zum Abschied beinahe noch ein wenig am Daimler-Wrack knabbern.




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