Gastspiel in Stuttgart Knallerfrauen entern die Bühne
Die Show der Barbaren Barbies im Theaterhaus ist ein Riesenspaß mit Hintersinn: Zwischen viel Artistik und Klamauk geht es immer auch um die grotesken Vorstellungen von Rollenklischees.
Die Show der Barbaren Barbies im Theaterhaus ist ein Riesenspaß mit Hintersinn: Zwischen viel Artistik und Klamauk geht es immer auch um die grotesken Vorstellungen von Rollenklischees.
Wenn man viele Zirkus-, Varieté- und Dinnershows gesehen hat, dann glaubt man irgendwann, schon alles gesehen zu haben. Aber wie heißt es im „Audience Magazine“ über die Barbaren Barbies? „Das ist der Zirkus, von dem ich nie wusste, dass ich ihn wollte, aber nun will ich ihn jederzeit.“ Wobei Zirkus ein viel zu eng gefasster Begriff ist für die fünf Frauen aus vier Ländern. Die beiden anderen Schlagwörter, mit denen das Berliner Kollektiv überschrieben ist, lauten Comedy und Womanhood.
Für ihre Show im Theaterhaus unter der Regie von Sabine Rieck haben diese Superheldinnen, Wonderwomen oder auch Knallerfrauen, um mal ein Label der TV-Comedienne Martina Hill zu verwenden, als Gastkünstlerin noch Anaëlle Molinario im Gepäck. Großartige Artistinnen sind sie jede auf ihre Art alle, auch wenn das in einem komödiantischen Rahmen nicht immer gleich im Vordergrund steht. Vielmehr schälen sich häufig aus grotesken Gruppenbildern mit Damen einzelne Performances heraus. Zu Beginn etwa aus einem kollektiven Hula-Hoop-Fake, bei dem sich dann Sari Mäkelä mit bis zu zwanzig Reifen um den Körper als wahre Meisterin dieser Disziplin entpuppt.
Die stärkste Frau der Truppe trägt das knappste Kostüm einer Wikinger-Kriegerin – wenn sie nicht als Spiegelei verkleidet im Cyr-Wheel zeigt, dass sie trotz allen martialischen Aufstampfens doch sehr beweglich ist.
Überhaupt die Kostüme! Vanessa Lee tritt mit Brustpropellern auf und jongliert mit vier Hüten und doppelt so vielen Gliedmaßen. Als Tochter des Stuttgarter Entertainers Roland Baisch und der Artistin Linda Murphy hat sie gute Gene, wie sie auch mit urkomisch schwäbischen Einwürfen beweist. Nicole Ratjen steckt zwischendurch in einem Reifrockmonstrum, aus dem auf Taillenhöhe nur der Kopf herauslugt. Die Seiltänzerin Sarah Lindermayer schleicht zeitlupenhaft ganz genreuntypisch in Jeanslook und weißem Hemd den chinesischen Mast hoch. Die aus der Tanzszene kommende Sarah Bleasdale karikiert die Machoposen von Hip-Hoppern und in einer Freakshow-Reminiszenz den Zirkusdirektor mit Peitsche. Und die Equilibristin Anaëlle Molinario macht unglaubliche Verrenkungen – auf Wischmob-Ski!
Manches ist einfach nur herrlich dämlicher Klamauk. Und doch kann man die Show insgesamt als Bodyshaming-Therapie mit viel Mut zur Körperlichkeit sehen. Ein Subtext über Rollenklischees und deren ironisch-feministische Brechung läuft ohnehin die ganze Zeit mit und wird mit einer „Free the Nipple“-Aktion auch plakatiert. Bei der Verleihung der „Golden Barbie Awards“ sucht Nicole Ratjen ihre völlig unvorbereitete Dankesrede und kramt dabei alle möglichen Utensilien aus ihrem engen Glitzerkleid hervor. Und natürlich bekommen zwischen inszeniertem Zickenkrieg und tödlichem Prinzessinnenkampf die Männer ihr Fett weg, ob in der Ferne, im Publikum oder auf der Bühne.
Aber keine Angst, die Herren: Es tut nicht weh, und für die unfreiwillig komischen Auftritte gibt es am Ende sogar eine Belohnung – Leckmuscheln.
Barbaren Barbies Weitere Vorstellungen bis 27. April im Theaterhaus Stuttgart.