Gastspiel „Kosmos -schwerelos“ in Stuttgart Sanierung des Nationaltheaters in Mannheim: Ensemble tanzt in Stuttgart

Bagger statt Ballett: Das Mannheimer Nationaltheater wird saniert. Die Kunst soll erst 2028 zurückkehren – und sucht nach neuen Orten. Foto: NTM/Christian Kleiner

Wegen der Sanierung des Nationaltheaters sind die Auftrittsmöglichkeiten in Mannheim reduziert. Tanzintendant Stephan Thoss kommt deshalb mit seinem Ensemble im Mai und Juni nach Stuttgart.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Wer die Kompanie von Stephan Thoss in Mannheim tanzen sehen will, muss rein in die Straßenbahn und raus aus dem Zentrum. Die Fahrt geht auch am Nationaltheater vorbei, wo Teile der Fassade fehlen und sich zwischen Sandbergen und Baggern hindurch Blicke in die Eingeweide des Gebäudes auftun. Seit August 2022 läuft die Sanierung des denkmalgeschützten Nachkriegsbaus, in dem neben Oper und Schauspiel normalerweise auch das Tanzensemble des Nationaltheaters auftritt.

 

Transparente an der Fassade machen dem Publikum die Wege zu den neuen Interimsspielstätten schmackhaft. „Wir ziehen mit euch um die Häuser!“ steht da, oder: „Wir spielen an vielen neuen Orten.“ Deshalb geht die Fahrt weiter bis in den Stadtbezirk Käfertal. Dort wurde das in einer alten Industriehalle untergebrachte Probenzentrum der Kompanie nach und nach ertüchtigt, während der Sanierung gibt es hier auch kleinere Aufführungen.

Eingang ins Mannheimer Tanzhaus Foto: NTM/Corinna Weber

Noch mehr außerhalb findet sich im ausgebauten Kino eines ehemaligen US-Militär-Stützpunkts eine weitere Interimsspielstätte des Nationaltheaters. Weil seine Kompanie im Alten Kino Franklin lediglich zwei neue Produktionen pro Saison zeigen kann, ging Ballettdirektor Stephan Thoss ungewöhnliche Wege: Er kontaktierte Kollegen und bat sie um Beistand. So organisierte er neben Vorstellungen am Theater Putbus auch vier Gastauftritte auf Einladung des Stuttgarter Balletts, um hier die Wiederaufnahme zweier beliebter, aber selten getanzter Stücke zu ermöglichen.

Die Motivation des Ensembles ist wichtig

Vor der Stuttgarter Premiere von „Kosmos - schwerelos“ am 28. Mai stehen in Mannheim Uraufführungen von Roy Assaf und Alba Castillo an. „Where we belong“, wo wir hingehören, heißt der Abend bezeichnenderweise. Sechs Jahre soll die Sanierung des Nationaltheaters dauern; Jahre, die nicht nur das Publikum herausfordern. „Für Tänzer ist das eine sehr lange Zeit“, gibt die Mannheimer Dramaturgin Corinna Weber zu bedenken. „Umso wichtiger ist es, dass wir ihre Motivation nicht aus den Augen verlieren.“ Mal wieder auf großer Bühne und vor großem Publikum zu tanzen: Das ermöglicht Stephan Thoss seinem Ensemble im Stuttgarter Schauspielhaus.

Probenszene im Tanzhaus mit der Choreografin Alba Castillo (rechts) Foto: NTM/Maximilian Borchardt

Zum Glück gibt es keinen Schwund im 17-köpfigen Ensemble. Das tanzt auch während der Sanierung in alter Stärke. Schließlich stehen insgesamt mehr Vorstellungen an, weil die Interimsspielstätten weniger Publikum fassen. Ausverkauft seien fast alle Termine, sagt Corinna Weber. Auch für die öffentliche Probe von „Where we belong“ im Tanzhaus sind an diesem Abend im April alle 170 Karten verkauft. „Wir machen den Tanz selbst mehr zum Thema und zeigen, wie wir arbeiten und wie sich die Kompanie weiterentwickelt“, beschreibt die Dramaturgin, wie der Dialog mit dem Publikum zum roten Faden wurde.

Das kommt an. „House of Thoss“ verkünden dicke Lettern auf einem Regal im Tanzhaus, darunter sorgen Teelichter und Knabberzeug auf den Tischen für Stimmung. „Oft stehen Stephan Thoss und seine Frau selbst hinter der Bar und bedienen“, sagt Corinna Weber. „Das Publikum liebt die familiäre Atmosphäre hier.“ Auch das Ensemble schätze die Nähe und den Kontakt zum Publikum im Tanzhaus. „Aber gleichzeitig ist es auch sein Arbeitsraum“, fügt die Dramaturgin an; vier von sechs Premieren der aktuellen Saison gingen hier über die Bühne: „In ein und demselben Raum zu proben und aufzutreten kann manchmal vielleicht zu eng sein.“ Auch da bietet der Tripp nach Stuttgart Abhilfe.

Thoss-Tanzstück in einer Stuttgarter Neufassung

Das Mannheimer Tanzpublikum gehe die Wege seiner Kompanie bereitwillig mit. Sogar bis nach Stuttgart? Corinna Weber ist auch da zuversichtlich. Selbst aus Hannover und Wiesbaden, den ehemaligen Wirkungsstätten von Stephan Thoss, würden Tanzfans bis nach Mannheim reisen, wenn Neues anstehe. „Für die Stuttgarter Premiere will er sein Stück ,Schwere los‘ überarbeiten und auch musikalisch erweitern, sodass es bestimmt für einige spannend sein könnte, die Neufassung zu sehen“, sagt die Dramaturgin.

Szene aus „Schwere los“ von Stephan Thoss Foto: NTM/Christian Kleiner

In Stuttgart erinnern sich manche vielleicht noch an Thoss‘ Männerhit „My Way“und werden sich freuen, sein Mannheimer Ensemble kennenzulernen, ohne in den ICE zu steigen. Neben dem neuen Thoss-Stück bietet „Kosmos - schwerelos“ eine ältere, für Les Ballets Jazz de Montreal entstandene Choreografie von Andonis Foniadakis. Der griechische Schrittmacher ist dem Stuttgarter Publikum bestens durch seine Zusammenarbeit mit Gauthier Dance bekannt, im Theaterhaus ist derzeit sein Wasser-Ballett „Almyra“ als eine der vier „Elements“-Uraufführungen zu erleben.

Info

Termine
Der Tanzabend „Kosmos - schwerelos“ ist als Gastspiel des Nationaltheater Mannheims erstmals am 28. Mai im Stuttgarter Schauspielhaus zu sehen. Weitere Aufführungen gibt es am 7. Juni sowie am 5. und 12. Juli.

Programm
Getanzt werden zwei Stücke von Stephan Thoss und Adonis Foniadakis, die Bedingungen von Raum und Zeit erkunden. In „Schwere – los“ untersucht Stephan Thoss, was der Tanz den Gesetzen der Physik und der Kraft der Musik entgegensetzen kann. Andonis Foniadakis lässt in „Kosmos“ das Tanztempo zu Perkussionsklängen hochtourig drehen.

Sanierung
Das 1957 in Betrieb genommene Haus des Nationaltheaters Mannheim wird seit August 2022 saniert. Wegen Schadstofffunden wird die Ertüchtigung des denkmalgeschützten Ensembles, bei der mehrere unterirdische Anbauten entstehen, voraussichtlich ein Jahr länger dauern und soll zur Spielzeit 2028/29 beendet sein. Die Kosten der Sanierung werden auf rund 300 Millionen Euro geschätzt.

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