Gastspiel mit RB Leipzig Timo Werner kommt heim nach Stuttgart

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Timo Werner ist nicht mehr der Bubi-Spieler, der den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart nach dem Abstieg aus der ersten Liga verlassen hat – er ist bei RB Leipzig erwachsen geworden. Am Sonntag kommt er zurück nach Stuttgart. Ein Besuch vorab in Leipzig.

Timo Werner: nicht mehr nur nur schnell, sondern auch torgefährlich Foto: dpa
Timo Werner: nicht mehr nur nur schnell, sondern auch torgefährlich Foto: dpa

Leipzig - Karlheinz Förster ist gerade mal wieder aus dem heimischen Odenwald nach Leipzig gefahren. Der ehe­malige VfB- und Nationalspieler hält es als Berater für eine Selbstverständlichkeit, einem Klienten persönlich zum Geburtstag zu gratulieren. Ein Geschenk hat er auch dabei: ein grundsolides Schweizer Taschenmesser. Jeder Mann braucht ein Taschenmesser, so lautet dazu Karlheinz Försters Überlegung.

Das passt. Der Empfänger ist mit seinen seit Dienstag nun 22 Jahren tatsächlich kein Fußball-Bubi mehr, sondern ein mittlerweile gestandener Bundesliga-Profi. ­Timo Werner, das wird beim Besuch im Leipziger Trainingszentrum ganz schnell klar, ist hier erwachsen geworden. Und ­unkompliziert ist er: „Kein Problem, das mache ich gerne“, sagt Timo Werner zu der Tatsache, dass er an seinem Geburtstag ­Rede und Antwort stehen soll. Dabei wirkt er reflektiert und bodenständig.

„In Leipzig gehöre ich nicht mehr zu den Jüngsten im Team, die Mitspieler hören mir zu, wenn ich etwas sage. Hier gibt es keine klaren Hierarchien wie damals beim VfB.“ Diese Konstellation hat zu einer ­rasanten Entwicklung bei ihm geführt. „In Stuttgart hätte es vermutlich etwas länger gedauert, das Bubi-Image loszuwerden“, sagt der gebürtige Cannstatter, der sich in Leipzig abgenabelt hat und jetzt ohne die permanente Unterstützung seines Vaters auskommen muss. Günther Schuh, der ­Anfang der 1970er Jahre 07 Ludwigsburg in die zweithöchste deutsche Spielklasse ­geschossen hat, war zuvor der größte Förderer von Timo Werner. Der erinnert in ­seiner Spielweise stark an den Vater, dessen große Stärke ebenfalls eine enorme Schnelligkeit gewesen war, wie Zeitzeugen berichten.

Stuttgarter Gegenmaßnahme zu den Pfiffen

Beim VfB war Timo Werner nur schnell, in Leipzig ist die Torgefahr hinzugekommen. 21 Treffer erzielte er in der vergangenen Bundesliga-Saison, in der aktuellen steht der Zähler im Moment bei zehn. Mit dieser Empfehlung trifft Timo Werner am Samstag nun erstmals nach seinem Abschied im Abstiegsjahr 2016 in Stuttgart auf den VfB. „Ich freue mich darauf, obwohl ich weiß, dass mich die Cannstatter Kurve wahrscheinlich nicht bejubeln wird“, sagt Werner. Unterstützung hat er vom Stuttgarter Publikum nach seinem Wechsel allerdings auch schon bekommen. Im September 2017 war das, als die Nationalmannschaft in der Mercedes-Benz-Arena Norwegen 6:0 besiegt hat und er daran nicht unwesentlich mit zwei Toren beteiligt war.

Die Reaktion des Stuttgarter Publikums vor einem halben Jahr war die Gegenmaßnahme zu den Pfiffen, die zuvor in vielen deutschen Stadien die Begleitmusik zu ­Timo Werners Auftritten waren. Seine Schwalbe im Spiel gegen Schalke brachte die Leute gegen ihn auf, dass er danach auch noch den unberechtigten Elfmeter selber verwandelte und erst mit Verzögerung Reue zeigte. „Insgesamt eine saublöde Aktion“, sagt er heute dazu. Dass RB Leipzig nicht zu den beliebtesten Bundesligisten zählt, kam noch erschwerend hinzu.

Am Nachspiel mit den Anfeindungen ist er gewachsen und an der Unterstützung. Die kam von Joachim Löw. Der Bundestrainer verbat es sich öffentlichkeitswirksam, dass Timo Werner in der DFB-Auswahl ausgepfiffen wird, und stellte ihn in jedem Spiel auf. Weil seine Leistungen in einer angespannten Situation nicht gelitten hatten. Im Gegenteil. Während er beim VfB auf dem Platz sehr oft hippelig agierte, überhastet viele Chancen vergab, spielte er in Leipzig plötzlich deutlich abgeklärter. Und auf sein Tempo kann er sich ohnehin verlassen, was ihn zu einem Prototypen des immer stärker auf Hochgeschwindigkeit getrimmten Fußballs macht.

Gut gerüstet für das Wiedersehen

Timo Werner passt perfekt ins System der Leipziger, die so schnell wie kein anderer Bundesligist mit langen Bällen vor das gegnerische Tor zu kommen versuchen. „Obwohl es mir wirklich sehr schwer gefallen ist, den VfB zu verlassen, es war der richtige Zeitpunkt für den Wechsel von Stuttgart nach Leipzig“, sagt Timo Werner, für den der VfB zehn Millionen Euro erhielt. Derzeit liegt sein Transferwert in der Kategorie über 50 Millionen Euro. Wovon man bei RB Leipzig aber gar nichts wissen will und eine Verlängerung des 2020 auslaufenden Vertrags anstrebt. Bis in zwei Jahren kann noch einiges passieren, zum Beispiel durch die WM in Russland. Dort wurde Werner beim Confed-Cup im vergangenen Jahr mit drei Treffern Torschützenkönig. „Ich will Titel gewinnen“, sagt Timo Werner und meint damit auch solche, die mit einem Club zu erreichen sind.

Jetzt geht es aber erst einmal zu seinem Ex-Verein nach Stuttgart. Für das Wiedersehen scheint er gut gerüstet zu sein. Was auch die starke Leistung und ein Tor beim 2:1-Sieg am Donnerstag gegen St. Petersburg unterstreichen. Am Sonntag freut er sich auf das Aufeinandertreffen mit Mario Gomez. Der ist schon immer Timo Werners Vorbild gewesen. Und daran wird sich auch in Leipzig nichts ändern.

Timo Werner holt sein Taschenmesser aus der Geschenkbox, schaut es sich ganz genau an, testet die Funktionen. Besonders beeindruckt ist er von der LED-Leuchtdiode: „Sehr schön, kann ich gut gebrauchen.“ Doch die ganz große Überraschung ist das Geschenk nicht gewesen. „So ein Messer hat der Karlheinz auch schon Niclas Süle zum Geburtstag geschenkt“, sagt ein grinsender Timo Werner.