Rudersberg war einer der Orte, die die Wassermassen im Frühsommer am heftigsten getroffen haben. Jetzt, mehr als vier Monate nach den Überschwemmungen, ist die Krone wieder geöffnet. Nicht selbstverständlich, wenn man in die Schaufenster anderer Geschäfte schaut: Der Metzger einige Meter weiter arbeitet zwar intensiv auf die Neueröffnung hin, muss sich aber weiter gedulden, die Bäckerei gegenüber verkauft die Brötchen vor der Filiale noch in einem mobilen Hänger.
1875 hat Hallers Ur-Ur-Großvater das Haus gekauft
Die Krone ist hier mitten im Ort eine der wenigen Institutionen, die wieder zu einem annähernd normalen Betrieb übergehen kann. Balsam für die Seele vieler Rudersberger, wie die Neueröffnung am vergangenen Freitag gezeigt hat: „Es war so voll hier, ich war total sprachlos“, sagt Jacky, die neue Pächterin. Für die 45-Jährige ist mit der Übernahme der Krone ein Traum in Erfüllung gegangen.
Das traditionsreiche Gebäude hätte Eigentümer Haller nach dem Hochwasser auch einfach verkaufen können. Aber das brachte der 45-Jährige nicht übers Herz – schließlich ist die Krone seit vielen Jahrzehnten in den Händen seiner Familie. Die Geschichte der Gaststätte reicht weit in die Vergangenheit zurück: Seit 1795 existiert das Gebäude am Rudersberger Marktplatz, 1875 hat Hallers Ur-Ur-Großvater das Haus gekauft.
Viele Helfer am Wiederaufbau beteiligt
Vom „Hochzeitsjakob“ war die Rede, wenn die Leute über den Wirt sprachen. Anders als heute war die Krone damals ein Restaurant, diente vielen Paaren als Heiratslocation, eine echte Marke in Rudersberg. Frank Hallers Eltern betrieben die Krone noch bis Mitte der 1980er-Jahre, inklusive einer eigenen Metzgerei. Haller selbst schenkte als kleiner Bub Bier in der Krone aus, nach dem Tod seines Vaters vor vier Jahren erbte der 45-Jährige das Gebäude. Heute ist die Krone vor allem eine Kneipe.
Dass es nun wieder losgehen kann, ist das Ergebnis harter Arbeit über Monate hinweg – inklusive Nachtschichten. Die schnellen Fortschritte verdankt Frank Haller auch den vielen Helfern, die ihn beim Wiederaufbau unterstützt haben. „Es ist genial, wenn man so ein Netzwerk hat, alleine kriegt man das nicht hin“, sagt er.
Einer hat sich besonders engagiert
Einer hat sich besonders engagiert – und tut es bis heute: Herbert, ein Rudersberger, 69 Jahre alt, Elektromeister, der 40 Jahre eine eigene Firma führte. Dessen Sohn ging mit Haller in die Schule, daher kennen sich die zwei Männer. Beide tüfteln gerne (Haller ist Elektroingenieur), haben sogar die Heizung wieder zum Laufen gebracht – obwohl die unter Wasser stand.
„Herbert ist ein Engel, ein Macher, kein Schwätzer“, sagt Jacky über den 69-Jährigen. Der entgegnet in seiner trockenen, schwäbischen Art: „Wenn i bloß schwätz, wird nix fertig.“ Herbert selbst hat Glück gehabt: „An meiner Gartenmauer sind Autos und Container vorbeigeschwommen“, erzählt er. Man müsse froh sein, wenn man vom Hochwasser verschont geblieben sei.
Versicherung unterscheidet zwischen Starkregen und Gewässerübertritt
Dann muss man sich auch nicht mit den Dingen herumschlagen, die noch Monate später an den Nerven der Betroffenen zerren. „Das Hochwasser ist immer noch Thema an den Tischen“, berichtet Jacky und erzählt von einer Bekannten, die heute noch im Wohnmobil lebe. Bei anderen gibt es Probleme mit der Versicherung – wie bei Frank Haller. Grob geschätzt 150 000 Euro beträgt die Schadenssumme. Doch es ist bereits jetzt ausgeschlossen, dass der Eigentümer den gesamten Betrag erstattet bekommt.
Zwar ist das Gebäude gegen Elementarschäden versichert, aber Hallers Versicherung unterscheidet zwischen zwei Hochwasser-Ursachen: Starkregen und Gewässerübertritt. Beides hängt unmittelbar miteinander zusammen, doch letzteres ist in seiner Versicherung nicht enthalten – und verhindert nun die Kostenübernahme. Denn die Versicherung argumentiere, dass die Krone durch den Übertritt der etwa 150 Meter Luftlinie entfernten Wieslauf überflutet wurde.
Viele Parties in der Krone
Hallers Anwalt gibt sich dennoch optimistisch, dass zumindest ein Teil der Kosten übernommen wird. „Ich habe die Versicherung einfach von meinem Vater übernommen und mir keine Gedanken gemacht“, sagt er. Ihm sei wichtiger gewesen, dass die Gaststätte schnell wieder eröffnen kann.
Jetzt kann Jacky ihre vielen Ideen für die Krone in die Tat umsetzen. Bereits bei der Eröffnungsparty musste sie die Tische zur Seite schieben, weil die Gäste den Platz zum Tanzen brauchten. Das nächste Event ist mit der Halloween-Party auch schon geplant, viele weitere sollen folgen: Eine 80er/90er-Party oder eine Rock-Nacht. Das Hochwasser wird so als Gesprächsthema immer weiter in den Hintergrund rücken. Aber der türkise Streifen gegenüber der Theke ruft den harten Wiederaufbau immer wieder in Erinnerung.