Mannheim erklärt Erdgas zum Auslaufmodell. Stuttgart formuliert inzwischen vorsichtiger. Foto:
Der Wärmeexperte Matthias Sandrock sagt: Vorgezogene Klimaziele wie in Stuttgart führen letztlich zu Frust. Die Ankündigung, dass in Mannheim ab 2035 kein Gas mehr geliefert wird, findet er „kaufmännisch konsequent“.
Erreicht Stuttgart, wie 2022 mit breiter Mehrheit im Gemeinderat beschlossen, die Emissionsfreiheit in den nächsten zehn Jahren? Die Zuversicht bröckelt offenbar – aus mehreren Gründen.
Erstens bescheinigt eine Studie der Stadtverwaltung, organisatorisch nicht effizient genug aufgestellt zu sein. Persönliche Konflikte und Abstimmungsprobleme gefährden demnach das Klimaziel 2035. Zweitens mehren sich die Stimmen, die den Kurs der Stadt in Sachen Wärmewende für utopisch halten. Und die Zahlen geben ihnen recht: Theoretisch müssten beispielsweise rund 3500 neue Wärmepumpen pro Jahr in Stuttgart installiert werden. Umgesetzt worden ist bisher nur ein Bruchteil.
Ist die Wärmeplanung in Stuttgart utopisch?
Stuttgart mit Schornsteinen Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Drittens hat die Ankündigung des Abteilungsleiters Jürgen Görres in einem ZDF-Beitrag, in Stuttgart werde 2035 das Gas abgestellt, Verwunderung und Verunsicherung ausgelöst. Die Stadt hat inzwischen relativiert: Strategisch sei Gas von 2035 an in Stuttgart kein Thema mehr. Mannheim geht da entschiedener vor. Als erste Großstadt kündigt der Energieversorger MVV an, Haushalte mit Gasheizungen müssten ab 2035 auf eine Gasversorgung verzichten.
Viertens kommen inzwischen auch Hinweise von außen, dass das Ziel eigentlich nicht zu erreichen ist. Vertreter der Hochschule für Technik in Stuttgart hatten sich skeptisch geäußert. Und Alexander Kotz, Fraktionschef der CDU, ließ im Gemeinderat durchblicken, selbst ein Experte hätte unlängst gesagt, er halte das Stuttgarter Klimaziel für unrealistisch.
Dieser Experte ist Matthias Sandrock, geschäftsführender Gesellschafter des Hamburg-Instituts und Fachmann für die Wärmewende. Er war vor Kurzem in Stuttgart, um seine Sicht einzubringen. Es ging um die Auseinandersetzung zwischen der Stadt und der EnBW um das Fernwärmenetz in Stuttgart. Das Hamburg-Institut hat vor zweieinhalb Jahren zusammen mit dem Öko-Institut und Intraplan die Stadt München beraten. Dort lautet das Klimaziel ebenfalls 2035. Anfang dieses Jahres folgte ein Papier zur Wärmeplanung, berichtet Sandrock.
Matthias Sandrock ist Wärmewende-Experte. Foto: privat
„Ich glaube nicht, dass München und Stuttgart das erreichen“, sagt Sandrock. Er hält nichts von der „Zielüberbietung“, die allerorten zu beobachten sei. Er halte es für klüger, dass sich Kommunen erst überlegen, was sie bewältigen können, und sich dann ein Ziel setzen. „Andersrum erzeugt es Frust“, so Sandrock. Wichtig sei, dass die Politik realistisch bleibe.
München hat Vorteile gegenüber Stuttgart
Sandrock sagt, er kenne die Stuttgarter Situation nicht so gut wie die in München. Doch einen Vergleich kann er dennoch ziehen. „München hat bessere Voraussetzungen“, sagt er. Zum einen liege der Fernwärmeanteil dort heute schon bei einem Drittel, in Stuttgart lediglich bei einem Fünftel. „Außerdem laufen die Stadtwerke in München im Gleichklang mit der Stadt. Das ist viel wert.“ In Stuttgart gebe es den seit Jahren andauernden Zwist zwischen der Stadt und der EnBW. Und, das müsse man einräumen, schlummere unter München ein größeres Erdwärmepotenzial als in Stuttgart.
Technisch erreichbar seien die Klimaziele bis 2035, sagt Sandrock. Es gebe aber eine Kluft zwischen dem, was die Politik will, und dem, was sie macht. Um das Ziel zu erreichen, müsste viel mehr geschehen bei Verkehr und fossilem Heizen. „Wenn es hart auf hart kommt, schrecken alle vor dem Wählerwillen zurück“, meint Sandrock. Die Ankündigung in Mannheim findet er „richtig und kaufmännisch konsequent. Wenn sich die Aufregung gelegt hat, werden vermutlich andere Energieunternehmen folgen.“