Ballettstar Egon Madsen erinnert sich an die Nächte, wie alles anfing: „Wir haben viel geredet. Da wurde es auch manchmal früh! Jetzt kann ich sagen: Gut gemacht, alles auf dem richtigen Weg!“ Als 2008 im Theaterhaus Tänzer und Choreograf Eric Gauthier mit seiner Kompanie Gauthier Dance einzog, Madsen als Coach verpflichtete. Nun feierte die Truppe ihr 15-Jähriges mit viel Prominenz aus Stadt- und Landespolitik, Tanzschaffenden und einem begeisterten, treuen Publikum, das vom Jubiläumsprogramm „15 Years Alive“ schwärmte. „Damals hieß es im Rathaus: ‚Stuttgart braucht kein zweites Ballett‘, uns gibt es immer noch“, so Eric Gauthier zum Titel.
Erst Tiefgang, dann Partystücke
Die Stücke wiederum zeugten von der Reise der 16-köpfigen Kompanie, die einst mit sechs Tänzerinnen und Tänzern begann. Das Tiefere am Anfang, dann die Partystücke, so Gauthier. Eine guter Mix! Zum Auftakt gab es ein Wiedersehen mit „Pression“, das Mauro Bigonzetti 1994 für das Balletto di Toscana choreografierte. Die Gauthier Dancers führten es erstmals zu ihrem Fünfjährigen auf. Ein Stück, das nicht altert, das trotz oder gerade wegen seiner konträren Hälften das Zeug zum Klassiker hat. Bewegend, wie sich insektenartig Andrew Cummings und Shawn Wu zum Celloknarzen von Helmut Lachenmanns Geräuschkomposition verknotet über die Bühne bewegten, wie danach Karlijn Dedroog und Izabela Szylinska zu Franz Schuberts sehnsuchtsvollem „Der Tod und das Mädchen“ sich in skulpturalen Bewegungen spiegelten.
Tanz in der Leichenhalle
Schauer über die Haut laufen ließ Hofesh Shechters Beitrag, der Israeli ist seit 2021 Hauschoreograf bei Gauthier Dance. Sein Film „Return“, den die Kompanie im Wizemann-Areal drehte, spielt in einer Leichenhalle. Dort holt ein Bestatter eine junge Frau, die er zuvor hergerichtet hat, wieder aus dem Kühlschrank, um mit ihr zu tanzen. Und plötzlich tauchen 14 weitere Personen auf, die es zu Shechters Musik – von Johann Sebastian Bach inspiriert – voller Leidenschaft fließen lassen. Keine Rückkehr der Toten, sondern, so der Choreograf, „der Weg, den Geist eines Menschen wieder zum Leben zu erwecken“.
Das ABC der Tanzbegriffe garantiert Lacher
Einmal wach, starteten die „Party Pieces“. In Gauthiers „ABC“ der Tanzbegriffe, das er 2019 für Johan Kobborg schuf, folgte der hervorragende Shori Yamamoto den schrägen Tanzanweisungen des Direktors aus dem Off – von „Arabesque“, „Breakdance“ und „Bad Boy“ über „Jeté“ bis „Variations of Le Corsaire, La Sylphide . . .“. Lacher garantierten auch die Soli, die Alejandro Cerrudo vor zwölf Jahren in Chicago für die Tänzer „Pacopepepluto“ schuf – inspiriert vom Nachbarn, den er durch das Fenster zu Dean Martin nackt tanzen sah. Nun sprangen, drehten, hüpften und winkten Giovanni Visone, Shawn Wu und Luca Pannacci (fast) nackt auf das Virtuoseste zu „Memories Are Made of This“ und anderen Songs des Crooners.
Vom Publikum sehnsüchtig erwarteter Klassiker im Kompanie-Repertoire war freilich Itzik Galilis „The Sofa“. Das Stück mit überdimensionalem gelbem Monsterpolster, das sich so gut bespringen lässt und auf dem ein Macho eine junge Frau zu begrapschen versucht, während Tom Waits’ Reibeisenstimme tönt: „Nobody, nobody will ever love you the way I could love you“! Doch kaum ist es rücklings und wieder vorwärts gekippt, ist Frau weg, dafür Mann in roten Samthosen da, der seinerseits den Macho anmacht. Apropos: Galili – wie Bigonzetti angereist – kreierte schon 1995 das ob #metoo aktuell anmutende Stück. Die Uraufführung „Ayda“ indes steuerte Dunja Jocic bei, für die vier Gauthier Dance Juniors, die junge Truppe für Akademieabsolventen. Zu liturgieartigen Sätzen, Gesangsschnipseln und Geläut folgen Aydan Frances Güneri, Angelo Minacori, Arnau Redorta Ortiz und Maria Sayrach Baró in schwarzer Kluft Ritualen. Fast unwillig, Hände zittern, stoppen, um sich dann doch den Vorgaben der preisgekrönten serbischen Choreografin zu ergeben – dunkel, rätselhaft, faszinierend.
Ikone Marcia Haydée tanzt mit
Die hellere Komponente der Rituale kam zum Grande Finale: Begeben sich in Ohad Naharins „Minus 16“ doch 16 Anzugtragende – nach individuellem, rockigem Anfang – in den Stuhlkreis zum jüdischen Pessach-Lied „Echad mi Yodea“, bevor ein Paar bewegend Vivaldi interpretiert und schließlich Zuschauerinnen – in knallfarbiger Kleidung – zu Cha-Cha-Cha und Techno auf die Bühne zum Mitmachen geholt werden. Und da fragten sich manche: „Ist sie das?“ Sie war es: Ballettikone Marcia Haydée tanzte eng umschlungen mit Kompaniemitglied Jonathan Reimann. Nach 15 Jahren ist Gauthier Dance sehr lebendig!
Die Tanzcompany Gauthier Dance
Hintergrund
Für das Tanzensemble des Theaterhauses stehen 16 Tänzerinnen und Tänzer unter der Leitung des Choreografen, Tänzers und Musikers Eric Gauthier auf der Bühne bei Auftritten in Stuttgart und weltweit. Zahlreiche Stücke von Gastchoreografen bereichern darüber hinaus das Programm.
Die junge Truppe
Gauthier Dance hat unter anderem das Projekt Moves for Future – mit prominenter Unterstützung von Jürgen Klinsmann – gestartet und bringt mit Gauthier Dance Juniors Tanz in Schulen. An 23 Schulen war bereits Station, 32 weitere sollen folgen.
Termine
Im März 4.3., 5.3., 8.3., 9.3., 10.3., 11.3., 12.3; im Mai: 10.5., 11.5. und 12.5.