Gauthier Dance Junior Wenn die Mischung aus Tanz, Musik und Film überzeugt

Zusammengeklebt: Giuseppe Iodice und Ashton Benn in Aszure Bartons Duett „Lascilio Peder“. Foto: Gauthier Dance/Jeanette Bak

Siebenmal Tanz zu musikalischen Klassikern und als dritte Kunstform der Film: Gauthier Dance Juniors punkten mit neuem Programm „Radical Classical“ am Theaterhaus.

Wie lässt sich das Interesse für klassische Musik bei der Jugend wecken? Diese Frage war für Eric Gauthier der Impuls für das neue Programm „Radical Classical“, das am vergangenen Freitag im Theaterhaus Premiere feierte. Das Kalkül: Kompositionen von Vivaldi, Corelli, Beethoven, Strauss und anderen sollen sich als Soundtrack moderner Tanzsprachen Gehör verschaffen. Auch bei denen, die vor Streicher- und Flötenklängen davonlaufen. Dazu passt, dass der kanadische Tausendsassa nicht seine Hauptkompanie auf die Bühne schickt, sondern die sieben Tanzstücke zu musikalischen Klassikern seinen „Juniors“ anvertraut. Hinderlich für den Anspruch einer spartenübergreifenden Kulturvermittlung erscheint die Altersempfehlung: „ab 16 Jahren“.

 

Zu den Höhepunkten gehören auch die filmischen Porträts

Ursächlich dafür ist wohl Marie Chouinards längst ikonisches Solo „Prélude à l‘aprés-midi d’un faune“ zu Claude Debussys gleichnamigem Werk, das Lüsternheit und Selbstliebe darstellt. Dabei war das an Vaslav Nijinskys skandalträchtige Darbietung von 1912 anknüpfende Werk schon 2017 beim zehnjährigen Gauthier-Dance-Jubiläum zu sehen.

Zu den Höhepunkten im „Radical Classical“-Konzept mit teils weltberühmten Schrittmachern gehören die filmischen Porträts als Intros für die musikalische Basis der Choreografien. Ob Opernsängerin, Chorleiter, Perkussionistin oder Geigenbauer: die individuelle Sicht der Profis auf die Kompositionen ist so lehrreich wie inspirierend. Die Filmcrew um Kai Thomas Geiger (Regie) und Rainhardt Albrecht-Herz (Kamera und Schnitt) haben dafür stimmungsvolle Bilder gefunden und taktvoll verbunden. Nach Eric Gauthiers launiger Einführung macht Maria Theresa Ulrich den Anfang. Die Mezzosopranistin vergleicht Strauss‘ Walzerklänge mit Vogelgezwitscher. Dass Choreograf Andreas Heise sein für Schwerin geschaffenes Galastück „Frühlingsstimmen“ genannt hat, ist eine hübsche Analogie. Nun steckt er sieben Gauthier-Juniors in funkelnd schwarze Langarmpullis, so dass sich die Oberkörper vor dunklem Hintergrund aufzulösen scheinen. Dieser Unbestimmtheit setzt er messerscharfe Beinbewegungen oder nur Schritte entgegen, die sich gegen die Walzerseligkeit behaupten.

Filmisch eingestimmt auf den Klang der Oboe darf das Publikum bei Marie Chouinards weiblich besetztem „Nachmittag eines Fauns“ in eine Naturfantasie abtauchen. Carolina Fernandes verkörpert das stachelig, deformierte Mischwesen keck, aber mit heiligem Ernst. So sieht man ihm gebannt zu, wie es von Lichtbündeln animiert die Geilheit mit zum Phallus umfunktionierten Horn entdeckt.

Carolina Fernandes verkörpert das stachelig, deformierte Mischwesen aus „Prélude à l‘aprés-midi d’un faune“. Foto: Gauthier Dance/Jeanette Bak

Vom israelischen Starchoreografen Ohad Naharin ist „B/olero“ als Duett für zwei Tänzerinnen zu sehen. In der 2008 geschaffenen Tanzversion von Maurice Ravels pulsierendem Crescendo, hier von Isao Tomitas fernöstlich arrangiert, entwickelt sich aus anfangs synchronen Abläufen mit Armen als Metronom-Pendel eine kanonartig versetzte Annäherung, die unerfüllt bleibt. Dem musikalischen Orgasmus wird die tänzerische Entsprechung geradezu verweigert.

Mittlerweile in Basel erfolgreich, steuert der ehemalige Artist in Residence von Gauthier Dance Marco Goecke mit „FURIA (für Gudrun)“ die einzige Uraufführung bei. In dem abstrakten Pas de deux, den Mathilde Roberge und Atticus Dobbie zu barocken Weisen brillant darbieten und dabei wie mal größere, mal kleinere Abbilder ihrer selbst wirken, lässt sich so mancher Verweis auf die kürzlich verstorbene Ausstatterin Gudrun Schretzmeier entdecken. Da werden Oberkörper vermessen, Unterarme bewegen sich wie Scheren, Hände nesteln im Nacken an vermeintlichen Knöpfen. Auch Michaela Springers Kostüme erzählen mit unversäuberten Kanten von Leibchen und Hosen vom Unvollendeten. Es fehlt die eine, die Maßband, Nadel und Faden für immer aus der Hand geben musste. „Licht“ ruft der Tänzer wiederholt und erinnert damit an Goethes letzte Bitte „mehr Licht“. „Dunkel“ ist hier das Schlusswort. Vor zwei Wochen erst soll die Idee zu „FURIA“ entstanden sein. Herausgekommen ist ein Wurf, der einmal mehr belegt, dass Marco Goecke choreografisch Haute Couture bietet.

Eric Gauthiers Beitrag „Orchestra of Wolves“ Foto: Gauthier Cance/Jeanette Bak

Bravourös gerät „La morte del Cigno“ zum „Karneval der Tiere“

Nach dem längsten Applaus des Abends geht es nahtlos weiter mit dem Duett „Lascilio Peder“ von Aszure Barton. Die kanadisch-amerikanische Choreografin klebt Giuseppe Iodice und Asthon Benn Zunge an Zunge aneinander und deutet an, dass beide lieber voneinander loskommen wollen. Denn viel Bewegungsfreiheit lässt die intime Verbindung nicht. Vor der Auflösung glitzert ein Spuckefaden im Scheinwerferlicht und beweist, dass im Tanz auf der Bühne alles echt und kein Fake ist.

Interpretatorisch wie choreografisch bravourös gerät „La morte del Cigno“ von Mauro de Candia zu einem Auszug aus Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“. Rong Chang wird für seine virtuose Darbietung, in der sich sogar Zehen wie Schwanenhälse biegen, zurecht gefeiert. Bleibt als Rausschmeißer Eric Gauthiers Beitrag „Orchestra of Wolves“ zu Beethovens Fünfter, der als gag-reiches Ensemblestück einen Bogen zum Anfang spannt.

Zu bejubeln ist Eric Gauthier: als Kompaniechef, Netzwerker, Ideengeber, Programmmacher, Entertainer und – ja! – auch als Kulturvermittler. Er sorgt dafür, dass Tanz und klassische Musik für alle zugänglich sind und lockt damit auch Prominenz aus dem Kessel. Sogar die legendäre Cranko-Muse Marcia Haydée saß im Publikum, ebenso der ehemalige Erste Solist Mark McClain und Opernintendant Viktor Schoner.

Weitere Termine: 28. bis 31. Januar, 5. bis 8. März sowie vom 22. bis 26. Juli.

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