Gauthiers Junioren tanzen in Schulen Erst ausgebremst, jetzt am Durchstarten
„Moves for Future“ heißt ein Projekt von Gauthier Dance, das Tanz in Schulen trägt. Es hilft auch jungen Tänzern beim in Coronazeiten schwierigen Start in den Beruf.
„Moves for Future“ heißt ein Projekt von Gauthier Dance, das Tanz in Schulen trägt. Es hilft auch jungen Tänzern beim in Coronazeiten schwierigen Start in den Beruf.
Einen besseren Botschafter hätte der Tanz nicht finden können: Eric Gauthier ist seit der Gründung seiner am Stuttgarter Theaterhaus beheimateten Kompanie vor 15 Jahren als unermüdlicher Missionar unterwegs. In Altersheimen, Krankenhäusern, Schulen und auf öffentlichen Plätzen tritt der Tänzer und Choreograf immer wieder aufs Neue den Beweis an, dass seine Kunst das Zeug dazu hat, Gemeinschaft herzustellen.
Gerade gibt Gauthier richtig Gas: „Moves for Future“ heißt sein neues Projekt, mit dem er möglichst viele Kinder nach dem coronabedingten Stillstand in Bewegung bringen will; Schirmherr ist Jürgen Klinsmann. Mit einem umgebauten Unimog hat er im Sommer dafür bei 15 Stopps Schulhöfe in Tanzbühnen verwandelt. Nach dieser Pop-up-Variante unter freiem Himmel läutet Gauthier, verstärkt durch vier junge Tänzerinnen und Tänzer, nun die Hallensaison ein.
„Heiß, so heiß, Mann, es ist so heiß!“ Ein paar der Erstklässler singen fröhlich, als sie aus der Sporthalle der Filderschule kommen, ein Mädchen schwingt mit den Armen und nimmt das ikonische Motiv aus dem Ballett „Schwanensee“ mit auf den Pausenhof der Grundschule in Degerloch. Draußen sind die Temperaturen herbstlich, drinnen in der Turnhalle geht es an diesem Novembervormittag dagegen heiß her.
Gleich zwei Shows bietet Gauthiers Team dem jungen Publikum, nach den Erstklässlern sitzen die Älteren auf Bänken und Matten – und tanzen nach einem Einblick in die Welt des klassischen und modernen Tanzes selbst als Löwen oder Eisbären durch die Halle. „Man sieht richtig, wie die Kinder hin und weg sind“, sagt Susanne Mircea, die kommissarische Rektorin der Filderschule, nach der ersten Show. „Für viele ist es das erste Mal, dass sie mit klassischem Ballett oder Bühnentanz überhaupt in Berührung kommen.“
Dafür, dass keine Berührungsängste aufkommen, garantiert Eric Gauthier selbst, indem er sein Publikum ernst nimmt und sein Anliegen mit viel Herzblut erklärt. Und sein Junior-Team ist nah dran an allen, aber tanzt, als wäre die Turnhalle eine große Bühne. Für Überraschungsmomente sorgen erst der „Sterbende Schwan“ und Spitzentanz, dann ein spontan gestaltetes Liebesdrama.
Bühnenerfahrung, das macht das Junior-Quartett an diesem Vormittag klar, lässt sich auch in diesem ungewöhnlichen Rahmen und auf dem rutschigen, grünen Hallenboden sammeln. Gerade um diese Praxis geht es dem staatlichen Förderprogramm „Dis-Tanz-Start“, das in dieser Saison Engagements der von Corona ausgebremsten Berufseinsteiger fördert und das auch drei von Gauthiers Junioren finanziert.
Ayda Frances Güneri zum Beispiel, Absolventin der Hamburger Ballettschule, oder ihr Kollege Angelo Minacori, der die Cranko-Schule abgeschlossen hat, sind dankbar für diese Chance. „In einer Turnhalle vor Kindern zu tanzen, ist eine neue Erfahrung für mich“, sagt die britisch-türkische Tänzerin, ihr italienischer Kollege betont den professionellen Aspekt eines solchen Auftritts: „Ich muss lernen, mich auch in einer Situation zu konzentrieren, in der ich nicht unbedingt die volle Aufmerksamkeit des Publikums habe. Meistens sind die Kinder so begeistert, das ist sehr schön.“
Durch deren Augen eine neue Perspektive auf die eigene Arbeit zu bekommen, schätzt auch Arnau Redorta Ortiz. „Wir lernen, in ganz unterschiedlichem Umfeld zu tanzen“, sagt der Spanier, der nach einem ersten Engagement beim Bayerischen Juniorballett in Stuttgart landete. Dass die Verträge in solchen Nachwuchskompanien zeitlich beschränkt sind, unterstützt er. „Es geht ja darum, dass möglichst viele Tänzer Erfahrungen sammeln können.“
Sogar Festival-Luft durften die Gauthier-Junioren schon schnuppern, bei Colours verstärkten sie das „Kamuyot“-Team und tanzten in der Theaterhaus-Sporthalle. Jetzt hoffen sie wie Maria Sayrach Baró, die bei den Ballettjunioren am Genfer Theater erste Erfahrungen sammelte, dass sie auch nach dem Ende dieser Saison in Stuttgart bleiben können. „Ich hoffe, dass ein Vertrag frei wird“, sagt die Tänzerin und fügt an: „Aber das mit dem Wünschen steht auf einem anderen Blatt als das, was schließlich passiert.“
Das würde auch Eric Gauthier unterschreiben: Zum 15. Geburtstag seiner Kompanie hätte er ihr gern eine sechsköpfige Juniortruppe zur Seite gestellt, doch die Zeichen der Zeit stehen im Kulturbereich nicht auf Expansion. Da sind die vier jungen Tänzer, die mit ihrer Arbeit die durch Gastspiele ausgelastete Kompanie unterstützen, schon ein Hauptgewinn. Eric Gauthier weiß das, auch wenn er seine Enttäuschung nicht versteckt. Vor den Schülern steht er auf alle Fälle wie einer, der das große Los gezogen hat: In Bewegung zu sein, so seine Botschaft, macht glücklich. „Da gab es echte Gänsehautmomente“, fasst Schulleiterin Susanne Mircea den Vormittag zusammen.
Auftakt
An diesem Donnerstag startet Gauthier Dance mit „Seven Sins“ im Theaterhaus in die neue Saison. Vorstellungen des Sünden-Programms mit Uraufführungen von Aszure Barton, Sidi Larbi Cherkaoui, Sharon Eyal, Marco Goecke, Marcos Morau, Hofesh Shechter und Sasha Waltz gibt es bis Sonntag im Theaterhaus.
Auszeichnung
Die diesjährige Kritikerumfrage der Zeitschrift „Tanz“ kürte Gauthier Dance zu einem „Glanzlicht“ der vergangenen Saison. Die Urkunde dazu verleiht Torsten Kutschke, Chefs des Theaterverlags, im Rahmen der „Seven Sins“-Show an diesem Samstag. Den Preisträgern will auch der Stuttgarter Kulturbürgermeister Fabian Mayer gratulieren.
Jubiläum
Mit sechs Tänzerinnen und Tänzern ging Eric Gauthier im Oktober 2007 an den Start. Gefeiert werden soll der 15. Geburtstag der inzwischen 16-köpfigen Theaterhaus-Kompanie vom 1. bis zum 12. März 2023 mit dem Gala-Abend „15 Years Alive“, der Vorverkauf dafür beginnt an diesem Donnerstag. Auf dem Programm sind neben Hits aus dem Repertoire eine Uraufführung von Dunja Jocić für die Junioren und Kurzfilme von Marco Goecke, Hofesh Shechter und Eric Gauthier.