Gaza-Krieg Um diese 20 Geiseln kämpft Israel
Das unsichere Schicksal der letzten Geiseln hat die Proteste für eine Waffenruhe in Israel erneut angefacht.
Das unsichere Schicksal der letzten Geiseln hat die Proteste für eine Waffenruhe in Israel erneut angefacht.
Als die Terroristen ihr den Vater raubten, war Alma Miran sechs Monate alt. Heute ist sie ein kleines Mädchen: Sie läuft, sie spielt, sie spricht. Manchmal, erzählt ihre Mutter, tue Alma so, als würde sie mit ihrem Vater telefonieren. „Papa“, sage sie dann, „wo bist du?“ Doch die Leitung bleibt still: Seit 22 Monaten halten Hamas-Terroristen Omri Miran in Gaza fest. Er hat Almas erste Schritte verpasst, ihr erstes Wort. Und niemand weiß, wann er zurückkommt – und in welchem Zustand.
Es dürfte in Israel kaum einen Menschen geben, der Mirans Geschichte nicht kennt. Seine Frau, Lishay Miran-Lavi, gibt unermüdlich Interviews, erzählt unter Tränen, wie sehr Alma und ihre Schwester Roni unter der Abwesenheit ihres Vaters leiden, ruft zu Protesten für einen Deal zur Freilassung der letzten Geiseln auf.
Rund 50 Entführte halten die Hamas und kleinere Terrororganisationen im Gazastreifen noch immer in ihrer Gewalt. Basierend auf Geheimdienstinformationen geht Israel davon aus, dass noch 20 von ihnen am Leben sind, allesamt Männer – die letzten überlebenden weiblichen Geiseln kamen im Frühjahr im Rahmen der letzten Waffenruhe frei. Der jüngste der mutmaßlich Überlebenden ist Nimrod Cohen, 21; der Älteste Omri Miran, 48.
Im April erhielt Mirans Familie das letzte Lebenszeichen von ihm: Die Hamas veröffentlichte ein Video von ihm, dessen Veröffentlichung die Familie untersagt hat. Die Aufnahmen von Geiseln, die um ihre Freilassung flehen, werten Experten als psychologische Kriegsführung: Die Hamas will so die israelische Regierung unter Druck setzen und zu Zugeständnissen in den Verhandlungen um eine Waffenruhe zwingen.
Doch die rechts-religiöse Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu scheint an Kompromissen gegenüber den Terroristen nicht interessiert. Ende vergangener Woche stimmte Israels Sicherheitskabinett für die Einnahme von Gaza-Stadt – trotz der Warnungen des Armeechefs Eyal Zamir, der um das Leben der letzten Geiseln fürchtet. Denn zumindest einige von ihnen vermutet Israels Armee, die IDF, in Gaza-Stadt. Die Hamas hat klar gemacht, dass sie Geiseln umbringen werde, sobald sich israelische Soldaten deren Standort näherten.
Manchen Schätzungen zufolge könnten sich die Kämpfe in Gaza-Stadt bis ins kommende Jahr ziehen. Angehörige der Geiseln fürchten, dass die Entführten nicht so lange durchhalten.
Im Rahmen der Waffenruhe im Frühjahr kamen 25 Geiseln frei, neun Frauen und 16 Männer. Viele von ihnen haben seitdem Interviews über ihre Gefangenschaft gegeben, einer von ihnen – Eli Sharabi – ein Buch geschrieben. Einige berichteten, die Terroristen hätten sie in Käfigen oder in Ketten gehalten. Viele erzählten von Schlägen, von Operationen ohne Betäubung. Mehrere der Rückkehrer waren über Monate in dunklen Tunneln gehalten worden. Die meisten von ihnen litten Hunger. In einem diese Woche veröffentlichten Bericht des israelischen Gesundheitsministeriums heißt es, einige Geiseln durften nur alle paar Monate duschen und nur zweimal im Jahr ihre Unterwäsche wechseln. Zu den gesundheitlichen Folgeschäden, die der Bericht aufzählt, gehören chronische Schmerzen, irreversible Nervenschäden, Hörverlust, Verlust von Muskelmasse, Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit sowie schwere psychische Schäden.
Im Juli veröffentlichte das „Magazin 1843“, ein Ableger der britischen Wochenzeitung „Economist“, einen Artikel über Omer Shem Tov, heute 22, der nach 505 Tagen Geiselhaft im Februar freikam. Darin erzählt Omer, dass seine Entführer ihn in einer unterirdischen Zelle hielten; wachte er auf, wusste er nie, ob Tag oder Nacht war. Er musste in eine Flasche urinieren, durfte nur alle paar Tage auf eine Toilette gehen. Mit der Zeit bekam er immer weniger zu essen: erst zwei Pitabrote am Tag, dann eins, ein halbes, schließlich nur noch ein paar Dattelkekse. Er musste für die Terroristen putzen und kochen. „Sie beschimpften mich, spuckten mich an“, sagte Shem Tov dem Magazin. „Ich war eine Art Sklave für sie.“
Die mutmaßlich 20 überlebenden Geiseln dürften Ähnliches durchmachen – wenn nicht Schlimmeres. Anfang August veröffentlichten die Hamas und der Palästinensische Islamische Jihad (PIJ), eine kleinere Terrororganisation, die bislang jüngsten Videos von Geiseln: Darin zu sehen sind der 24-jährige Evyatar David und der 21-jährige Rom Braslavski, der auch die deutsche Staatsbürgerschaft trägt. Beide wirken blass, geschwächt und extrem abgemagert.
Die Videos, zusammen mit der geplanten Ausweitung der Kämpfe in Gaza, haben die wöchentlichen Proteste in Israel für einen Geiseldeal erneut angefacht. Zehntausende demonstrierten vergangenen Samstag in Tel Aviv und anderen Städten. Für den kommenden Sonntag haben Familien der letzten Geiseln zu einem landesweiten Streik aufgerufen. „Am Sonntag halten wir das Land an, um unsere Lieben zurückzubekommen, um alle Geiseln und Soldaten zu retten, um das Land zu retten“, schrieb Lishay Miran-Lavi, die Frau des entführten Omri, auf X.