Gazi-Stadion auf der Waldau Der Rasendoktor plädiert für eine Heizung

Der Rasen des Gazi-Stadions ist in keinem guten Zustand. Foto: Baumann 7 Bilder
Der Rasen des Gazi-Stadions ist in keinem guten Zustand. Foto: Baumann

Muffiger Geruch und Pilzbefall: Um den Rasen im Gazi-Stadion auf der Waldau steht es nicht gut. Doch „er liegt nicht im Sterben“, sagt der Stuttgarter Rasenforscher Gerhard Lung. Er rät zu einer Rasenheizung.

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Stuttgart - Langsam lässt er den Blick über die weitläufige Rasenfläche schweifen. Seine Augen sind wegen der tief stehenden Sonne verengt, der Wind pfeift über das Grün. Doch im Gazi-Stadion wird kein schwäbischer Western mit dem Mann in der Hauptrolle gedreht, der gerade ein kleines Messer zückt. Doktor Gerhard Lung ist Experte für Rasen aller Art und schaut sich an diesem kalten Frühlingsnachmittag das Geläuf in der Heimspielstätte der Fußball-Drittligisten Stuttgarter Kickers und VfB Stuttgart II genauer an.

Der 58-Jährige schneidet ein kuchenförmiges Stück aus dem Rasen heraus. Es rieche anaerob, als käme es frisch vom Grund eines Teiches – und das sei schlecht. Zudem kann er verschiedene Krankheiten wie etwa Pilzinfektionen auf den Halmen ausmachen. „Insgesamt ist der Zustand der Rasenfläche miserabel“, urteilt Gerhard Lung. Das ist die schlechte Nachricht für den VfB Stuttgart II und die Stuttgarter Kickers, die am Mittwoch (18.30 Uhr) respektive am Samstag (14 Uhr) dort jeweils gegen Rot-Weiß Erfurt spielen.

Der Stuttgarter Rasendoktor, der das ausgeschnittene Stück mittlerweile ordnungsgemäß zurückgelegt und festgetreten hat, hat aber auch eine gute Nachricht – den Begegnungen steht nichts im Wege: „Der Zustand ist aufgrund der Belastung und der Jahreszeit nicht verwunderlich. Der Rasen steht noch voll unter Winterstress.“ Die Beschaffenheit ist also keine Katastrophe, sondern markiert nur eine schwierige Zeit für einen der wichtigsten Faktoren im Fußballgeschäft.

Der Rasen im Gazi-Stadion ist noch zu retten

Gerhard Lung leitet mit seiner Ehefrau Christa das Institut für angewandte Rasenforschung in Stuttgart. Der promovierte Agrarbiologe hat 25 Jahre lang zum Thema Pflanzenschutz an der Universität Hohenheim geforscht. Später hat er sich mit seiner Gattin, die Biologie studiert hat, selbstständig gemacht. Lung gilt europaweit als Kapazität auf dem Gebiet der Rasenforschung. Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 saß er beispielsweise kurze Zeit in einem Expertengremium für einen einheitlichen Rasen in allen WM-Stadien.

Mittlerweile ist er in einem der Strafräume in der Arena auf der Waldau angekommen. Lung führt im Gazi-Stadion eine Rasenanamnese durch. Für detaillierte Ergebnisse fehlen nur noch Laboruntersuchungen und der Blick durch das Mikroskop – aber auch so kann er schon einige Erkenntnisse ableiten. „Die Bedingungen für den Rasen sind hier nicht schlecht. Anders als in großen Stadien bekommt er genug Licht und Wind“, sagt der Wissenschaftler. „Natürlich kann man diesen Rasen noch retten. Er liegt nicht im Sterben.“

Eine Rasenheizung wäre von Vorteil, ist aber teuer

Trotzdem hängt alles am Spielbetrieb und der damit verbundenen Belastung. Wie die Spieler benötigt auch ein Rasen Zeit zur Regeneration. Den bekommt das Geläuf im Gazi-Stadion nicht. Durch die vielen Nachholspiele beider Mannschaften trampeln meist zweimal die Woche 23 Paar Schuhe 90 Minuten lang auf ihm herum. Das sei zu viel – und auch der Platzwart könne im Moment nicht viel machen, meint Gerhard Lung. Im weiteren Verlauf des Frühjahrs, wenn die Temperaturen dauerhaft im Plus sind, müsse es dann eine Nachsaat und viel Dünger geben. „Dann kann er nur noch in die Kirche gehen, beten und hoffen, dass es bald eine Rasenheizung gibt.“

Der Einbau eben einer solchen Apparatur steht im Gazi-Stadion spätestens seit der Rückrunde dieser Spielzeit zur Diskussion. Im höchstgelegenen Profistadion Deutschlands mussten überproportional viele Spiele aufgrund der Unbespielbarkeit des Rasens abgesagt werden. Gerhard Lung hält die Anschaffung für sinnvoll – wenn auch aus ganz anderen Gründen.

„Mit einer Rasenheizung kann im Winter der Wurzelraum warm gehalten werden. So ist der Boden nicht gefroren, das Wasser geht schneller weg, und die Pflanze ist eher in der Lage, sich von Winterschäden zu regenerieren“, erklärt der Fachmann. „Allerdings reicht es nicht, die Rasenheizung nur kurz vor den Spielen laufen zu lassen. Daher sind die Kosten für den Unterhalt natürlich sehr hoch.“




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