Es dürfte in der Republik keinen Menschen geben, der schon so viele wilde Schmähungen eingeheimst hat: Als Nervensäge der Nation, Größenwahnsinniger, Kettenhund, Separatistenführer und vieles mehr hat sich Claus Weselsky schon betiteln lassen müssen. Politiker, Medien, Comedians – alle arbeiten sich an dem Mann ab. Niemand polarisiert so sehr wie der Chef der Lokführergewerkschaft, der bis Montag um 18 Uhr den Bahnverkehr zum Erliegen bringen will. Die halbe Republik schäumt, kann ihn aber nicht davon abbringen.
Warum tut sich der 64-Jährige das immer wieder an? Weselsky wirkt zuweilen wie der Don Quichotte der deutschen Arbeitnehmerbewegung: Er sei der Einzige, der sich für die Arbeitskämpfe rechtfertige, sagt er – „der nie taktiert, sondern klare Punkte setzt“ und für die Interessen der Eisenbahner eintrete. Er sei „absolut nicht stur, aber konsequent“.
Luthers Standfestigkeit imponiert ihm nach wie vor
Von großen Teilen der Öffentlichkeit auf den Mond gewünscht, doch von Funktionären, die ihm nahe stehen, als charmanten Kollegen wertgeschätzt – der Mann hat zwei Gesichter. Zuweilen ist es nicht klar, welcher Charakterzug gerade dominiert. Denn der Gewerkschaftshardliner liebt die Attacke. Er ist Befürworter einer „Streitkultur, wo man sich auch lauter und heftiger fetzen kann, ohne unter die Gürtellinie zu gehen“. Daran mangele es heutzutage, befindet er. Im Tarifkonflikt vor zehn Jahren hat er von sich eine Parallele zu Martin Luther gezogen – eine Nummer kleiner ging es schon damals nicht. Heute nimmt er nichts von diesem Vergleich zurück: „Das passt.“ Der Reformator habe auch dem Zeitgeist widersprochen und seine Ideale aufrichtig verfochten. Diese Standfestigkeit imponiert ihm nach wie vor.
Wer austeilt, muss einstecken können. Doch möglicherweise gehen all die Anwürfe Weselsky mehr an die Nieren, als er sich das eingestehen mag: „Wenn ich mir das alles – von Ihnen angeregt – so durch den Kopf gehen lasse, da kommt mir der Gallensaft nach oben“, redet er sich mitten im Gespräch heftigst in Rage. Nicht jeder Ausdruck, der ihm da entgleitet, erscheint druckreif. Der Gewerkschaftschef fühlt sich ohne Unterlass von der Bahnführung verunglimpft und keilt nach Kräften zurück: Als Jasager, Duckmäuser, Söldner und Schlossertruppe betitelt er das Management „im Turm“, also in der DB-Hauptverwaltung – aber auch als Versager, Lügner oder Kriminelle, die über Jahrzehnte das Bahnsystem in ihrem Spar- und Privatisierungswahn zugrunde gerichtet hätten.
Aus Büchern über Kriegskunst für den Tarifkampf gelernt
Wie, so meint Weselsky, solle man es auch anders empfinden, wenn sich der Bahnvorstand die Taschen mit Boni fülle und dann in der Tarifrunde erkläre, dass für die Eisenbahner kein Geld da sei. „Da muss man hart dagegenhalten.“ Den Personalvorstand Martin Seiler tut er als „Trickser und Täuscher“ ab, der mit „gefakten Angeboten“ hausieren gehe. Wobei Weselsky dann aber so viel Professionalität erwartet, dass die Gegenseite all die Herabwürdigungen hinnimmt und mit ihm über Kompromisse verhandelt – was mit jedem neuen Wutausbruch und jeder neuen Streikwelle in immer weitere Ferne rückt.
Weselsky liebt die (Arbeits-)Kampfrhetorik. Seine Strategien hat er aus Büchern über Kriegskunst gelernt – wenn man das Ziel definiert habe, müssten alle Bataillone darauf vereinigt werden. Die GDL ist aber auch sein Bunker, der ihn abschirmt von allen feindlichen Angriffen. Für die Gewerkschaft ist er bisher die Überlebensgarantie im Existenzkampf mit der Konkurrenzgewerkschaft EVG. Der Vorsitzende weiß, was er an dem treuen Anhang hat. Auf die Interessen seiner Mitglieder beruft er sich immer wieder. Wenn diese ihm den Auftrag erteilen, dann habe er die Sache umzusetzen; da könne er doch nicht mittendrin aufhören. Er spüre zwar auch eine Verantwortung für die Gesellschaft, werde aber von seinen Mitgliedern bezahlt – nur denen sei er Rechenschaft schuldig, nicht der Öffentlichkeit. Und überhaupt, in allen Streiks gebe es Betroffenheiten: „Jeder Einzelfall ist wichtig, kann von uns aber nicht berücksichtigt werden.“
„Weselsky hat seine Truppe echt im Griff“
In der Gesellschaft hat Weselsky eine völlige Individualisierung ausgemacht: „Jeder denkt nur an sich: Dreimal komme ‚ich‘, dann eine Weile nichts, dann die anderen.“ In seiner GDL wiederum erlebe er Zusammenhalt und Solidarisierung. Diese Sichtweise kontrastiert auffällig mit seinem Sprachgebrauch nach dem Motto: Die GDL, das bin ich. Keinen Zweifel lässt er daran, dass der Kurs nur von einem vorgegeben wird: von ihm selbst. Ulrich Silberbach ist Vorsitzender des Deutschen Beamtenbundes, dem auch die GDL angehört. Er sagt bewundernd: „Weselsky hat seine Truppe echt im Griff: Wenn der sagt, wir gehen links rum, dann gehen die Lokführer links rum.“ Bedingungslose Gefolgschaft sieht der oberste Lokführer aber nur bei der Deutschen Bahn – seine Mitglieder folgten mit dem uneingeschränkten Vertrauen in ihn und aus der Überzeugung heraus, für die richtige Sache zu kämpfen.
Im SED-Sozialismus hat er früh seine Unabhängigkeit behauptet
Als jüngstes von drei Geschwistern ist Weselsky in Kreischa bei Dresden groß geworden. Eine „absolut glückliche Kindheit“ mit vielen Freiheiten, aber auch handfesten Aufgaben habe er auf dem Bauernhof seiner Eltern verbracht. Mit sechs Jahren ist er Traktor gefahren. Doch dann fühlte sich sein Vater als Vorsitzender einer Genossenschaft von der DDR-Führung verraten, sodass die Eltern zu Straßenbahnfahrern umschulten. Während sein Bruder und seine Schwester fest im SED-Sozialismus verankert waren, gab sich Claus schon früh widerspenstig. Immer wieder sei er vom Staat „penetriert“ worden und habe seine Unabhängigkeit behaupten müssen – etwa als er erst in die Nationale Volksarmee gehen sollte, um die erhoffte Lokführerausbildung zu beginnen.
Wenn ein „Ossi“ zeigt, „wie es eigentlich auch geht“
Noch heute ist CDU-Mitglied Weselsky „kein Freund von Parteilinien“. Seine Ideale zu verraten, das kommt für ihn nicht infrage. Auch grenzt er sich von den Rechten im Osten ab. Dennoch scheint die DDR-Vergangenheit als Erklärung seines Widerspruchsgeists eine größere Bedeutung zu haben. Denn fast nebenher sagt er als Erklärung für seinen schlechten öffentlichen Ruf einen sehr bezeichnenden Satz: „Wissen Sie, was falsch ist? Dass hier ein Ossi durch dieses Land läuft, der gelernt hat, sich in dem Rechtssystem zu bewegen und der mal zeigt, wie es eigentlich auch geht – das ist falsch.“
Mitte Februar wird Weselsky 65 Jahre alt. Im September will er die Führung an einen seiner Stellvertreter, Mario Reiß, abgeben und in Ruhestand gehen. Darauf freue er sich, sagt er. Die anstrengenden Phasen mit lediglich drei Stunden Schlaf sowie die mentale Belastung hinterließen Spuren. Zur Verdeutlichung verwendet er derzeit häufiger das Bild einer Kerze: „Der Docht meiner Kerze ist etwas stärker, brennt aber auch etwas schneller ab.“ Wer Pech habe, dem bleibe am Ende des langen Arbeitslebens keine Zeit mehr, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen. Er selbst wolle noch eine lange Zeit erleben.
Öfters ist vom Denkmal die Rede, das er sich mit dem letzten großen Tarifabschluss setzen wolle. Mag sein. An Personenkult hat er aber offenbar kein allzu großes Interesse: Im „Claus-Weselsky-Haus“, wie von einigen Funktionären angeregt, solle der noch zu errichtende neue Verwaltungssitz in Berlin besser nicht getauft werden, meint der so verehrte Vorsitzende. Ihm würde „Haus der Eisenbahner“ viel besser gefallen.