GDL-Chef Weselsky Mit dem Kopf durch die Wand

Claus Weselsky in seiner Lieblingsrolle – als Dirigent streikender Lokführer (hier bei der jüngsten Protestversammlung vor der Bahnzentrale). Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Claus Weselsky, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, legt wie vor sechs Jahren den Bahnverkehr lahm. Doch er hat Verbündete, die ihm politisch und finanziell Rückendeckung geben.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Die Republik hat ein Déjà-vu. Und im Mittelpunkt dieses unschönen Tagtraums steht Claus Weselsky. Wie schon im Tarifkonflikt 2014/15 legt der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL erneut den Bahnverkehr in Deutschland lahm – als sei in der Zwischenzeit nichts passiert. Damals kam es zu insgesamt neun Streiks. Im aktuellen Tarifkonflikt hat Weselsky erst den zweiten mehrtägigen Ausstand ausgerufen, um die Deutsche Bahn zum Einlenken zu zwingen. Das kann noch mulmig werden.

 

An den Streikmaßnahmen hat sich in all den Jahren offenkundig nichts geändert. Weil Weselsky sich nicht geändert hat. Freundlich lächelnd, aber knallhart in der Sache zieht er seinen Kurs durch – auch am Montagmorgen wieder, als er die jüngste Offerte der Bahn einer Coronaprämie strikt zurückweist: „Ich moderiere ’nen Streik ab, schick’ meine Leute auf die Züge, um anschließend festzustellen, dass das Angebot für eine Coronaprämie bei eins (Euro) ist – das fällt aus“, betont er. „Für niemanden, der Tarifverträge macht, ist das ein Angebot.“ Die Führung der Bahn „spielt mit den Gefühlen der Menschen“. Sie habe schon vorher gewusst, dass die GDL Nein sage.

Keinerlei Scheu vor der harten Konfrontation

Der Mann hat Nerven wie Bahngleise. Auch die breite Kritik in Politik und Medien bis hin zu wüsten Verleumdungen in sozialen Netzwerken halten den einst sogenannten „Größen-Bahnsinnigen“ nicht davon ab, die Konfrontation einzugehen. Das ist die Lokführer-Mentalität: Es gibt keinen Blick zurück und kein Bremsen, sondern nur Gas geben – mit dem Kopf durch die Wand. Mit dieser Mentalität hat die GDL in ihrer gut 150-jährigen Geschichte vor allem in der Weimarer Republik schon gravierendere, damals politische Arbeitskämpfe überstanden. Die Lokführer sind traditionell eine streitbare Truppe – das ist Weselskys größtes Pfund.

Als Solist und ohne politische Freunde könnte auch der gebürtige Dresdner den Konflikt nicht bestehen. Vor allem die Spitze des Deutschen Beamtenbundes ist auf seiner Seite. Dessen Chef Ulrich Silberbach sagt: „Zwischen Claus Weselsky und mir passt kein Blatt.“ Er sei sich „100-prozentig sicher, dass die GDL auf dem richtigen Weg ist“.

Die Beamtenbund-Basis hält noch still

Dieses Bekenntnis ist von hohem Wert, weil der Beamtenbund seinen Mitgliedsgewerkschaften im Nachgang eine erhebliche Streikunterstützung aus seinem Aktionsfonds zahlt – wie viel, das wird geheim gehalten. Aber es dürfte mittlerweile einiges mehr als 50 Euro pro Tag und Streikendem sein. 2015 hat dieser finanzielle Rückhalt dem Beamtenbund noch einen internen Proteststurm eingetragen, weil viele Mitglieder ihre Beiträge nicht in einen gefühlten Dauerstreik investieren wollten, unter dem sie als Bahnnutzer selbst leiden. Diesmal, so heißt es, herrsche an der Basis noch Ruhe – das Verständnis der Mitglieder für die GDL sei gewachsen. Kritiker an der Brachialität Weselskys gibt es zwar dennoch unter den Gewerkschaftsvorsitzenden im Beamtenbund, doch die halten sich bisher zurück.

Auch Rainer Wendt, Chef der Polizeigewerkschaft (DPolG) im Beamtenbund, stärkt dem Kollegen demonstrativ den Rücken. Er wäre wohl selbst gerne ein großer Streikführer, hat es aber vornehmlich mit beamteten Mitgliedern zu tun. Doch beide sind auch CDUler, konservative Knochen und politische Kraftmeier. Und beide eint die Auflehnung gegen das Establishment. Während Wendt jedoch mit dem Rechtsaußen-Flügel der Partei paktiert und zuweilen in den Verdacht der AfD-Nähe gerät, lässt Weselsky in dieser Hinsicht nichts anbrennen.

Ohne auffällige Nähe zu den Querdenkern

So sehr er insbesondere die Sozialdemokraten hasst, wie er am Freitag erst wieder auf der Pressekonferenz deutlich gemacht hat, so wenig lässt Weselsky sich auf falsche Verbündete ein. Es gibt keine Äußerung, die eine Nähe zur Querdenkerszene im Osten erahnen ließe. Im Gegenteil: Weselsky steht auf dem Boden des Grundgesetzes, weshalb er gerne betont, dass er sich abseits des tarifpolitischen Feldes auch vor „deutschen Gerichten“ gegen die Beschneidung der Rechte der GDL wehre wolle. In seinem Ringen für die Koalitionsfreiheit von Arbeitnehmern sieht er sich wie kein anderer Gewerkschafter als Verteidiger demokratischer Werte.

Seit 2008 schon klammert sich die GDL in ihrem Existenzkampf gegen die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG an den Bundesvorsitzenden. Seinem teils autokratischen Führungsstil mussten schon etliche führende GDLer weichen – auch sein Vorgänger Manfred Schell wurde ausgeschlossen. Mittlerweile ist die ganze Organisation praktisch auf ihn zugeschnitten.

Ein Ende der Weselsky-Ära gerät in Sicht

Weselsky selbst beschreibt sich als „kollegial in der Sache und andere Meinungen gelten lassend“. „Wir entscheiden alles im Team“, hat er mal geschildert. „Mein persönlicher Einfluss beschränkt sich darauf, dass ich sehr schnell und logisch denken kann und in der Lage bin, Sachzusammenhänge zusammenzuführen und einen Lösungsvorschlag zu machen.“ Seine Kompromissbereitschaft gegenüber der Konkurrenz EVG ist allerdings begrenzt. Das Tarifeinheitsgesetz ist vor sechs Jahren dazu gemacht worden, die Kooperation zwischen den Gewerkschaften zu fördern. Doch solange Weselsky und sein Pendant, EVG-Chef Klaus-Dieter Hommel, im Amt sind, dürfte daraus nichts werden. Sie verbindet eine langjährige Gegnerschaft. Und nun will die GDL partout mehr herausholen als die EVG im Vorjahr – eine Schmach, die Hommel verhindern muss.

Im Juni 2022 will der 62-jährige Weselsky erneut für den GDL-Vorsitz kandidieren, weil es niemanden gibt, der rasch in seine Fußstapfen treten könnte. Nach der Hälfte der Amtszeit aber, so ist es dem Vernehmen nach angedacht, soll ein anderer den Führungsstab übernehmen. Wenn der Sachse mit 65 Jahren aufhören sollte, stünden der Republik noch drei weitere Jahre bevor, in denen Lokführerstreiks nach seinem Gusto drohen.

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