Gebäudeensemble in Bad Cannstatt In der Daimlerstraße rücken nun die Abrissbagger an

Die Zeichen für das Gebäudeensemble an der Daimlerstraße stehen auf Abriss. Foto: Uli Nagel

Eine nahezu unendliche Geschichte: Ganze 13 Jahre wurde über das Ensemble Daimlerstraße 100/Veielbrunnenweg 23/25 gestritten – nun rücken noch vor Beginn der Fußball-EM die Abbruchbagger an. Wie geht es dann weiter?

Noch vor Beginn der Fußball-EM am 14. Juni sollen drei marode Gebäude in Bad Cannstatt abgebrochen werden: die Daimlerstraße 100 sowie die unmittelbar angrenzenden Gebäude Veielbrunnenweg 23 und 25. Das seit 2017 leer stehende Ensemble ist nicht nur heruntergekommen, seit zwei Jahren herrscht sogar „Gefahr in Verzug“, die einsturzgefährdeten Gebäude sind seitdem abgesichert. Eigentlich sollte Bezirksvorsteher Bernd Marcel-Löffler den Bezirksbeirat Bad Cannstatt über den geplanten Abriss informieren. Doch das Bürgergremium wollte den seiner Meinung nach „skandalösen Abriss“ lieber mit dem Liegenschaftsamt diskutieren, weshalb das Thema wieder von der Tagesordnung genommen wurde. „Ein Bericht ist vorgesehen, sobald die konkreten Abbruchtermine feststehen“, sagt Stadtsprecher Oliver Hillinger. Die Gebäude seien nicht mehr standsicher, es müsse rasch gehandelt werden. „Eine bauliche Ertüchtigung ist nicht möglich“, sagt Hillinger.

 

Thema wird seit 2011 diskutiert

Abriss oder Sanierung der drei Gebäude? Diese Frage beschäftigt Verwaltung und Kommunalpolitik bereits seit 2011. Damals stellte das Stadtplanungsamt dem Bezirksbeirat Bad Cannstatt neue Wegebeziehungen im Veielbrunnengebiet vor, im Fokus der Planungen standen eben jene drei Gebäude. Alle wurden Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut und 2007 von der Stadt erworben. Der Grund: Die Rathausspitze, allen voran OB Wolfgang Schuster, träumte damals von einem Mobilitäts- und Erlebniszentrum, für das Flächen gebraucht wurden.

Der Traum vom Mobilitätszentrum platzte, die Abrisspläne der Stadt blieben bestehen. Allerdings spielte dabei die Kommunalpolitik, vor allem CDU und Grüne, nicht mit. Der Bezirksbeirat und der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik legten ihr Veto ein und forderten – angesichts des damals schon herrschenden Mangels an bezahlbarem Wohnraum – eine umfangreiche Sanierung. Passiert ist nichts.

Gebäude seit 2017 leer

2015 starteten die Grünen den nächsten Rettungsversuch und stellten im Gemeinderat eine Anfrage zum Gebäude an der Daimlerstraße 100. Denn der Technikausschuss hatte einstimmig entschieden, die Gebäude Daimlerstraße 100 und Veielbrunnenweg 23/25 zunächst nicht abzubrechen, sondern zum Erwerb durch einen privaten Investor auszuschreiben.

Den Bewohnern wurden im Stadtgebiet Ersatzwohnungen mit besseren Standards vermittelt, die Gebäude stehen seit Ende Februar 2017 leer. Da kein Käufer gefunden wurde, hat die Verwaltung deren baulichen Zustand erneut umfassend analysiert und die Modernisierbarkeit geprüft. Im Ergebnis ist die Substanz so stark beschädigt, dass eine Sanierung wirtschaftlich nicht tragbar ist. Ein Käufer für das Grundstück fand sich nie.

Hausbesetzung der Daimlerstraße 100

Im Oktober 2018 geriet das Ensemble aus ganz anderem Grund in die Schlagzeilen: Rund 100 Menschen hatten die Daimlerstraße 100 besetzt und protestierten gegen die Stadtverwaltung, die die Häuser habe herunterkommen lassen – was angesichts von Wohnungsnot und Mietwucher als skandalös empfunden wurde. Baubürgermeister Peter Pätzold hatte damals versprochen, dass das weitere Vorgehen mit dem Gebäudeensemble geklärt werden solle. Ziel war, die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebau GmbH mit ins Boot zu holen. Das städtische Tochterunternehmen soll als Sanierer und Planer fungieren, auch für die angrenzenden Flächen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB).

Neuer Bebauungsplan wäre nötig

Das Papier lag zügig vor, sorgte aber bei den Abbruchgegnern für lange Gesichter. Angesichts der Lage in Nachbarschaft zu einem Gewerbegebiet (SSB-Depot), können die Flächen – Stichwort Lärmschutz – nicht mit Wohnungen bebaut werden. Es sei denn, man ändert den Bebauungsplan, was jedoch eine langwierige Prozedur ist.

Doch das war nicht das einzige Problem: Auch die angestrebte Sanierung des Gebäudes Daimlerstraße 100 hatte ihre Tücken. Auch in diesem Haus konnten am Wohnungszuschnitt und an der Art der Nutzung – das Erdgeschoss ist für Gewerbe vorgesehen – keine Veränderungen vorgenommen werden. Und die SSB? Die zeigte weder Interesse an einem gemeinsamen Nutzungskonzept für Wohnungsbau noch wollte sie das Gelände von der Stadt kaufen. Laut Stadtplanungsamt lässt der Bebauungsplan jedoch den Bau von SSB-Betriebswohnungen zu.

SSB-Verantwortliche zeigen doch Interesse

Anfang 2022 rückte das Gebäudeensemble erneut ins Rampenlicht. Offenbar gab es bei den SSB-Verantwortlichen einen Meinungsumschwung, denn die städtische Tochter zeigte jetzt doch Interesse am Bau von Betriebswohnungen. Die Stadt gab deshalb eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, auf deren Grundlage dann ein Gemeinderatsbeschluss zum weiteren Vorgehen herbeigeführt werden sollte.

Bis dato wurden rund um die umstrittenen Gebäude jedoch lediglich Absperrungen angebracht. Laut Verwaltung war „Gefahr im Verzug“, da sich zu Jahresbeginn nach einem Sturm ein drei Quadratmeter großes Wandstück von der Fassade eines Giebels gelöst hatte und in den Innenhof gestürzt war.

In den kommenden Wochen sollen die Gebäude abgerissen werden. Wie es dann weitergehen soll, steht fest – zumindest aus Verwaltungssicht. Offenbar soll dort jetzt doch das städtische Wohnungsbauunternehmen zum Zug kommen: „Die Rahmenbedingungen im Hinblick auf die Anforderungen der SWSG sind jedenfalls in Prüfung“, sagt Stadtsprecher Oliver Hillinger.

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