Gebäudemanagerin Julia Karl Die Frau, die alle Problemzonen der Stuttgarter Oper kennt

Julia Karl kennt sich aus hinter den Kulissen des Opernhauses. Sie leitet für die Staatstheater das Gebäudemanagement. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wer macht im Schauspielhaus das Licht aus und leert die Wassereimer unter dem lecken Operndach? Julia Karl leitet das Gebäudemanagement in den Stuttgarter Staatstheatern – ein Blick mit ihr hinter die Kulissen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Das Phantom der Oper lebt und heißt Quelllüftung. Tief unten im Stuttgarter Opernhaus schnauft sie in einem riesigen Betonring und bläst über einen Kanal frische Luft aus dem Schlossgarten in den Zuschauerraum. Über verwinkelte Gänge und steile Stiegen, durch mit Technik und Anzeigen vollgestopfte Regulier- und Heizräume hat Julia Karl den Fotografen in den nahezu leeren Kellerraum gelotst – und ihr Ziel erreicht: Die junge Frau, die in den Stuttgarter Staatstheatern das Gebäudemanagement leitet, macht allein schon durch den Weg zum Fotomotiv anschaulich, wie groß und weit verzweigt das Arbeitsfeld ihres 50-köpfigen Teams ist.

 

„Die Räume hier unten stammen aus einer Zeit, in der noch richtig angefeuert wurde“, erklärt die Gebäudemanagerin. Heute wird das 1912 eröffnete Opernhaus mit Fernwärme beheizt. Aber die Arbeit von Julia Karl, einer studierten Architektin, die nach einer Tätigkeit für ein Beratungsbüro vor drei Jahren zu den Staatstheatern kam, hat immer noch viel mit Feuer zu tun – allerdings mit seiner Vermeidung. Wichtige Aufgabe des Gebäudemanagements ist die Verantwortung für den Brandschutz und rund 4000 Rauchmelder. Die Anlage kann für den Einsatz pyrotechnischer Effekte auf der Bühne in Abstimmung mit der Feuerwehr partiell abgestellt werden. Deren Feuersicherheitsdienst überwacht in diesem Fall die Vorstellungen.

Inspektoren machen Rundgänge

Nicht im Keller, sondern unter dem Dach liegt der Grund für den Besuch der Reporterin. Er hat mit Wasser, nicht mit Feuer zu tun. Wer kümmert sich eigentlich um die Leerung der Gefäße, die unter den undichten Stellen des Opernhausdachs stehen? Das war die Frage, die direkt zu Julia Karl führte. Haushandwerker und Inspektoren, lautet ihre Antwort: „Sie arbeiten wie unsere Bühnentechniker im Zweischichtbetrieb, sind ständig in den Gebäuden unterwegs und kennen die neuralgischen Stellen, an denen es gern verstärkt tropft.“

Dramatischer Arbeitseinsatz in der Sturmnacht

Einer von ihnen war es auch, der Julia Karl am späten Abend des 28. Juni im vergangenen Sommer alarmierte, als heftiger Wind am Dach des Opernhauses zerrte. Es folgte der bislang dramatischste Arbeitseinsatz der Gebäudemanagerin. „Ich bin mitten im Sturm zum Theater gefahren. Wir haben mit vereinten Kräften und allen verfügbaren Mitarbeitern im Dachbereich Wasser abgesaugt und den Einsatz von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk koordiniert“, so Julia Karl im Rückblick auf die lange Nacht.

Im Bedarfsfall und bei rot blinkenden Warnleuchten selbst eingreifen zu können sei in einem Theater enorm wichtig, betont Julia Karl und erklärt, warum sie viele technische Spezialisten im Team hat. „Wenn es abends zum Beispiel einen Stromausfall gibt, dann ist keine Zeit mehr, um jemand von außen zu holen“, sagt die Gebäudemanagerin und weiter: „Um den Spielbetrieb zu garantieren, muss man dann unglaublich schnell selbst Abhilfe schaffen.“

Rund 100 000 Quadratmeter fallen in den Zuständigkeitsbereich von Julia Karl, sie sind über mehrere Gebäude verteilt, neben Opern- und Schauspielhaus gehören auch das Nord und die Cranko-Schule dazu. Sauber, sicher, beheizt, gelüftet, ohne Schädlinge und Brandlasten sollte alles sein, die Büros nach den Bedürfnissen der Mitarbeiter eingerichtet. Im Team von Julia Karl sind auch 20 Pförtner, die die beiden Zugänge zu Schauspiel- und Opernhaus im Auge haben und die im Dreischichtbetrieb arbeiten. „Nach 24 Uhr, wenn die Pforten geschlossen sind, machen sie Rundgänge und schauen, ob alle Fenster und Außentüren zu, die Lichter aus und die Bügeleisen abgestellt sind“, erklärt Julia.

Hausmeisterin? Der Begriff wird Julia Karls Arbeit nicht gerecht

Dass ihr Team nach dem irgendwann anstehenden Umzug in eine Interimsspielstätte weniger zu tun haben könnte, kann sich Julia Karl nicht vorstellen. „Ich mache mir keine Sorgen, dass die Arbeit ausgeht. Sie wird nur eine andere sein“, sagt die Fachfrau und nennt als Beispiel den Neubau der John-Cranko-Schule.

„Das ist ein hoch technisiertes Gebäude, und es braucht viel Zeit, um dessen komplexe Technik zu verstehen und zu wissen, wie man reagieren muss, wenn es Fehlermeldungen gibt.“ Hausmeister? Der Begriff wird der Arbeit von Julia Karl und ihren Mitarbeitern nicht mehr gerecht. „Das klingt nach Mädchen für alles“, sagt Julia Karl und lacht: „Wir brauchen aber Spezialisten.“

In der Sommerpause ist die Zeit der Handwerker

Gefragt sind diese auch in der Sommerpause; statt Urlaubszeit herrscht in Julia Karls Abteilung dann Hochkonjunktur. „Viele Instandhaltungsarbeiten sind nur möglich, wenn kein Spielbetrieb ist“, sagt sie und nennt als Beispiel lärmende Arbeiten an der Gebäudesubstanz oder den technischen Anlagen. „Weil im Opernhaus so viel zu tun ist, reichen die sechs Wochen kaum noch aus. Dann geben sich hier die Handwerker die Klinke in die Hand“, so Julia Karl.

Die Arbeit im Theater ist sehr viel anders, als die Architektin es gewohnt war. „Ich hätte nicht erwartet, dass man so viel improvisieren muss“, sagt Julia Karl. „Es gibt wenig Standardabläufe – bedingt durch die Kunst, aber auch durch den Zustand des Gebäudes. Welcher Mangel hier verwaltet wird, konnte ich mir nicht vorstellen.“

Mit Julia Karl unterwegs im Opernhaus

Schlüssel
Mit der Verantwortung wächst der Schlüsselbund? Im Gegenteil – das Geheimnis heißt Generalschlüssel. Julia Karl hat wenig Ballast an ihrem Schlüsselband; doch ihre Abteilung verwaltet in einem Schrank in ihrem Büro mehr als 6500 Einzelschlüssel.

Labyrinth
Die Wege durchs Innere des Opernhauses sind verwinkelt und verwirrend. „Nach einem Jahr beherrscht man die Autobahnen“, sagt Julia Karl. „Bei manchen Wegen muss ich immer noch überlegen.“

Haus
Die Württembergischen Staatstheater, so der offizielle Name, sind – was die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betrifft – das größte Dreispartenhaus weltweit. Hier arbeiten rund 1400 Beschäftigte aus mehr als 50 Nationen in sehr unterschiedlichen Berufen – von der Klimatechnikerin bis zum Kostümschneider.

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