Gebeuteltes Unternehmen aus Remseck Ambulanzengel brauchen eine Finanzspritze

Von Michael Bosch 

Das gebeutelte Unternehmen Ambulanzengel aus Remseck steht kurz vor dem Aus. Die Geschäftsführerin gibt einer ehemaligen Führungskraft die Schuld daran. Aber auch mit neuen Beschäftigten scheint sie wenig Glück zu haben.

Was wird aus den Ambulanzengeln? Den Krankenfahrdienst aus Remseck drücken Schulden, es fehlt inzwischen auch an Personal. Foto: Archiv//Illi
Was wird aus den Ambulanzengeln? Den Krankenfahrdienst aus Remseck drücken Schulden, es fehlt inzwischen auch an Personal. Foto: Archiv//Illi

Remseck am Neckar - Spurlos sind die vergangenen Monate nicht an Simonetta Ciriolo vorbeigegangen. Ihr Unternehmen Ambulanzengel steht vor dem Aus. 200 000 Euro Schulden drücken den Krankenfahrdienst aus Remseck (Kreis Ludwigsburg), ein Insolvenzverwalter ist eingeschaltet. Die Familie ist inzwischen aus der Stadt weggezogen. „Einfach, um ein bisschen Ruhe zu haben“, sagt Ciriolo. Wie es mit dem Krankenfahrdienst weitergeht, hängt vor allem davon ab, ob sich ein Investor findet, der bereit ist, finanziell in das Geschäft einzusteigen. Bis Januar könne man den Betrieb noch aufrecht erhalten, glaubt Ciriolo. Ihre Mitarbeiter hat sie in der vergangenen Woche informiert. „Wir kämpfen weiter. Alle gemeinsam.“ Nur: mit der Gemeinschaft war es nicht immer so gut bestellt.

Was ist passiert?

Im Oktober 2018 hatte sich eine ehemalige Führungskraft der Ambulanzengel an die Öffentlichkeit gewandt. Die Vorwürfe, die die Frau und auch andere erhoben, wogen schwer. Es mangele an der Sauberkeit, Krankenwagen seien ohne gültige Tüv-Plaketten unterwegs, im Nachtdienst würden Minderjährige eingesetzt. Die schwerwiegendste Anschuldigung: In den Einsatzfahrzeugen des Unternehmens, das Fahrten zu Arztterminen, Verlegungen von Patienten zwischen Krankenhäusern, aber auch intensivmedizinische Transporte und Rückholaktionen aus dem Ausland anbietet, sei das Personal nicht ausreichend ausgebildet. Auch privat habe die ehemalige Mitarbeiterin gestichelt. „Wir wissen bis heute nicht, was sie dazu getrieben hat“, sagt Ciriolo.

Keine Fahrten mehr im Ausland

Sie vermutet sogar, dass sie andere angestiftet haben könnte, die Ambulanzengel zu diskreditieren. Wie sich herausstellte, waren die Anschuldigungen größtenteils haltlos. Das Ordnungsamt der Stadt Stuttgart hatte geprüft, das Landratsamt Waiblingen ebenfalls. Beide beanstandeten weder die Qualifikation des Personals noch die Ausstattung der Fahrzeuge. Auch bei einer Hygieneprüfung im Unternehmen selbst wurden keine Verfehlungen festgestellt.

In Stuttgart und im Rems-Murr-Kreis hatten die Ambulanzengel – anders als im Kreis Ludwigsburg – eine Zulassung für Krankentransporte. Aus der Landeshauptstadt haben sich die Ambulanzengel im Juli dieses Jahres zurückgezogen.

Auch der Streit mit der ehemaligen Mitarbeiterin ist inzwischen beigelegt – zumindest gibt es ein abschließendes Urteil des Arbeitsgerichts. Dort hatte die entlassene Mitarbeiterin den Antrag gestellt, auch nach ihrer Entlassung in der Werkswohnung in Remseck wohnen bleiben zu dürfen, außerdem hatte sie Geld für über 800 Überstunden, 23 Urlaubstage und Kosten für einen Lehrgang gefordert.

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Das Gericht hat die vier Anklagepunkte allesamt zurückgewiesen. Die Klägerin hatte vor Gericht keine ihrer Forderungen begründet, sie war nicht einmal persönlich erschienen und hatte stattdessen einen Stellvertreter geschickt. Für Simonetta Ciriolo spricht das Bände. „Wenn es mir wirklich ums Geld geht, dann erscheine ich doch bei so einer Verhandlung und kämpfe auch dafür“, sagt sie. Die Geschäftsführerin sieht sich in ihrem Verdacht bestätigt. Es sei von Anfang an darum gegangen, die Ambulanzengel in den Ruin zu treiben. Und das habe die ehemalige Mitarbeiterin auch beinahe geschafft.

Mitarbeiter soll Urkunden gefälscht haben

„Wir haben seit über fünf Monaten keine Aufträge mehr für Auslandsrückholungen und -verlegungen bekommen“, sagt Ciriolo. Auch Bewerbungen blieben aus. 16 Mitarbeiter beschäftigen die Remsecker derzeit noch, es waren einmal 30.

Im Februar hat Ciriolo das letzte Bewerbungsgespräch geführt. Sie stellte den Rettungssanitäter ein – und erlebte prompt die nächste Enttäuschung. Der Mann soll Urkunden für Rettungssanitäter gefälscht haben. Ausgestellt hatte er sie im Namen des Allgemeinen Rettungsverbands (ARV) Niedersachsen Süd. Als die Fälschungen einer Mitarbeiterin der Ambulanzengel aufgefallen waren, informierte Ciriolo den Verein aus der Nähe von Göttingen. Auch die Niedersachsen erstatteten Anzeige. „Die Urkunden waren sehr gut gefälscht“, sagt Markus Kaczmarek vom ARV. Es sei „kriminelle Energie“ im Spiel gewesen. Der Rettungssanitäter und zwei weitere Mitarbeiter, die Lehrgänge bei ihm absolviert haben sollen, und die gefälschten Urkunden vorgelegt hatten, wurden umgehend bei den Ambulanzengeln entlassen. Ciriolo wollte weiteren Ärger von ihrem Unternehmen abwenden. Vorwürfe, weil sie den Mitarbeiter besser hätte überprüfen müssen, macht sie sich nicht.

Warten auf die Gewerbeaufsicht

Offen ist weiterhin die Frage, ob bei den Arbeitszeiten alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Ciriolo gesteht ein, dass es manchmal schwer sei, die gesetzlichen Grenzen einzuhalten. Vor allem, wenn die Krankenwagen lange Strecken zurücklegen würden. Sie habe, wenn auch etwas verspätet, der Gewerbeaufsicht alle Schichtprotokolle zur Verfügung gestellt. Rückmeldung habe sie bislang keine bekommen. Das Landratsamt teilt auf Nachfrage lediglich mit, dass es tätig geworden sei, „nachdem ein Anlass dazu entstanden war“. Weitere Auskünfte seien aus Datenschutzgründen nicht möglich.