Angst um Kinder Geborgenheit und Fieber-App: „Jetzt darf ich einfach krank sein“
Kinder mit hoher Temperatur machen Eltern große Sorgen. Kinderarzt David Martin hat mit Kollegen eine App entwickelt, die zeigt, was zu tun ist.
Kinder mit hoher Temperatur machen Eltern große Sorgen. Kinderarzt David Martin hat mit Kollegen eine App entwickelt, die zeigt, was zu tun ist.
Die Viren-Saison ist im vollen Gange – und gerade Familien mit kleinen Kindern haben derzeit harte Trainingseinheiten zu überstehen. Doch nicht immer helfen dabei Medikamente, warnt der Kinderarzt David Martin, der das Institut für Integrative Medizin (IfIM) an der Universität Witten/Herdecke leitet. Er rät zu mehr Gelassenheit: „Gerade Fieber ist bei einer Erkrankung im Kindesalter ein Teil der Lösung und nicht das Problem.“
Mit etwas Erfahrung lässt sich ein fieberndes Kind in der Regel gut im häuslichen Umfeld betreuen. Was dabei zu tun ist, besagt die neue S3-Leitlinie „Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen“, die Martin als Koordinator mit 13 Fachgesellschaften im Jahr 2025 verfasst hat. Darauf basiert auch das Smartphone-Tool „FeverApp“ (www.feverapp.de), das der Universitätsprofessor aus Witten mit Kollegen für Eltern entwickelt hat.
Herr Martin, warum haben wir so Angst vor Fieber?
Es ist die Angst, dass Fieber dem Menschen schaden könnte. Insbesondere Eltern sind besorgt, dass Fieber bei Kindern den Gesundheitszustand verschlechtert. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Auch wenn es sich paradox anhört, so können sich Kinder mit Fieber besser vor einer Erkrankung schützen, da die Immunabwehr bei höherer Körpertemperatur besser arbeitet.
Sie haben zusammen mit ihrem Team die kostenlose FeverApp für Eltern entwickelt. Was soll diese bewirken?
Sie soll Eltern in die Lage versetzen, souverän mit dem Symptom Fieber umzugehen: In der FeverApp können sie eine Fieberkurve anlegen, sie können Ratschläge abrufen, um das Kind in der Akutphase zu unterstützen. Auch die Warnsignale sind aufgelistet. Zudem gibt es Videos und weitere Info-Materialien. Auf diese Weise hoffen wir, dass mit der Zeit die Gesundheitskompetenz der Eltern, die die App nutzen, bei fiebrigen Infekten gesteigert wird. So müssen sie deswegen nicht in die Notaufnahmen oder Kinderarztpraxen.
Was sollten Eltern also tun, wenn ihr Kind anfängt zu fiebern?
Der beste Umgang mit Fieber ist zunächst, dass man die Kinder aus ihrem Alltag mit Schule, Kindergarten oder Freizeitaktivitäten komplett herausnimmt. Sie sollten das Gefühl haben: Ich darf jetzt einfach krank sein, und meine Eltern wissen, was ich habe, sie kennen diese Situation und können mir helfen. Dieses Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit ist gerade in der Akutphase einer Erkrankung sehr wichtig – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei kranken Erwachsenen. Diese Zuwendung ist nicht nur ein sehr elementarer Beitrag für ein gut funktionierendes Immunsystem, es ist auch eine sehr gute Beziehungspflege.
Wie wichtig ist Wärme bei Fieber?
Ein fiebriger Infekt beginnt meist mit einem unangenehmen Frösteln. Dagegen hilft tatsächlich in erster Linie Wärme – in Form von einer warmen Decke und warmen Getränken. Die Erhöhung der Körperwärme auch von außen führt zudem dazu, dass Erkrankte schneller ein bestimmtes Temperaturlevel erreichen, auf dem das Immunsystem gut agieren kann.
Was ist der normale Verlauf eines fiebrigen Infekts?
Es dauert in der Regel ein paar Stunden, bis das Fieber seinen Höhepunkt erreicht hat. Normalerweise steigt das Fieber am Abend, es kommt zu einem Plateau und irgendwann in den frühen Morgenstunden geht es wieder runter. Dieser Zyklus kann sich mehrere Tage wiederholen.
Ist es sinnvoll, diesen Fieberzyklus mittels Medikamenten wie Paracetamol oder Ibuprofen zu durchbrechen?
Nein. Das ist nicht nötig. Man braucht keine Angst zu haben, dass das Fieber immer weiter ansteigt. Der Körper eines ansonsten gesunden Kindes ist in der Lage, das Fieber selbst zu regulieren. Und nicht nur bei Kindern ist Fieber ein Freund: Es gibt Studien, die zeigen, dass ältere Menschen, die Fieber im Rahmen einer Lungenentzündung oder nach einer Operation entwickeln und dieses auch aushalten, sich langfristig besser erholen als Patienten, die kein Fieber bekommen oder bei denen das Fieber gesenkt wird.
Es heißt immer, bei Fieber sollen Kinder viel trinken. Was aber, wenn das Kind nichts trinken will?
In der Phase, in der das Fieber steigt, ist der Körper nur an Wärme interessiert, nicht primär an Flüssigkeit. Das heißt, den Erkrankten sollte am besten warme Getränke gereicht werden – am besten immer wieder in kleinen Schlucken. Eltern sollten aber das Kind nur um des Trinkens wegen nicht wecken. Hat das Kind eine ausgeprägte Schlappheit und trockene Lippen, kann dies auf einen Flüssigkeitsmangel hindeuten. Ein weiterer Test: die Haut an Handrücken oder am Bauch zu einer Falte zusammenziehen und loslassen. Bleibt die Falte für einige Sekunden stehen, hat das Kind zu wenig Flüssigkeit. Wir haben noch nichts darüber in der Leitlinie stehen, aber es hat sich gezeigt, dass Familien einen Flüssigkeitsmangel beim fiebernden Kind mit einem sogenannten Einlauf gut selbst behandeln und damit einen Aufenthalt in der Notaufnahme verhindern können.
Wann wird Fieber ein Fall für den Arzt?
Bei Säuglingen, die jünger sind als drei Monate. Ansonsten ist Fieber allein kein Grund, um zum Arzt zu gehen. Es ist vielmehr eine Körperreaktion, um Krankheitserreger loszuwerden. Fieber steigt selten über 41,7 Grad Celsius. Temperaturen über 42,2 Grad Celsius sind extrem selten. Aber es gibt natürlich sogenannte Warnsignale, die zusätzlich auftauchen können: Dazu gehören starke Schmerzen und eine ausgeprägte Nackensteifigkeit. Oder wenn Kinder nicht möchten, dass man sie berührt, weil sie dies als äußerst unangenehm empfinden. Auch schrilles Schreien, das Eltern sonst nicht kennen, kann ein Warnsignal sein. Bilden sich kleine rote Flecken am Körper, die sich nicht mittels eines Glases wegdrücken lassen, sollte das Kind sofort in eine Klinik gebracht werden: Diese Einblutungen könnten auf eine Meningokokken-Meningitis hindeuten.
Gibt es auch Fieber-Persönlichkeiten – also Menschen, die sehr schnell Fieber entwickeln und solche, deren Körpertemperatur auch im Krankheitsfall kaum ansteigt?
Ja. Es gibt tatsächlich Menschen, deren Immunsystem so effektiv funktioniert, dass sie gar kein Fieber brauchen. Oder aber sie haben vielleicht ein paar Stunden Fieber und merken es nicht. Dann gibt es welche, die sehr stark mit sehr hohem Fieber auf Infekte reagieren und die Erreger regelrecht niederwalzen. Schwierig wird es bei den Menschen, die nicht richtig fiebern können – weil sie beispielsweise sehr gestresst sind. Gerade sie müsste man unterstützen, um tatsächlich ins Fiebern zu kommen.
Obwohl der menschliche Organismus schon seit jeher mit fiebrigen Infekten zu kämpfen hat, wird über Fieber weiter geforscht: Was gibt es darüber noch zu entdecken?
Nun, wir konnten mittels der FeverApp bisher 16 Publikationen zu Fieber verfassen – etwa zu Fieberverläufen mit und ohne Fiebersenkung und zu Fieber bei Covid-19. Auch konnten wir zeigen, dass Fieberzyklen einer Gaußschen Kurve folgen – also der Körper in der Lage ist, den Temperaturanstieg selbst zu regulieren. Eine andere Erkenntnis ist, dass Fieber bei den allermeisten Kindern seinen Höhepunkt unterhalb von 41,7 Grad Celsius erreicht. Die durchschnittliche Fiebertemperatur bei Kindern liegt laut Datenlage bei 39 Grad Celsius. Das deutet darauf hin, dass das Immunsystem irgendwo zwischen 39 und 40 am effektivsten arbeitet, dass aber manche Kinder noch eine Spitze darüber hinaus gehen, die in allen uns bekannten Fällen von alleine wieder runtergeht.
App
Die FeverApp ist in Kooperation mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) entstanden. Das Tool versteht sich dabei explizit nicht als reine Info-Anwendung für Eltern, sondern soll die Gesundheitskompetenz der App-Nutzer in puncto Fieber steigern. Sie ist in 14 Sprachen kostenfrei erhältlich: www.feverapp.de/
Experte
David Martin leitet das Institut für Integrative Medizin (IfIM)an der Universität Witten/Herdecke. Er ist auch Co-Leiter des Interdisziplinären Graduiertenkollegs für Integrative Medizin und Gesundheitswissenschaften (IGIM) und des Forschungs- und Lehrzentrums Herdecke. Er wurde 1973 in Vermont, USA, geboren und wuchs in den USA, Frankreich und England auf. Er ist Kinder- und Jugendarzt, pädiatrischer Endokrinologe, Onkologe, Diabetologe und Hämatologe.