Geburtenzahlen Geburtenboom an der Filderklinik
In der Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden kamen dieses Jahr mehr Kinder zur Welt denn je. Verantwortlich dafür ist mutmaßlich die Corona-Pandemie, aber nicht nur.
In der Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden kamen dieses Jahr mehr Kinder zur Welt denn je. Verantwortlich dafür ist mutmaßlich die Corona-Pandemie, aber nicht nur.
Filderstadt - Als Erik Theo am 14. Dezember das Licht der Welt erblickte, waren alle mit der Pandemie verbundenen Ängste seiner Eltern für einen Moment wie weggewischt. Vor allem die Frage, ob Vater Tom Hinsken seine Partnerin Christine mit in den Kreißsaal werde begleiten dürfen, hatte das Ehepaar vor der Geburt nämlich umgetrieben: „Ich hatte Angst, dass ich nur eingeschränkt oder gar nicht mit dabei sein dürfte“, sagt er.
Die Sorge war berechtigt, denn für werdende Väter galt zur Bekämpfung der Corona-Pandemie mancherorts ein Kreißsaalverbot. Nicht aber in der Filderklinik: „Die Bezugsperson, die sowieso mit der Frau zusammenlebt, haben wir nie ausgeschlossen. Eine Frau braucht während der Geburt Unterstützung und Geborgenheit. Und für den Vater ist es per se ein großer Gewinn, dabei zu sein“, sagt Hauke Schütt, Chefarzt der Abteilung Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Filderklinik. Der Partner berge bei der Geburt ein relativ geringes Risikopotenzial, unterstreicht Sigrid Sanwald, leitende Hebamme der Abteilung Geburtshilfe: „Wie man auf die Welt kommt und wer dabei ist, ist nicht egal.“ Nur kranke Väter dürfen aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht mit.
Nicht nur die Wahl der Hinskens ist dieses Jahr auf die Filderklinik gefallen: Bis Mitte Dezember erblickten dort 2290 Babys das Licht der Welt. Das sind mehr Geburten denn je. Doch woran liegt das?
Ein Grund ist der landesweite Babyboom. Im vergangenen Jahr kamen in Baden-Württemberg rund 109 000 Kinder lebend zur Welt – so viele wie seit 1998 nicht mehr. Als Grund dafür führt das statistische Landesamt einerseits die Zuwanderung an, die zu einer Zunahme der Frauen im gebärfähigen Alter geführt habe. Andererseits sei ein Grund, dass die Kinder der sogenannten Babyboomer aus geburtenstarken Jahrgängen nun selbst Kinder bekämen. Und außerdem hat sich die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei einem relativen hohen Wert von 1,57 eingependelt.
Doch der Babyboom schlägt sich nicht in jeder Klinik in Stuttgart nieder. Wie eine Recherche unserer Zeitung zeigt, kamen – Stand September – seit Beginn der Pandemie zum Beispiel im Marienhospital und dem Robert-Bosch-Krankenhaus weniger Kinder zur Welt als davor. Dass also ausgerechnet die Filderklinik mehr Geburten verzeichnet, muss auf weitere Gründe zurückzuführen sein. Und dafür machen Sanwald und Schütt nicht nur die Entscheidungen in Bezug auf die Pandemie verantwortlich. „Wir machen Geburtshilfe so, wie sie in den Büchern steht: zurückhaltend und interventionsarm. Das wichtigste Instrument des Geburtshelfers ist der Stuhl, auf dem er sitzt und abwartet“, sagt Schütt. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel die Rate an Kaiserschnitten die in anderen Krankenhäusern weit unterschreite. Sogar Drillinge brachten die Ärzte und Hebammen der Filderklinik ohne Sectio zur Welt: „Die Leute kommen mit Zwillingen und Beckenendlagen zu uns. Wir finden einen Weg dafür und machen schwierige Sachen möglich“, sagt Schütt.
Dies war für die frischgebackenen Eltern Hinsken der ausschlaggebende Grund dafür, sich für die Filderklinik zu entscheiden. Denn auch bei Erik Theo ging nicht der Kopf, sondern das Becken voran: „Ich wollte auf jeden Fall natürlich entbinden. Der Kaiserschnitt war für mich nie eine Option, solange es nicht sein muss. Ich war mir sicher, das Personal hier kann das“, sagt Christine Hinsken.
Außerdem scheint der anthroposophische Ansatz, den die Filderklinik verfolgt, gut bei den werdenden Eltern anzukommen. „Die Idee ist, den ganzen Menschen zu behandeln: Leib, Seele und Geist“, sagt Hebamme Sanwald. Deshalb erwartet die Kleinsten in der Neonatologie eine reizarme Umgebung mit einem reduzierten Lärmpegel. Zusätzliche Therapien wie die Musiktherapie oder Wickel und Einreibungen zählen darüber hinaus zum Repertoire der Klinik.
Doch nicht jede Frau, die ihr Kind in der Filderklinik zur Welt bringen wollte, konnte dies auch. Zwischen 70 und 100 werdende Mütter mussten sich ein anderes Krankenhaus suchen, um zu gebären. „Wenn es eine Situation gibt, in der man die Frau nicht betreuen kann, dann wäre es fahrlässig, sie aufzunehmen“, begründet Sanwald diese Entscheidung. Nicht immer scheiterte es nämlich daran, dass zu wenige Räumlichkeiten zur Verfügung standen. Der Hebammenmangel geht auch an der Filderklinik nicht spurlos vorbei. „Wir wollen eine sichere und gute Betreuung gewährleisten. Räume hatten wir schon genug, es mangelte an der Betreuung“, sagt Chefarzt Schütt.
Daraus haben die Verantwortlichen Konsequenzen gezogen. Um der steigenden Nachfrage Herr zu werden, entsteht derzeit ein Erweiterungsbau. Dieser bietet Platz für zwei zusätzliche Kreißsäle sowie sechs weitere Betten für die Neonatologie. Und auch personell wird nachjustiert: „Wir dürfen einstellen“, sagt die leitende Hebamme Sanwald. „Es ist eine Herausforderung, weiterhin den Anforderungen zu genügen. Ich freue mich aber darüber, dass wir so vielen Familien einen guten Start ermöglichen können.“
So wie dem kleinen Erik Theo: Obwohl Vater Tom Hinsken während der Geburt eine Maske tragen musste und vor lauter Anstrengung irgendwann Fusseln im Mund hatte, durfte er seiner Frau zur Seite stehen und auch nach der Geburt im Familienzimmer das Glück mit Mutter und Sohn teilen. Darüber zeigt sich Christine Hinsken dankbar: „Es war toll, dass er anwesend war und mit mir geatmet hat. Ich weiß nicht, wie ich es ohne ihn geschafft hätte.“