Werdende Mütter merken es schon länger – in Stuttgart gibt es immer weniger freiberufliche Hebammen. Vor allem die hohen Kosten für die Haftpflicht ist ein Problem. Dem Geburtshaus Mitte droht nun die Schließung.

Stuttgart - Gibt es in Stuttgart zu wenig freiberufliche Hebammen? Der Eindruck drängt sich auf. Für Schwangere ist es aktuell schwierig, eine Hebamme zu finden, die sie im Wochenbett betreut. „Ich muss täglich mindestens einer Frau absagen“, sagt beispielsweise Almut Theisen, die bis Herbst Stuttgarter Kreisvorsitzende des Deutschen Hebammenverbands war.

 

Auch andere Hebammen berichten von Frauen, denen sie nicht helfen können, weil sie ausgebucht sind. „Es gibt eindeutig zu wenig Hebammen“, sagt beispielsweise Karin Braun, die eine Wochenbettbetreuung anbietet. Wer sich zu spät kümmere, bekomme ein Problem. Sie habe schon wütende Anrufe von Frauen auf dem Anrufbeantworter gehabt, erzählt Braun. Zwar ist die Liste der Hebammen, die die Stadt herausgibt, lang, da stehen aber auch Frauen drauf, die nur sehr wenige Schwangere im Monat betreuen. Früher, sagt Almut Theisen, sei es in den Ferien für Schwangere schwierig gewesen, eine Hebamme zu finden, inzwischen sei dies zum Dauerzustand geworden.

Ohne Haftpflichtversicherung kann keine Hebamme arbeiten

„Wir merken den Nachwuchsmangel“, sagt auch Jutta Eichenauer vom Hebammenverband Baden-Württemberg. Genaue Zahlen kann sie nicht nennen. Sie führt aber Gründe dafür an, dass Hebammen ihrem Beruf den Rücken kehren: Der Verdienst sei gering, die Haftpflichtsummen zu hoch, an Aufstiegschancen mangele es. Nun drohe im kommenden Jahr gar das komplette berufliche Aus. Wie berichtet, existiert nur ein Versicherungskonsortium in Deutschland, das die Gruppenhaftpflicht für Hebammen anbietet, bestehend aus drei Versicherungen. Weil die Nürnberger Versicherung angekündigt hat, im Juli 2015 auszusteigen, ist das gesamte Paket in Gefahr. „Wenn sich niemand als Ersatz findet, können wir diese Versicherung nicht mehr anbieten“, sagt Bernd Hendges von Securon, dem Versicherungsmakler der Hebammenverbände. Das würde alle freiberuflichen Hebammen betreffen. Schließlich kann keine Hebamme unversichert arbeiten, weder in der Geburtshilfe noch in der Schwangeren- oder Wochenbettbetreuung. Securon hat alle 151 Versicherungsträger angeschrieben – bisher ohne Erfolg.

„Wir haben alle Existenzängste und machen uns Sorgen, wie es weitergeht“, sagt Almut Theisen. Ohne Hebammen funktioniere das System nicht. Die Frauen kämen schließlich nach einer Geburt viel zeitiger nach Hause als früher. Dort schaue dann die Hebamme nach ihnen und dem Säugling. Almut Theisen fordert eine politische Lösung in der Haftpflichtfrage.

Geburtshaus Mitte droht die Schließung

Tatsächlich ist das Problem in der Politik angekommen. Am vergangenen Dienstag fand ein Gespräch des Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe mit dem Deutschen Hebammenverband statt. Schon im Sommer soll es eine kurzfristige Lösung geben, hieß es , um die explodierenden Kosten für die Haftpflichtversicherung auszugleichen (siehe Infokasten). Darüber hinaus soll Gröhe eine langfristig tragbare Grundsatzlösung zugesagt haben. Die Details sind allerdings noch offen.

Auch im Geburtshaus Mitte ist man von der Ankündigung der Nürnberger Versicherung kalt erwischt worden. Dort ist die Situation ohnehin angespannt. Seit Juli 2013 sucht das Geburtshaus händeringend nach Ersatz, zunächst für eine, nun für zwei Kolleginnen. Die wenigen Interessenten, die es gab, sind abgesprungen. In einem offenen Brief an Oberbürgermeister Fritz Kuhn kündigen die Hebammen aus dem Geburtshaus an, im Sommer schließen zu müssen, sollten sie nicht bis Ende März Erfolg haben. „Die freie Wahl des Geburtsortes in der Landeshauptstadt wäre dann nicht mehr gegeben“, schreiben sie.

Geburtshaus muss Frauen abweisen

Tatsächlich ist das Geburtshaus, das vor zehn Jahren gegründet wurde, die einzige Institution in Stuttgart, in der Frauen außerhalb einer Klinik ihr Kind auf die Welt bringen können. Rund 100 haben dies im vergangenen Jahr getan. Darüber hinaus gibt es nur vereinzelt Hebammen, die in Stuttgart noch Hausgeburten anbieten.

„Wir müssen immer rund um die Uhr zwei Hebammen in Rufbereitschaft haben“, sagt Ruth Hofmeister vom Geburtshaus. Dafür müssten sechs Hebammen Vollzeit arbeiten. Sie seien zu fünft, davon seien zwei in Teilzeit tätig.

Hebammenmangelgebiet auch in Wochenbettbetreuung

Schon jetzt weist das Geburtshaus alle weiteren Frauen ab. „Wir sind seit Langem voll bis Juli, und für die Zeit danach nehmen wir nichts mehr an“, so Ruth Hofmeister. Was weiter laufen wird, sei die Hebammenpraxis, über welche die Wochenbettbetreuung und die Geburtsvorbereitungskurse angeboten werden – zumindest solange die Haftpflichtversicherung gilt. Sollte diese kippen, wäre es auch damit vorbei.

In der Hebammenpraxis spürten die Frauen ebenfalls, dass Stuttgart „auch bei der Wochenbettbetreuung absolutes ,Hebammenmangelgebiet‘“ sei, steht im offenen Brief. Angebot und Nachfolge stünden in keinem Verhältnis. „Wir müssen in der Wochenbettbetreuung wahnsinnig vielen Frauen absagen“, sagt Ruth Hofmeister.

Forderungen an OB Kuhn

Die Hebammen aus dem Geburtshaus schlagen in dem Brief an den OB Maßnahmen vor, die den Beruf in Stuttgart attraktiver machen könnten: ein kostenloser Parkausweis für Hausbesuche, ein Existenzgründungszuschuss, eine deutliche Erhöhung des Hausgeburten-Zuschusses des Gesundheitsamtes, der aktuell bei 13 Euro liegt. Die größten Sorgen könne man ihnen nehmen, würden außerklinisch tätige Hebammen in den städtischen Haftpflicht-Pool aufgenommen, so Hofmeister.

Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer und Krankenhausbürgermeister Werner Wölfle seien mit dem Thema befasst und in der Abstimmung, sagt der Sprecher der Stadt, Sven Matis, auf Anfrage. In wenigen Tagen sei mit einer Antwort zu rechnen.

Warum ist die Haftpflicht eigentlich so teuer?

Kosten:

Die Beiträge für die Haftpflichtversicherung für Hebammen sind seit Jahren stark gestiegen. Laut dem Deutschen Hebammenverband betrug der Betrag für die Geburtshilfe 2003 noch 453 Euro im Jahr, 2013 waren es 4242 Euro. Zum Juli sollen die Beiträge auf 5091 Euro steigen. Die Krankenkassen haben zwar im Gegenzug die Vergütung erhöht, dies kommt laut Hebammenverband aber nur Hebammen zugute, die viele Geburten betreuen. Wer nur Vorsorge und Wochenbettbetreuung anbietet, zahlt von Juli an 435,54 Euro für die Versicherung.

Gründe:
Laut Bernd Hendges von Securon ist das Angebot für die Versicherungen deshalb vergleichsweise unattraktiv, weil die Schäden immer teurer würden. Das liege auch an der besseren medizinischen Versorgung. Kinder, die früher nicht überlebt hätten, würden heute lange leben. Die Versicherungen zahlten das ganze Leben. Das heiße, wenn etwas passiere, gehe es jedes Mal um sehr hohe Summen. Im Geburtshaus Mitte weist man darauf hin, dass noch keine Kollegin einen Schadenfall gehabt habe.

Zur Petition „Macht Euch stark für Eure Hebammen“ geht es hier.