Gedanken zu den närrischen Tagen Warum die Fasnet viel mehr ist als nur Spaß
Ob Pferdemarkt oder Fasnet: In diesen Tagen zeigt sich, wie wichtig die gemeinsame erlebte Freude für den Zusammenhalt ist, meint Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Ob Pferdemarkt oder Fasnet: In diesen Tagen zeigt sich, wie wichtig die gemeinsame erlebte Freude für den Zusammenhalt ist, meint Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Die einen stöhnen ermattet auf und sind froh, dass es vorbei ist. Die anderen fiebern den nächsten Tagen entgegen. Wiederum andere gönnen sich keine Pause und feiern durch. Ja, es sind anstrengende Tage, wenn zwischen Leonberg und Weil der Stadt der Pferdemarkt und die Fasnet auf zwei Wochenenden hintereinander fallen. Nicht nur für Hexen und andere Hästräger bedeutet das Dauereinsatz: Kaum ist der Pferdemist vom Leonberger Marktplatz weggeräumt, steht schon der „Schmotzige“ an.
Selbst in einst als pietistisch geltenden Kommunen übernehmen mitunter gruselig dreinschauende Gestalten zum Auftakt der tollen Tage die Macht. In Rutesheim lässt sich die Bürgermeisterin Susanne Widmaier von den Gumpa-Hexa abführen, in Weissach muss ihr Kollege Jens Milow sogar in den Käfig der Strudelbach-Hexen.
Nun ist das ja hier mit der närrisch-eingefärbten Feierei so eine Sache. Nicht jeder kann etwas damit anfangen. Für etliche Leonberger sind die pferdemärktlichen Umtriebe das höchste der Gefühlsausbrüche. Doch die Grenzen sind fließend, die Region rund um Stuttgart ist ein Zuzugsgebiet. Diese Art der Wirtschaftsmigration bringt neue Sitten und Gebräuche ins Ländle. Das belebt und ist im besten Sinne bunt.
Da passt es gut ins Bild, dass der OB von Leonberg ein Reingeschmeckter ist. Tobias Degode kommt aus Düsseldorf, wo die humormäßigen Uhren doch ein bisschen anders gehen. Aber der karnevalserprobte Rheinländer hat seinem neuen Volk ein großes Kompliment gemacht: „Ich bin überrascht, wie locker hier alle sind“, kommentierte der Oberbürgermeister das bunte Treiben am Pferdemarktdienstag.
Dieses Kompliment darf aber gerne im übertragenen Sinne an ihn zurückgegeben werden. Der Verwaltungsfachmann hat in seinen ersten zehn Dienstwochen nicht nur durch seine unaufgeregte Art gepunktet, die zahlreichen Probleme zielgerecht und ohne marktschreierische Begleittöne anzugehen. Auch beim Leonberger Nationalfeiertag kam seine humorvolle wie hintersinnige Art des Feierns bei vielen gut an. Die Kombination Rheinland-Schwaben, das zeigt sich immer wieder, scheint eine gute zu sein.
Diese Form der freundlichen Gelassenheit dürfte auch dem Selbstverständnis der Menschen in der Gesamtstadt Leonberg dienlich sein, von denen sich nicht wenige immer noch in den, wie es neudeutsch heißt, Blasen ihrer Dörfer verkriechen. Heimatverbundenheit und ein guter Schuss Lokalpatriotismus sind ein gute Sache, doch sollten sich diese Eigenschaften auch auf die größere kommunale Einheit beziehen. Erst dann entsteht ein verbindendes Gemeinschaftsgefühl, das wiederum Stärke verleiht. Dem unbefangenen Tobias Degode ist durchaus zuzutrauen, hier ein gutes Stück zur stadtinternen Völkerverständigung beizutragen.
In Weil der Stadt, wo in den nächsten Tagen im wahrsten Sinne des Wortes die Musik spielen wird, haben die Menschen weniger Probleme mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Die Fasnet ist hier der Kitt, der unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammenhält und Engagement zur übergreifenden Herzenssache macht. Ob Teufel, Clowns oder Schlehengeister: All die Aktiven leben und erleben die Fasnet als große Gemeinschaft, und das nicht nur zwischen dem „Schmotzigen“ und Aschermittwoch.
Dieser Zusammenhalt ist vorbildlich, macht Spaß und steckt an. In diesen Zeiten ein Musterbeispiel, wie die vielbeklagte Spaltung der Gesellschaft mit Solidarität wie auch mit einer guten Prise Humor und Augenzwinkern angegangen werden kann. Wie heißt es so schön in der Karnevalsnachtsmetropole Mainz: Nur wer sich selbst zum Narren macht, feiert echte Fassenacht.