Neulich ist es wieder passiert: Freundlichkeit im Straßenverkehr. Eine seltene Erfahrung. Ich war auf dem Fahrrad unterwegs zur Arbeit und begegnete der Müllabfuhr. Der Fahrer musste rangieren, um rückwärts in eine Straße reinzukommen. Ich hielt an und wartete. Der Fahrer und die Müllwerker winkten überschwänglich. Sie lächelten, bedankten und wünschten mir rufend einen guten Morgen.
Ich winkte ebenso wild gestikulierend und mit einem breiten Lächeln im Gesicht zurück. Gut gelaunt kam ich bei der Arbeit an. Freundlichkeit auf Stuttgarts Straßen ist ein seltenes Gut. Außer bei der Müllabfuhr, so meine Erfahrung. Pauschalaussagen sind natürlich immer Quatsch. Mit Sicherheit gibt es unter Müllwerkern genau so viele bruddlige Zeitgenossen wie unter Zahnärztinnen, Malern oder Pilotinnen. Meine subjektive Erfahrung aber sagt etwas anderes: Müllmänner sind überdurchschnittlich freundlich. Obwohl sie einen Knochenjob machen.
Bei der Stuttgarter Abfallentsorgung arbeiten etwa 400 Menschen. Sind sie womöglich so freundlich, weil sie im Job zufrieden sind? Darauf weiß die Abfallwirtschaft Stuttgart keine Antwort. „Eine Erhebung zur Jobzufriedenheit gibt es bei der AWS nicht, daher können wir Ihnen hierzu leider keine Auskunft geben“, schreibt die Assistentin der Geschäftsführung. Zu anderen Fragen gibt es Daten. Für Stuttgarts Müllabfuhr arbeiten rund 120 Fahrer, 240 Mülllader und 60 Beschäftigte in der Verwaltung. Sie gehören mehr als 40 Nationen an. Frauen sind hauptsächlich in der Verwaltung beschäftigt, schreibt die AWS. Müllladerinnen gibt es keine, aber eine Fahrerin. Wie muss das sein, eine Frau unter 120 Männern?
Die Mitarbeiter werden nach dem Tarif des öffentlichen Diensts bezahlt. Zwischen rund 2800 und 3400 Euro brutto im Monat verdienen Müllader in Stuttgart. Bei den Fahrern reicht die Spanne von rund 3000 bis 3700 Euro. Wie geht es Müllwerkern, wenn sie anderen von ihrem Beruf erzählen? „Mit 18 kommt es komisch in der Disko“, sagte ein Müllmann vor einiger Zeit in einer SWR-Reportage. „Aber mit Mitte 20 denken die Leute schon anders. Dann sagen sie: Oh ja, Landratsamt, sicherer Job und so.“
Fest steht: Über Müllwerker denken die Deutschen besser als über manch andere Berufsgruppe, die die Gesellschaft am laufen hält. Das zeigt eine Befragung des Deutschen Beamtenbunds, die jährlich das Ansehen verschiedener Berufsgruppen untersucht. Müllmänner genießen ein höheres Ansehen als zum Beispiel Politikerinnen, Journalisten, Lokführerinnen oder Förster. Seit 2007, als Daten das erste mal erhoben wurden, ist das Ansehen von Müllmännern gestiegen, das von Unternehmerinnen, Bankangestellten oder Studienräten gesunken.
Wenn die Bevölkerung die Menschen, die ihren Müll abholen, tatsächlich so wertschätzt, wäre es das mindeste, diesen Menschen auch freundlich zu begegnen. Das ist nicht immer der Fall. Vor gut einem Jahr zum Beispiel fuhr ein Mann im nordrhein-westfälischen Kevelaer einen Müllwerker mit dem Auto an und flüchtete dann zunächst. In Bayern wurde im Januar ein Müllwerker schwer verletzt, weil ihm beim Leeren einer Mülltonne eine ätzende Flüssigkeit über Ärmel und Handschuh floss. Offenbar hatte jemand Lösungsmittelreste in den Hausmüll geschmissen, wo so etwas nicht hingehört. Ein Müllwerker sagte der ZEIT, er werde von genervten Autofahrern manchmal gefragt, warum die Müllabfuhr nicht nachts arbeite. Seine Antwort laute dann: „Wieso arbeiten Sie denn am Tag?“
Abgesehen davon, dass Müllwerker wie alle anderen ihren Nachtschlaf brauchen, fände ich es schade, wenn die Müllabfuhr nur noch nachts arbeiten würde. Es gäbe dann weniger Freundlichkeit auf Stuttgarts Straßen.