Gedanken zur Zeitenwende Stuttgarter Lichtblicke

Männle mit Fernsehturm: die Pokale für den Ehrenamtspreis Stuttgarter/Stuttgarterin des Jahres. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Beim Blick in die Welt und auf ihre Kriegs- und Krisenschauplätze beschleicht einen ein Gefühl von Ohnmacht. Doch da gibt’s noch die kleine Welt und die Erkenntnis: Man kann etwas tun. Ein Kommentar von Redakteur Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Zeit für die Zeitumstellung. In der Nacht zum Sonntag wird die Uhr zurückgestellt. Leider nur um eine Stunde. Wenn man könnte, würde man die Zeit gerne zurückdrehen auf den 6. Oktober, Alarm schlagen und einen gellenden Warnruf nach Israel senden. Oder besser noch auf die Zeit vor dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Doch es ist nur eine einzige Stunde. Von 3 auf 2 Uhr. Wir befinden uns mitten in der Gegenwart mit ihren Problemen, die keine Herausforderungen sind, wie manche sagen, sondern echte, weltumspannende Probleme. Es ist Winterzeit. Zeitenwende.

 

Interreligiöses Gebet in Stuttgart

Nein, die Zeit zurückdrehen geht nicht, so wenig, wie man sich wegbeamen kann – wohin auch? Wo aber sind die Lichtblicke, nach denen sich angesichts der vielen schlechten Nachrichten so viele sehnen? „Alles gut?!“ Nein, vieles nicht! Da kann der Nachrichtenmoderator den Reigen der Hiobsbotschaften noch so oft mit einem „Und bleiben Sie zuversichtlich“ beenden.

Die einen lenken sich ab, andere suchen nach klassischen Anlaufstellen für Hoffnung. Eine im besten Sinne kindliche Sehnsucht lässt Kirchenbesucher Sätze ins Gästebuch der Stiftskirche schreiben, wie: „Mach ein Ende mit den Angriffen der Hamas. Gib allen Juden und Palästinensern ein Dach über den Kopf, Essen, Arbeit und ein friedvolles Miteinander.“ Die Kirchen in Stuttgart versuchen diese Sehnsucht mit interreligiösen Treffen und Gebeten praktisch zu unterfüttern – wie diese Woche im Hospitalhof, wo Christen, Juden und Muslime zusammenkamen. Ein lokales Zeichen für das Trotzdem.

Courage verdient öffentliche Anerkennung

Wenn es keinen Zugriff auf das große Ganze gibt, bleibt das Kleine, das Höchstpersönliche, das Beispielhafte: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt“, lautet ein bekannter Kleine-Welt-Verbesserungs-Vorschlag Mahatma Gandhis, der in religiösen Glaubenssätzen und humanistischen Überzeugungen seine Entsprechungen hat. Hier, im Privaten, vor der eigenen Haustüre, sind sie vielfach auch zu finden die vermissten Lichtblicke – manche größer, andere glühwürmchenhaft klein. Doch es sind viele, unterschiedlichster Art.

Lichtblicke begegnen einem bei genauem Hinsehen überall in der Stadt. Auch in dieser Woche wieder. Etwa im Gespräch mit den jungen Initiatoren der Stuttgarter Initiative „Hey Alter“, deren Mitglieder alte Laptops einsammeln, sie aufmöbeln und an bedürftige Schüler verteilen. Eben erst haben sie den 1000. Rechner übergeben. Lichtblicke gehen von Unternehmen aus, die großzügig spenden, und von Einzelpersonen, wie jenem ehemaligen Obdachlosen, der den Stuttgarter Oberbürgermeister angeschrieben hat mit der Bitte, einen „Wohlfühltag“ für obdachlose Menschen zu organisieren. Was wird der OB antworten?

Ein großes Panorama des freiwilligen Engagements

Lichtblicke begegnen einem spektakulär in Böblingen, wo couragierte Bauarbeiter am Donnerstag die Entführung eines Zehnjährigen verhinderten und dafür öffentliche Anerkennung verdienen. Sie begegnen einem mannigfach im Ehrenamt. In dieser Woche haben unabhängig voneinander die Jurys der Bürgerstiftung und unserer Zeitung und der Volksbank getagt, um die Kandidaten für den Bürgerpreis und für den Ehrenamtspreis Stuttgarter/Stuttgarterin des Jahres 2023 zu sichten. Beeindruckt blickten die Jury-Mitglieder auf ein großes Panorama freiwilligen Engagements von Jungen wie Alten, die sich einbringen, um anderen Menschen Unterstützung, Halt und Hilfestellungen zu geben, um Dinge zu bewegen und um Zeichen zu setzen – ökologisch, sozial, gesellschaftlich.

Solche Preise sind wie eine Lichtblick-Sammlung. Ihr Beispiel macht Mut. Sie zeigen: Man kann die Zeit nicht zurückdrehen oder sonstwie auf Zeitreise gehen, doch man kann etwas tun und bewirken.

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