Gedankenspiele in Stuttgart Ostheimer Tunnel bekommt eine Chance

Von Josef Schunder 

Kosten von 400 bis 600 Millionen Euro und eine Bauzeit von zehn bis 15 Jahren: Das sind die ersten Schätzungen für die Idee des Ostheimer Tunnels. Als unterirdische Umgehungsstraße könnte er den Feinstaubbrennpunkt Neckartor entschärfen. Nicht nur die CDU ist davon angetan.

Stau auf der Talstraße – sie könnte stark  entlastet werden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Stau auf der Talstraße – sie könnte stark entlastet werden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Vom Bau kann noch lange nicht die Rede sein, aber die Gedankenspiele um neue Straßentunnel in Stuttgart mit Kosten von rund einer Milliarde Euro haben Hochkonjunktur. Am Dienstag hat sich im Rathaus eine Mehrheit dafür abgezeichnet, die Idee eines Ostheimer Tunnels zwischen Gebhard-Müller-Platz und Gaisburger Brücke zu prüfen. Neben der CDU als Initiatorin zogen im Umwelt- und Technik-Ausschuss nicht nur die Freien Wähler und die FDP mit; auch die SPD will „zumindest die weitere Untersuchung“.

400 bis 600 Millionen Euro könnte dieser Tunnel nach grober Schätzung des städtischen Verkehrsplaners Stephan Oehler kosten. Dazu kämen weitere Millionen für das Anpassen bestehender Straßen und Kreuzungen. Auf der Cannstatter Straße beim Schwanenplatz würden statt bisher knapp 100 000 Autos pro Werktag dann nur noch etwa 60 000 fahren. Für die Konrad-Adenauer-Straße sagte Oehler aber mehr Autos wegen neuer Verkehrsströme in Stuttgart voraus. Von außen könne nicht mehr Verkehr nach Stuttgart fließen – die „Zuläufe sind begrenzt“.

Oehlers Fazit: wahrscheinlich sei der Tunnelbau machbar, doch man müsse die geologischen Verhältnisse, die Bauabläufe und den späteren Betrieb noch „vertieft untersuchen“. Dazu brauche man ein externes Büro. Wollte man die Idee weiterverfolgen, müsste der Gemeinderat 2017 Geld bewilligen. Der Bau würde zehn bis 15 Jahre dauern, die Finanzierung sei ungeklärt. Für etwa 32 000 Autofahrer pro Tag würde die Strecke zwischen Gaisburger Brücke und Stadtzentrum um etwa einen Kilometer schrumpfen. Städtebaulich könnte man den Verkehr auf dem Cityring, besonders beim künftigen Knoten Cannstatter Straße/Wolframstraße, besser organisieren. Zudem könnten Fußgänger die Cannstatter Straße ebenerdig überqueren.

Verwaltungsspitze setzt nicht auf Ostheimer Tunnel

Die Verwaltungsspitze wolle den Ostheimer Tunnel nicht, stellte Städtebau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) klar. Sie setze auf nachhaltige Mobilität. Man habe teure Vorhaben beim öffentlichen Nahverkehr. Er frage sich auch, ob die Stuttgarter einen weiteren Tunnelbau über sich ergehen lassen wollen.

Die CDU kündigte an, sie werde Projektmittel für die Prüfung beantragen. Wer ohne Scheuklappen an die Thematik herangehe, müsse die Vor- und Nachteile genauer untersuchen lassen. Fraktionschef Alexander Kotz sagte, ihm schienen die Vorteile zu überwiegen. Unter anderem würden rechnerisch zwei Tonnen Feinstaub pro Jahr und zehn Tonnen Stickstoffdioxid dort vermieden, „wo wir die meisten Probleme haben“. Das Straßennetz werde zudem „weniger störungsanfällig“. Die SPD ist von der Idee angetan, weil die Cannstatter Straße samt Feinstaub-Brennpunkt sehr stark entlastet würde und ein Überweg „eine Riesenchance“ für den Stöckach wäre. „Die Größenordnung der Kosten wirft aber die Sinnfrage auf“, gab Martin Körner zu.

„Null-Emissions-Röhre“ für Elektrobusse?

Die Linke warf der CDU vor, sie denke immer noch nicht weiter als bis zur Windschutzscheibe. Der Tunnel schaffe nicht nur Entlastung. Die CDU betrachte die Dinge auch aus der „Maulwurfperspektive“. Zu den „massiven Risiken“ bei Stuttgart 21 durch den Tunnelbau in Gipsschichten kämen weitere Risiken. Petra Rühle (Grüne) sagte, die Konrad-Adenauer-Straße verkrafte keine zehn Prozent mehr Verkehr. Man wolle andere Wege beschreiten, die zu weniger und nicht zu mehr Verkehr führten. Die Fraktion möchte die nie vollendete Nordröhre des Wagenburgtunnels zu einer „Null-Emissions-Röhre“ für Elektrobusse, Radfahrer und Fußgänger ausbauen – und so die Verkehrsanbindung von Stuttgart-Ost verbessern. Aber auch über die Prüfung dieser Idee wurde noch nicht abgestimmt.

Dünner noch als für den Ostheimer Tunnel wird die Luft für einen Tunnel zwischen dem B10/14-Knoten am Neckar und der B 27 bei Degerloch. Ebenso für den Stuttgarter Nordostring zwischen Fellbach und Kornwestheim/Ludwigsburg. Hier kam es nicht zu dem von der CDU gewünschten harmonischen Appell an die zuständigen Geldgeber Bund und Land.

Kiwitt wünschte sich ein gemeinsames Signal

Dabei könnte der Nordostring, der rund 175 Millionen kosten dürfte, den Verkehr auf dem Pragsattel um 7000 Autos pro Tag verringern, hatte Thomas Kiwitt vom Verband der Region Stuttgart geworben. Und durch die Filderauffahrt würden am Neckartor etwa 17 000 Fahrten entfallen. Der Nutzen übersteige den Aufwand beträchtlich. Auch Kiwitt wünschte sich ein gemeinsames Signal, dass die Region innerhalb des Landes angemessen Geld für Verkehrsbauten begehrt. Da der Nordostring aber beim Bund nicht als vordringlich eingestuft ist, die Filderauffahrt gar nicht vorgemerkt ist, blieb die strikt gegen Straßenprojekte votierende Linke gelassen: Man rede über „Hirngespinste“. Beate Schiener (Grüne) warnte davor, zusätzlich Lkws vom Neckartal auf die B 27 beim Fasanenhof zu holen, zumal die Filderauffahrt auch noch mal grob 400 Millionen Euro kosten könnte. Für die AfD sprach sich Bernd Klingler gegen Nordostring und Filderauffahrt aus – und gegen den Ostheimer Tunnel.

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