Gedenken Am Ende ersetzte die Kunst den Suff

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Tasso Athanasiadis war Kellner, Künstler, Altstadtfreund. Alkohol und Krankheit bestimmten sein Leben, das früh endete – und am Schluss die Malerei. Das Bischof-Moser-Haus zeigt seine Bilder.

So sah der Altstadtmaler Tasso Athanasiadis sich selbst. Foto: red
So sah der Altstadtmaler Tasso Athanasiadis sich selbst. Foto: red

S-Mitte - Im übertragenen Sinn hat Tasso Athanasiadis sich totgemalt. „Sein Alkoholkonsum war maßlos“, sagt Adele Sperandio. In den letzten zehn Jahren seines Lebens, das mit 65 endete, ersetzte er den Suff gegen die Kunst. Er malte in seiner Einzimmerwohnung. Hätte dabei jemand ihn porträtiert, wäre das Bild des verarmten, verbitterten Malers entstanden. „Er gehörte zu den Menschen, die nicht dumm sind, aber bei denen etwas schiefläuft“, sagt Sperandio.

Ihr sind die Bilder der einstigen Altstadtgröße Tasso zufällig zugefallen. Sperandio kannte den Maler. Auf der Suche nach einem Abnehmer für seinen Nachlass sprach Athanasiadis’ Vermieter so ziemlich jeden an. Sperandio sagte ja. Sie engagiert sich für das Clara-Zetkin-Haus in Sillenbuch. Dem fiel der Nachlass zu. Etwa 20 der Gemälde sind derzeit im Bischof-Moser-Haus im Bohnenviertel zu sehen. Dies einerseits, um das Werk des Mannes zu würdigen, den jeder nur Tasso nannte – schon, weil er seinen Nachnamen verabscheute. Andererseits hängen die Werke in der Hoffnung auf eine Geldspritze an den Wänden. Wer ein Bild kauft, unterstützt das Clara-Zetkin-Haus.

Wie maßlos sein Alkoholkonsum war, belegt ein Scheckheft

„Das eigentlich Interessante sind weniger die Bilder, mehr Tassos Leben“, sagt Sperandio. Der Maler litt unter einer Wunde aus einem Motorradunfall in seiner Jugend, die bis zum Tod nicht verheilte. Später kam Diabetes hinzu. Im Leonhards- und Bohnenviertel, in der Szene, die sich seinerzeit irgendwie aus Linken, Altstadtfreunden und Luden zusammenwürfelte, kannte jeder Tasso. Er kellnerte im Brett, im Kleinamerika, in Rogers Kiste, war Stammgast im Club Voltaire.

Wie maßlos sein Alkoholkonsum war, beweist eine Auflistung in einem Scheckheft. 661 Mark stehen oben rechts in der Spalte. Als Rechnungsposten ist vermerkt: „Bier“. Dass der Trinker nicht dumm war, belegte er selbst allein mit der Wortwahl, als er Gedanken über eine Comedy-Schau auf der Rückseite der Eintrittskarte niederschrieb. „Die Leute produzieren sich nur dort, wo scheinbar das für sie genehme Auditorium vorhanden ist.“ Derlei Relikte seiner selbst hat Tasso gesammelt, in einer Blechkiste mit der Aufschrift „Teekanne im Pompadour“. In ihr ruht gleichsam sein geistiges Vermächtnis. Mehr blieb nicht.

Tasso war Autodidakt, allerdings einer mit Talent

Außer eben der Bilder. Die sind gewiss keine Meisterwerke. Tasso war Autodidakt, allerdings einer mit Talent. Vermutlich entwickelte er über die Jahre hinweg seinen Stil. Belegbar ist das nicht. Manche Gemälde der aktuellen Ausstellung sind plakativ, andere naiv, in manchen verhalf der Maler seinen gepinselten Motiven zusätzlich mit Wachs oder Kreide zu Konturen. Nächtliche Szenen entfalten einen surrealen Lichterglanz, der üblicherweise keinem Laien gelingt, der mit einem Kunstlehrer allenfalls einmal an der Theke sprach.

Tassos Motive entsprangen der Altstadt: Stripperinnen, Huren, Frauen und Männer an Theken, Straßenszenen. Er malte aber auch realistisch Häuser des Quartiers bei Tag, im Sinne von Urlaubserinnerungen. Ein guter Teil dieser Bilder ist inzwischen verkauft – die Hausbesitzer wollten sie. Mit der aktuellen Schau, etwas mühsam „Starke Frauen im Städtle“ benannt, kehrt sein Werk gleichsam an seinen Ursprung zurück. Zu Tassos erster Ausstellung im Jahr 2006 hatte ihn die Krankenschwester überredet, die ihm regelmäßig sein Bein verband. Die Leitung des Bischof-Moser-Hauses ließ sich schon damals überzeugen.




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